Zwei Wahlkreise in Athen Psychiko bangt, Peristeri hofft

Die Wahl in Griechenland entscheidet sich entlang sozialer Bruchlinien: Arbeiterviertel wählen stramm links. Doch selbst in Athens schickster Gegend entdeckt mancher sein Herz für die Sozialisten.

David Böcking

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Dieses Revier ist klar markiert. Links vom Eingang der 15. weiterführenden Schule von Peristeri steht das Linksbündnis Syriza, rechts davon die griechischen Kommunisten. Und ganz rechts, an einem deutlich kleineren Tisch, die im Niedergang begriffene sozialistische Pasok. Die Nea Dimokratia (ND) von Premier Antonis Samaras hat sich erst gar nicht die Mühe gemacht, vor diesem Wahllokal noch um Stimmen zu werben.

Es hätte wohl auch nichts genützt. Peristeri, ein westlicher Vorort von Athen mit 150.000-Einwohnern, ist fest in der Hand der Linken. Schon bei der letzten Wahl erzielte Syriza hier das beste Ergebnis der Hauptstadtregion. Angesichts einer Arbeitslosigkeit von 40 Prozent ist der Wunsch nach Veränderung enorm.

"Wer weiß, vielleicht wird etwas besser", hofft Dina Dimitrantzou, die wie viele hier für Tsipras gestimmt hat. Als Englischlehrerin auf Stundenbasis verdient die 28-Jährige im Schnitt 160 Euro im Monat, sie lebt noch bei ihren Eltern. "Ich kann keine Familie gründen", sagt Dimitrantzou, "ich kann ja nicht mal mich selbst ernähren."

Serafim Ioannou dagegen ist mit Kinderwagen ins Wahllokal gekommen. Der Werftarbeiter hofft auf bessere Tage. Doch er weiß, dass auch Versprechen wie die von Tsipras mit Vorsicht zu genießen sind. "Es gibt keine Zauberlösungen." Viele hier haben nach Jahren voller Einschnitte komplett das Vertrauen in die Parteien verloren. "Ich glaube keiner von ihnen", sagt Varvara Vekaki, 36 Jahre alt und arbeitslose Verkäuferin.

"Es gibt keine Zauberlösungen": Werftarbeiter Ioannou
David Böcking

"Es gibt keine Zauberlösungen": Werftarbeiter Ioannou

Unter den Älteren gibt es noch etwas mehr Vertrauen. Er habe wie immer für eine kleine linke Partei gestimmt, sagt Giorgos Dimitroulakis, dessen mächtigem Oberkörper man viele Jahre auf Baustellen ansieht. "Ich bin ein Arbeiter und könnte für nichts anderes stimmen." Doch innerhalb des linken Lagers verschieben sich die Loyalitäten. Der 75-jährige Ioannis Eliopoulos trägt einen Syriza-Aufkleber auf seiner Lederjacke. "Mein ganzes Leben habe ich Pasok gewählt", sagt er. "Aber 2012 und jetzt haben ich und meine ganze Familie für Tsipras gestimmt."

"Ich kann für nichts anderes stimmen": Ex-Bauarbeiter Dimitroulakis
David Böcking

"Ich kann für nichts anderes stimmen": Ex-Bauarbeiter Dimitroulakis

Die Stimmen der meisten armen Griechen dürfte Tsipras in der Tasche haben. Doch es gibt auch noch ein anderes Griechenland. Es heißt Paleo Psychiko, liegt nur 20 Taximinuten von Peristeri entfernt und hat mit knapp 25.000 Euro das höchste deklarierte Durchschnittseinkommen des Landes. Die tatsächlichen Einkommen dürften angesichts der imposanten Villen und Autos allerdings häufig deutlich höher liegen.

Aliki Kartsona wird von einem schicken Audi am Wahllokal abgesetzt. Die junge Frau sagt nicht, für wen sie stimmt, aber es ist unschwer zu erraten. "Samaras hat viele Fehler gemacht, aber jetzt ist nicht die Zeit für Experimente." Sagt sie das aus eigenem Interesse oder dem des Landes? "Das fällt bei mir zusammen", sagt sie lachend.

