Griechenland-Schuldenpoker "Wer weitere Rentenkürzungen fordert, ist ein Fanatiker"

In der Schuldenkrise geht es verbal hart zur Sache, Geldgeber und Athen schenken sich nichts. Ein enger Vertrauter von Premier Tsipras wirft im Interview den Euro-Partnern schlechten Verhandlungsstil vor.

Griechischer Protest gegen die Austeritätspolitik: Verschärfung "der humanitären Krise"
DPA

Griechischer Protest gegen die Austeritätspolitik: Verschärfung "der humanitären Krise"

Aus Athen berichten und


In der Sache gibt es keinen Fortschritt: Zwischen den Reformvorschlägen Griechenlands und den Forderungen der Gläubiger klafft noch immer eine Milliardenlücke, und beide Seiten schieben sich gegenseitig die Schuld dafür zu, dass es nicht vorangeht. Die griechische Regierungspartei Syriza sieht bei den Verhandlungen Athens mit EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) seit geraumer Zeit vor allem die internationalen Geldgeber in der Pflicht. Athen sei bei den Gesprächen zur Lösung der griechischen Schuldenkrise "so weit gegangen, wie wir nur konnten", sagte Tassos Koronakis am Donnerstag in einem Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Koronakis ist Sekretär des Syriza-Zentralkomitees und gilt als enger Vertrauter von Syriza-Chef und Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Koronakis wandte sich entschieden gegen weitere Einsparungen im griechischen Rentensystem, die von den Geldgebern gefordert werden. 44 Prozent der Ruheständler in dem südosteuropäischen Land würden eine Rente beziehen, die unterhalb der Armutsgrenze liege, so der Syriza-Politiker. Es habe bereits in den vergangenen vier Jahren drastische Einschnitte in diesem Sektor gegeben: "Wer weitere Rentenkürzungen fordert, ist ein Fanatiker", schimpfte Koronakis und warnte in diesem Zusammenhang vor einer Verschärfung "der humanitären Krise" in seinem Land.

Der Streit über neue Einsparungen im griechischen Rentensystem gilt als einer der strittigen Punkte in den Gesprächen zwischen Athen und seinen Gläubigern.

Koronakis warf Teilen der Verhandlungspartner vor, Griechenland indirekt mit einem Ausscheiden Athens aus der Eurozone zu drohen. Dies müsse ein Ende haben. "Wir drohen niemandem, aber wir akzeptieren auch keine Drohungen gegen uns", sagte Koronakis.

Kritik auch an der griechischen Zentralbank

Der Syriza-Politiker betonte, dass sich Griechenland einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen mit den internationalen Geldgebern wünsche. Es sei dabei aber entscheidend, dass die Vereinbarung dazu beitrage, Griechenland eine Chance zur wirtschaftlichen Erholung zu ermöglichen. Koronakis verwies in diesem Zusammenhang auf einen Reformvorschlag Griechenlands. Nach Überzeugung der Geldgeber sind diese Vorschläge aber nicht weitreichend genug.

Koronakis übte zudem Kritik an der griechischen Zentralbank. Deren Gouverneur Yannis Stournaras hatte zuletzt in einem turnusmäßigen Bericht davor gewarnt, dass Griechenland eine "unkontrollierbare Krise" drohe, sollte sich das Land mit seinen Geldgebern nicht einigen können. Es sei zu befürchten, dass Griechenland bei einem Scheitern der Verhandlungen seine Zugehörigkeit zur Eurozone und zur EU verliere, so Stournaras.

Koronakis sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Wir akzeptieren die Unabhängigkeit der Zentralbank, aber es ist nicht ihre Aufgabe, sich in politische Angelegenheiten einzumischen." Auch das Timing des Zentralbank-Berichts sei unglücklich gewesen.

