Befürworter eines Euro-Austritts Je jünger, desto Drachme

Die Märkte im Chaos, Europa vor dem Scheitern? Horrorszenarien kursieren über Griechenlands Zukunft - aber im Land selbst gäbe es auch Profiteure: die Befürworter eines Euroausstiegs im Überblick.

Passanten in Athen: Viele sehnen sich nach dem Grexit
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Passanten in Athen: Viele sehnen sich nach dem Grexit

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Ganz Griechenland bangt um den Verbleib im Euro? Von wegen: Einige Griechen befürworten einen Grexit, manche Gruppen sehnen die Rückkehr zur alten Währung geradezu herbei. Welcher Akteur hat welche Motive? Der Überblick:

1. Die Ideologen - Das Herz schlägt links

Sie sammeln sich in der Syriza-Regierung, aber auch anderswo im politischen Athen: überzeugte Ideologen. Sie glauben, dass Griechenland besser ohne den Euro (und Europa) zurechtkäme und komplett unabhängig sein sollte. Panagiotis Lafazanis etwa, den Anführer des ultralinken Syriza-Flügels, beschreiben Freunde und Feinde als ehrenhaften Patrioten - aber in den Augen seiner Kritiker ist er gefangen in der Gedankenwelt des Kommunismus des 20. Jahrhunderts (das russische St. Petersburg etwa nennt er noch immer "Leningrad"). Nun fiebern sie dem nächsten Termin entgegen: Am kommenden Sonntag will Premier Alexis Tsipras sein Volk über das Sparpaket abstimmen lassen. Wie der ultralinke Syriza-Flügel stimmen wird, dürfte klar sein.

2. Die Theoretiker - Dem Grexit einen Sinn geben

Für den deutschen Wirtschaftsforscher Hans-Werner Sinn vom ifo-Institut gibt es griechische Entsprechungen: leidenschaftliche Grexit-Anhänger, deren Überzeugungen nicht ideologischer Natur sind, sondern auf ökonomischen Denkmustern basieren. Sie zählen zum linken Flügel - so etwa Kostas Lapavitsas. (Lesen Sie hier ein Interview mit dem Syriza-Politiker.) Finanzminister Gianis Varoufakis sagte mal über ihn, er habe damit Karriere gemacht, "die Drachme zu propagieren".

Lapavitsas ist Wirtschaftsprofessor. Und er glaubt auf der Grundlage eines "detaillierten ökonomischen Plans", dass das griechische Volk eine bessere Zukunft mit einer eigenen Währung hätte. Er ist mit dieser Einschätzung nicht allein: Im Gespräch mit linken Professoren an griechischen Universitäten ist immer wieder zu hören, der Grexit sei dämonisiert worden. Griechenland brauche nun eine ruhige und sachliche Debatte und einen detaillierten Plan B für die Umgestaltung des Landes. Manche behaupten, dass es so einen Plan nicht gebe und dass die Gläubiger das auch wüssten - weshalb Premier Tsipras in den Verhandlungen eine rote Linie nach der anderen aufgebe.

3. Die jungen Griechen - Je jünger, desto Drachme

"Ich wünsche uns die Drachme zurück, das wäre risikofreudiger", sagte eine 18-jährige Griechin SPIEGEL ONLINE - just an jenem Tag, als die meisten ihrer Altersgenossen ihre Abiturnoten erhielten. Die junge Frau ist nicht allein: Umfragen zeigen, dass die Sorge vor der Wiedereinführung der Drachme mit dem Alter ansteigt.

Laut einer Erhebung des Thinktanks Bridging Europe, an der rund 1800 Griechen im Alter zwischen 22 und 45 Jahren teilnahmen, haben 63 Prozent der Befragten keine Angst vor dem Grexit. Natürlich nicht, werfen Kritiker dieser Umfragen ein: Viele der Befragten können sich an die Drachme nicht erinnern oder waren noch in der Grundschule, als es die Währung noch gab. Demnach haben viele junge Griechen keine Erinnerungen an die Hyperinflation oder die Tatsache, dass man für ein Bankdarlehen einen "Meson" brauchte - einen Bekannten in einflussreicher Position.

4. Korrupte Unternehmer - Man muss noch Chaos in sich haben

Es ist kein Geheimnis, dass etliche Geschäftsleute mit gescheiterten oder überschuldeten Firmen den Ausstieg aus dem Euro herbeisehnen. Denn das wäre für einige von ihnen die ideale Gelegenheit, ihre Kredite im Chaos ausradieren zu lassen.

5. Die Besitzer heimlicher Konten im Ausland - Kaufen, Kaufen

Schätzungen zufolge liegen auf Konten außerhalb Griechenlands mehr als 200 Milliarden Euro, die Griechen dort rechtzeitig versteckt haben. Dabei machen das nicht nur die Superreichen: Im vergangenen Jahr überwiesen der Regierung zufolge 5260 Angestellte des öffentlichen Dienstes insgesamt 1,45 Milliarden Euro ins Ausland, als Vorsichtsmaßnahme. Sie wollen so ihr Geld retten und hoffen gleichzeitig auf den Verbleib Griechenlands in der Eurozone.

Andere hingegen spekulieren auf den Grexit, um dann mit dem verheimlichten Vermögen Grundstücke, Unternehmen und vieles andere in ihrer Heimat zu ergattern. Denn die neue Währung nach dem Euro verlöre mit Sicherheit schnell an Wert - und dann könnten diese Profiteure extrem günstig einkaufen.

