Kommentar zur Griechenland-Debatte Nicht so leichtfertig, bitte!

Ist ein griechischer Euro-Austritt wirklich mittlerweile kein Problem mehr, wie Kanzlerin Merkel zu glauben scheint? Von wegen: Das Risiko eines solchen Schrittes bleibt erheblich.
Bald wieder Drachme statt Euro? Griechische Kunden vor Bankautomaten

Bald wieder Drachme statt Euro? Griechische Kunden vor Bankautomaten

Foto: imago

Berlins Reaktion auf die Gefahr eines Euro-Austritts Griechenlands lässt sich nach wie vor in zwei Worten zusammenfassen. Deren Inhalt hat sich aber grundlegend geändert. Statt eines panischen "Was nun?" scheint der entspannte Tenor jetzt zu lauten: "Na und?"

Denn so sehr die Bundesregierung 2011 in Schockstarre verfiel, als der damalige griechische Premier Georgios Papandreou ein Referendum über die EU-Sparpolitik ankündigte, so gelassen blickt sie offenbar nun einem Wahlsieg der Protestpartei Syriza und einem möglichen Abschied des Landes aus der Eurozone entgegen.

"Notfalls klären das findige Juristen", heißt es laut einem SPIEGEL-Bericht aus dem Umfeld von Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble.

An dieser Gelassenheit ist vieles richtig: Die Lage in der Eurozone hat sich stabilisiert, weil ihre Mitglieder einige Reformhausaufgaben erledigt haben. Das kleine Griechenland kann den großen Rest der Gemeinschaft nicht mehr so leicht erpressen wie auf dem Höhepunkt der Eurokrise. Auch deshalb, weil private Gläubiger inzwischen weniger als 25 Prozent der ausstehenden griechischen Staatsschulden halten. Stellt Griechenland tatsächlich den Schuldendienst ein, wären in erster Linie Europas Steuerzahler die Dummen. Und deren Lobby ist bedauerlicherweise weniger vernehmbar als die der Finanzindustrie.

Es ist ferner richtig, dem Syriza-Chef Alexis Tsipras die Risiken seines Kamikazekurses entschlossen vor Augen zu führen.

Falsch wäre aber die Illusion, ein griechischer Euro-Austritt gleiche mittlerweile einer Lappalie. Ein solcher Schritt würde zumindest kurzfristig einen ökonomischen Ausnahmezustand in Griechenland auslösen. Inwieweit dann die Ansteckungsgefahr auf andere EU-Volkswirtschaften gebannt wäre, kann kein Ökonom wirklich seriös vorhersagen. Viel bedrohlicher könnten aber diesmal die politischen Nachahmungeffekte ausfallen. Wenn der Damm erst einmal gebrochen ist, warum sollten radikale Protestbewegungen in Italien, Frankreich oder Spanien dann nicht dem "griechischen Modell " nacheifern - also einer Abkehr von Europas Sparkurs und Europas Währung?

Deswegen ist wahrscheinlich, dass selbst auf einen Syriza-Wahlsieg ein Kompromiss folgt - etwa eine Reduzierung der Zinszahlungen auf einen symbolischen Betrag und eine langfristige Aussetzung der Tilgung statt der derzeit immer wieder zeitlich begrenzten.

Diese Lösung könnte Tsipras innenpolitisch als faktischen Schuldenschnitt verkaufen, und Kanzlerin Merkel als das genaue Gegenteil davon.

Ein solcher Kompromiss wäre nicht das schlechteste Ergebnis für Europa. Sehr schlecht wäre aber, wenn sich vorher durch leichtfertige Rhetorik der Eindruck verfestigte, die Eurokrise sei nur noch das Problem von Griechenland. Und nicht von uns allen in Europa.

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