Syriza liegt schon länger im Clinch mit Stournaras. In der Vergangenheit haben ihm Syriza-Politiker bereits vorgeworfen, die Verhandlungen mit den Geldgebern zu untergraben. Stournaras war von 2012 bis 2014 Finanzminister unter dem konservativen Regierungschef Antonis Samaras.



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jogi1709 18.06.2015
1. Das ist so ,
als ob auf der Straße ein Bettler sitzt , der einem Passanten erklärt, er -der Bettler - habe frühere Spenden versoffen und neue Spenden nehme er mit unter bestimmten Bedingungen, u.a. dass er auch diese versaufen darf .
Sonia 18.06.2015
2. Und Recht hat Varoufakis und er weiß auch,
der IWF verhandelt mit der Ukraine wegen eines Schuldenschnitts, er darf das Wort nicht mal in den Mund nehmen. Er weiß auch, die Ukrainer haben gerade ein Gesetz beschlossen, welches festlegt, dass Zahlungen an ausländische Gläubiger eingestellt werden. Krass, oder? Warum ist Varoufakis noch nicht auf diese Idee gekommen? Sonst müssen wir jeden Quark über die Kiewer-Truppe lesen, so eine wichtige Entscheidung wird uns verschwiegen. Warum? 11 Mr. und dazu bilaterale Kredite schuldet die Ukraine der EU, 100 Mio. EUR flossen gerade aus Deutschland wieder einmal dorthin. 23 Mr. US-Dollar Schulden. Sind diese an die Macht Geputschten strategisch wichtiger, als unsere wirklich langjährig Verbündeten Griechen, die uns als Gastarbeiter mit zu unserem Wohlstand verhalfen, in deren Land wir gerne reisen und nicht um unser Leben fürchten müssen? Diese politischen Heucheleien, ich verstehe, dass Tsipras und Varoufakis der Hut hochgeht, zumal deren Regierung diesen Mist nicht verzapft hat, der Kinder in der Schule vor Hunger umfallen lässt.
Reza Rosenbaum 18.06.2015
3. Humanitaere Krise
Was soll das sorglose Herumwerfen mit Begriffen wie "humanitaere Krise"? In Griehcenland leiden Menschen keinen Hunger, haben kein Problem, ihre Grundversorgung sicherzustellen. Eine humanitaere Krise gibt es in Kriegslaendern, oder nach Naturkatastrophen wie juengst in Tahiti, Bangladesh, Tibet/Nepal, etc. In Griechenland geht es darum, dass man vielleicht die Zigaretten nicht mehr bezahlen kann, oder dass die Anschaffung des naechsten Autos oder Mopeds ein paar Jahre warten muss. Hier so zu tun, als ob Griechenland eine Hungernot drohen wuerde, oder als ob Millionen das Dach ueber dem Kopf verlieren wuerden, ist nicht nur zynisch, es ist auch dumm, weil es die Geldgeber nur noch mehr veraergert. Den Griechen geht es sicher nicht in allen Bereichen so gut wie Buergern anderer Laender, aber es ist das Land mit der hoechsten Lebenserwartung in Europa, also kann dort nicht alles im Argen liegen. Ein stressarmer Job und eine fruehe Verrentung spielen sicherlich eine Rolle bei dieser Demographie. Ist ja auch nicht verkehrt. Aber seht halt zu, wie ihr's bezahlt und jammert nicht von "humanitaerer Krise." Das ist eher ein bisschen ekelhaft.
Badener1848 18.06.2015
4. Miltäretat kürzen anstatt Renten
Das war zumindest der Vorschlag der griechischen Regierung. Der IWF will lieber die Renten kürzen. Da bleibt einem echt die Spucke weg!
lvkwge 18.06.2015
5. Man muss kein Fanatiker sein,
um zu kapieren, dass nicht mehr als die finanziellen Ressourcen ausgezahlt werden kann. Ich sehe viele Möglichkeiten, mit meinen abgeführten Steuern etwas sinnvolleres als die dauerhafte Alimentierung der griechischen Rentner zu finanzieren.
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