6. Die Nationalisten - Viele Wege führen nach Moskau

Nicht jedermann ist glücklich mit der griechischen Strategie, sich an die drei Institutionen EU, EZB und IWF zu binden. Viele Griechen halten an Samuel Huntingtons Theorie vom "Kampf der Kulturen" fest, in der Griechenland nicht Teil des Westens ist - sondern zu einer orthodoxen Achse mit Russland gehört. Griechenland hat seit jeher dieses Identitätsproblem, und viele fühlen sich dem Westen bis heute fremd. Das zeigte sich in den Achtzigerjahren, als Tausende Griechen einen Schließung der "todbringenden Nato-Militärlager" in Griechenland forderten.

Dazu passte später auch die Unterstützung für Serbien in den Jugoslawienkriegen und der jüngste Flirt mit Wladimir Putins Russland. Schließlich gibt es sogar Träume, Russland, China, Iran oder lateinamerikanische Staaten könnten im letzten Moment als Retter oder wohlwollende Partner an die Seite Griechenlands treten.

7. Die mächtigen Beamten - Da könnte ja jeder kommen

Teil der Europäischen Union und der Eurozone zu sein, bringt so manche Regel und Vorschrift mit sich. In Griechenland hat dieses Regelwerk wahlweise für Spott oder Empörung gesorgt. Ein geschwächtes, losgelöstes Griechenland könnte hingegen einen eigenen Staats-Apparat aufbauen, ganz ohne den Einfluss externer Kontrolleure. In einem solchen Land könnte der Schlüssel zum Erfolg wieder einmal heißen: Nur wer die richtigen Leute an den wichtigen Stellen kennt, kommt voran.

Im Video: Griechenland schließt die Banken


Zusammengefasst: Einige Griechen wünschen sich den Austritt ihres Landes aus der Eurozone: Nationalisten und Linke haben ideologische Ziele, korrupte Unternehmer und Beamte wittern Macht und Geld. Und ein großer Teil der Jugend weiß schlichtweg nicht mehr aus eigener Erfahrung, wie das Leben in Griechenland ohne Europa funktionierte.

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cs01 29.06.2015
1.
Mit einer vernünftigen Finanzpolitik wäre ein Ausstieg kein Problem. Aber irgendwie glaube ich nicht daran.
Sonia 29.06.2015
2. Die Jugend hat Recht, sie schaut nach
England, Schweden, Dänemark, Norwegen etc., dort hat das Volk einmal vernünftig entschieden: Nein, kein Euro. Bei uns wagte es niemand, das Volk entscheiden zu lassen. Ich meine, diese Eurokraten fürchten sogar den Austritt der Griechen, so richtig werden wir nie erfahren, was da hinter den Kulissen wirklich läuft. Mit der Euro-Administration u. den Vorgängerregierungen wurde Griechenland wirtschaftlich platt gemacht. Eine Bedingung zum Beitritt war einmal, die eigene Landwirtschaft platt zu machen, dafür gab es Millionen. Tomaten aus Holland, Obst aus Argentinien liegt heute dort in den Supermärkten - vorbei mit dem riesigen Obst- u. Gemüseangebot aus der eigenen Landwirtschaft. Mögen die Griechen sich darauf besinnen, nur ihre eigenen Waren zu kaufen und wieder anzubauen. Das Geschreib der jetzigen Obst- und Gemüseprofiteure wird riesig. Und so ist es mit vielen Produkten, heimische weg, Importe rein. Macht euren Käse selbst, liebe Griechen und verweigert euch dem französischen und holländischen. So schafft ihr endlich wieder Arbeitsplätze.
thespeedmaster 29.06.2015
3. Sonntag? Referendum?
Ob die Amateur-Truppe in Athen das Referendum überhaupt abgewickelt kriegt, ist IMHO noch abzuwarten. Diese total "wertlose" Regierung hat doch bisher noch nichts auf die Reihe bekommen. Wenn doch, Chapeau! Wir werden sehen.
Senf-Dazugeberin 29.06.2015
4. Es ist doch total egal, wofür/wogegen die Griechen abstimmen
Die Entscheidungen über weitere Hilfsgelder werden doch wohl immer noch von der Gläubigerseite gefällt. Nur weil die Griechen evtl. für ein Ja zum Euro stimmen, ändert sich doch nichts daran, dass jeglicher zusätzliche Euro auf Kosten von uns Rest-europäischen Steuerzahlern genauso im Unfähigkeits- und Korruptionssumpf versickern würde wie alle hunderten Milliarden Euros zuvor. Außerdem müssten (bei welchem Paket auch immer) vorher noch mehrere nationale Volksvertretungen abstimmen. Das Referendum macht in meinen Augen absolut null Sinn... aber ich glaube, so weit denken die meisten noch gar nicht.
galbraith-leser 29.06.2015
5. Huntingtons Thesen haben sich in weiten Teilen bestätigt
Das gilt auch in Bezug auf Griechenland. Ich persönlich habe kein Problem damit, die Griechen auf ihre Art glücklich werden zu lassen - vorausgesetzt nicht dafür permanent zur Kasse gebeten zu werden. Hoffentlich stimmen sie mit Nein, dann hat sich das Thema endlich erledigt. Die Schulden wären zwar weiterhin vorhanden und müssten de jure auch in Euro erstattet werden, aber unter dem Strich weiß jeder, dass das Geld futsch ist. Danke, Frau Merkel, für fünf Jahre unfähiger Politik.
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