Nationales und persönliches Interesse sind eins: Aliki Kartsona
David Böcking

Nationales und persönliches Interesse sind eins: Aliki Kartsona

Eine Antwort, die hier wohl viele unterschreiben würden. In Paleo Psychiko leben jene, die Syriza stärker zur Kassen bitten will, und oft auch jene, die bislang an der Macht waren. Gleich zwei Kandidatinnen der ND machen dem Wahllokal an diesem Morgen ihre Aufwartung, eine von ihnen ist Zoi Rapti. Wortreich wirbt sie für eine Fortsetzung von Samaras' Reformkurs und dementiert, dass dieser ihren Wahlkreis wenig betrifft. "Es gibt ein paar reiche Leute in Psychiko", sagt sie. Die meisten hier aber gehörten zur Mittelklasse.

Und diese Bewohner fühlen sich nicht selten selbst als Opfer - vor allem wegen einer starken Ausweitung der Grundstückssteuer, die Samaras auf den letzten Metern durchsetzte. "Nur weil wir ein Haus haben, haben wir noch kein Einkommen", sagt die frühere Universitätsprofessorin Eleni Dara. Ihre Pension sei um fast die Hälfte auf 1675 Euro gekürzt worden, doch allein ihre Hypothek habe bis vor kurzem 1000 Euro betragen.

Nach der Steuererhöhung sind Umfragen zufolge viele Wähler von den Konservativen direkt zu Syriza gewechselt. Auch in Paleo Psychiko finden sich einige Wähler, die sich zum Linksbündnis bekennen. Die 85-jährige Ageliki Polykrati gehört allerdings nicht dazu. "Das ist jetzt die schlimmste Zeit, an die ich mich in meinem langen Leben erinnern kann", sagt die 85-Jährige. "Noch nie haben wir gefürchtet, dass wir durch die Wahl alles verlieren könnten."

insgesamt 16 Beiträge
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Tolotos 25.01.2015
1. Das einzige Vermögen, dass die Armen haben, sind ihre unzähligen Wählerstimmen!
Und wenn sie die nicht einsetzen, um die Politik zu ändern, dann werden sie weiter von denen betrogen, die genug Geld haben, um die politische Willensbildung auch ohne Wählerstimmen gezielt zu steuern!
ernsth 25.01.2015
2. Die Reichen gewinnen sowieso...
Ein Schuldenschnitt bringt nicht viel. Ein paar Brosamen für die bisher Arbeitslosen die dann vielleicht einen mies bezahlten Job bekommen. Die wirklichen Gewinner sind wieder die Reichen, die eh nichts verlieren. Statt dessen müssten die Griechen endlich ihre Reichen und die reichen Ausländer ordentlich zur Steuer veranlagen und die Steuern durchsetzen.
Gudrun3 25.01.2015
3. Arbeiterviertel wählen stramm links
"Arbeiterviertel wählen stramm links." Das gibt es bei uns in Deutschland kaum noch, denn hier werden seit Jahrzehnten leider auch von den unteren Gesellschaftsschichten hauptsächlich die Anti-Kleine-Leute-Parteien der Bourgeoisie gewählt und an der Macht gehalten, mit entsprechenden Folgen. Niedrige Löhne, Mobilität, Wohnen und Energie für die unteren Gesellschaftsschichten praktisch kaum noch zu bezahlen.
die_bittere_wahrheit 25.01.2015
4.
Da hat die gute Gudrun nur einen Teil der Wahrheit genannt! Der unterste Teil der Gesellschaft braucht fuer steigende Energie, Wasser Wohnraum und Lebensmittel schlicht nicht aufkommenen; weil diese naemlich von anderen ueber die sozialen Sicherungssystem bezahlt werden.
Haywood Ublomey 25.01.2015
5. Aber es ist wenigstens ein Teil der Wahrheit
Bei Ihnen hingegen findet man ein Märchen: "Der unterste Teil der Gesellschaft braucht fuer steigende Energie, Wasser Wohnraum und Lebensmittel schlicht nicht aufkommenen; weil diese naemlich von anderen ueber die sozialen Sicherungssystem bezahlt werden." – Man merkt, dass Sie vom Leben des "untersten Teils der Gesellschaft" nicht die geringste Ahnung haben. Wie haben sich seit 2003 Mieten, Energiepreise, Lebensmittelpreise usw. entwickelt? Wie haben sich in der gleichen Zeit die Beihilfesätze entwickelt?
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