Sieg für die Neinsager Griechenland wählt eine ungewisse Zukunft

Ochi! Mit großer Mehrheit haben die Griechen Nein zu den Sparvorgaben der EU gesagt. Die Regierung von Premier Tsipras kann sich durch das Referendum gestärkt fühlen. Doch dem Land droht jetzt noch größere Not.
Sieg für die Neinsager: Griechenland wählt eine ungewisse Zukunft

Sieg für die Neinsager: Griechenland wählt eine ungewisse Zukunft

Foto: MARKO DJURICA/ REUTERS

Der Syntagma-Platz in Athen und die Bürgersteige vor dem griechischen Parlament verwandeln sich am Sonntagabend zu einem Markt: Händler haben mobile Stände aufgebaut, verkaufen gegrillte Maiskolben und Fleischspieße, überall gibt es die griechische Nationalflagge zu kaufen. Volksfeststimmung in der Hauptstadt.

Am meisten gejubelt wird auf dem Klafthmonos-Platz. Dort feiert die linke Regierungspartei Syriza das Nein der Griechen beim Referendum. "Ochi, ochi, ochi!", rufen Anhänger von Ministerpräsident Alexis Tsipras. "Ochi", das ist ihr Nein, das sie auf dem Stimmzettel angekreuzt haben.

Zwar sind am späten Sonntagabend noch nicht alle Stimmzettel ausgezählt, aber schon früh nach Schließung der Wahllokale deutete sich an, dass das Nein-Lager und damit auch die griechische Regierung siegen werden. Umfrageinstitute hatten ein knappes Rennen vorhergesagt, aber jetzt senden die Nachrichtenkanäle pausenlos Zahlen, die eine klare Sprache sprechen: In der Region Attika liegt das Nein-Lager nach Auszählung von 60 Prozent der Stimmen bei 60,4 Prozent. In Thessalien kommen die Ochi-Anhänger zu diesem Zeitpunkt sogar auf 61,6 Prozent, auf Kreta sieht es noch deutlicher aus: 69,6 Prozent.

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Referendum in Griechenland: Nein sagen und jubeln

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Syriza-Anhängerin Sandra Demertzi verfolgt das Treiben auf dem Klafthmonos-Platz. Die 40-Jährige ist erleichtert und glücklich. Die Gläubiger hätten fünf Jahre lang "wie Vampire an unserem Blut gesaugt", sagt sie. Das Ergebnis des Referendums sei gut für Griechenland.

Aber ist es das wirklich?

Tatsächlich sieht es nur auf den ersten Blick nach einem Sieg für Tsipras aus. Seine Regierung hat für ein Nein geworben, Finanzminister Yanis Varoufakis sogar mit einem Rücktritt gedroht, sollten die Griechen mehrheitlich mit Ja stimmen. Aber die Griechen haben ihrer Regierung das Vertrauen ausgesprochen. Die Regierung bleibt - vorerst - im Amt, Varoufakis, der Schrecken seiner EU-Finanzministerkollegen, kann seinen Posten - vorerst - behalten. Die politische Führung hat nun das Mandat der Bevölkerung, die Sparvorgaben der einst Troika genannten Gläubigergemeinschaft des Internationalen Währungsfonds, der Europäischen Kommission und Zentralbank selbstbewusst abzulehnen.

Das erstaunliche Ergebnis ist Ausdruck des Frusts der Griechen nach fünf Jahren wirtschaftlichen Niedergangs, nach Rettungsaktionen, Steuererhöhungen und von der EU geforderten Sparmaßnahmen. Sie wollen einen Befreiungsschlag, einen Neuanfang, keine neuen Ausgabenkürzungen und Reformen.

Tsipras muss erneut verhandeln

Doch es wird ein steiniger Weg. Denn jetzt beginnen die Schwierigkeiten für Griechenland erst richtig. Tsipras muss nun erneut mit den Geldgebern verhandeln. Das kann er zwar mit gestärktem Selbstbewusstsein tun - aber was, wenn die Gläubiger sich nicht darum scheren und keine neuen Zugeständnisse machen? Deutschland und Europa werden sich von den Griechen auch nach diesem Votum nicht unter Druck setzen lassen. Kanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Hollande wollen schon am Dienstag einen Gipfel der Eurostaaten einberufen.

Die Banken waren in den vergangenen Tagen geschlossen, Griechen konnten pro Tag maximal 60 Euro am Geldautomaten von ihrem Konto abheben. Fraglich ist, ob sich diese Lage in den kommenden Tagen verändern wird. Beim IWF ist Griechenland bereits im Verzug bei der Rückzahlung von Schulden, von Tag zu Tag verschlimmert sich die wirtschaftliche Lage. Tsipras verspricht, die Banken würden am Dienstag wieder öffnen, aber noch ist völlig unklar, ob das wirklich der Fall ist. Wozu sollen Banken öffnen, wenn kein Geld mehr da ist?

Gelingt ihm kein Deal in den kommenden 48 Stunden, beginnt die Wirtschaft zusammenzubrechen. So gesehen, steht er unter so großem Druck, dass fraglich ist, ob ihn das Votum wirklich gestärkt oder nicht vielmehr geschwächt hat. Möglicherweise stehen dann doch Neuwahlen an.

Vom Grexit würden die Reichen profitieren

Athen muss so schnell wie möglich etwas mit den Geldgebern aushandeln. Ein hingeschleudertes Nein reicht eben nicht, um Griechenland zu retten. Dieses Nein ist kein Beschluss zum Austritt aus dem Euro, im Gegenteil: Tsipras muss sich nun um einen neuen Deal bemühen, um sein Land nicht gegen die Wand zu fahren. Ein Grexit, wie der Euroaustritt Griechenlands genannt wird, wäre zumindest in der Anfangsphase eine Katastrophe für die Griechen: Die Kaufkraft der Menschen würde massiv sinken, nachdem sie schon jetzt nur noch ein Einkommensniveau von 70 Prozent im Vergleich zu 2008 haben. Profitieren würden die Reichen mit Kapital im Ausland und Schulden im Inland. Ein Grexit wäre sozial hochgradig ungerecht.

Die griechische Opposition scheint zu verstehen, was auf dem Spiel steht. Sie hat am Sonntagabend angekündigt, jeden Deal mit den Gläubigern mitzutragen - Hauptsache, Griechenland bleibt in der Währungsunion. Das spiegelt die Meinung der Griechen wider: Trotz des heutigen Neins sagen 75 Prozent in Umfragen, dass sie den Euro als Währung für Griechenland befürworten.

Bei vielen aus dem Nein-Lager war zu hören, sie seien sich sehr wohl bewusst, dass ihr Votum die wirtschaftliche Lage verschärfen könnte. Aber wenigstens würde man sich so der Unterdrückung durch die reichen EU-Länder, allen voran Deutschlands, entziehen und zur Würde zurückfinden. Die Bilder vom blutsaugenden deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble haben bei einer Mehrheit der griechischen Wähler gezogen.

Sie nehmen in Kauf, aufrecht unterzugehen, anstatt auf Knien zu den Geldgebern zu kriechen.

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