Griechen über die Wahl "Wir sind wie ein Dritte-Welt-Land"

Griechenland wählt - schon wieder. Doch schert das die Bürger überhaupt noch? SPIEGEL ONLINE hat neun Wähler und Nichtwähler getroffen.

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Aus Athen berichten und


Wer Gesichter der Politikverdrossenheit studieren will, ist in Griechenland am richtigen Ort. Jahre der Krise haben das Vertrauen in die Demokratie erschüttert. An diesem Sonntag sollen die Griechen ein neues Parlament bestimmen. Wieder einmal. Der bisherige Premier Alexis Tsipras tritt mit seinem linken Syriza-Bündnis erneut an. Härtester Konkurrent dürfte Evangelos Meimarakis von der konservativen Nea Dimokratia werden. Die Prognosen lassen ein enges Rennen erwarten.

Aber wohl noch nie zweifelten so viele Bürger daran, ob sie überhaupt wählen gehen sollen - und ob das Ergebnis irgendeinen Unterschied für ihr Leben machen wird.

SPIEGEL ONLINE hat sich in Athen umgehört, junge und alte Menschen getroffen, liberale und konservative. Hier verraten sie, wie sie zur Politik in ihrem Land stehen.

Anstrengende Entscheidung: Erstwählerin Bouzinioti
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Anstrengende Entscheidung: Erstwählerin Bouzinioti

Unter anderen Umständen könnte der 20. September ein besonderer Tag für Panagiota Bouzinioti sein: Zum ersten Mal in ihrem Leben geht sie wählen. Weil die 20-Jährige auf Kreta studiert, und es in Griechenland keine Briefwahl gibt, hat Bouzinioti die Wahl im Januar verpasst. Nun ist sie zufällig in ihrer Heimatstadt, und schon der Gedanke an die bevorstehende Entscheidung scheint sie anzustrengen.

"Ich bin unentschlossen, aber vielleicht gebe ich einen leeren Stimmzettel ab", sagt Bouzinioti nach längerem Nachdenken. "Politik interessiert mich, aber ich glaube nicht, dass irgendjemand etwas in Griechenland ändern kann."

Auswandern, falls der Euro bleibt: Jungwähler Photopoulos
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Auswandern, falls der Euro bleibt: Jungwähler Photopoulos

Als Alexis Tsipras im Januar zum neuen Premier gewählt wurde, setzten viele ihre Hoffnung in ihn. Auch Giorgos Photopoulos, der mit Bouzinioti durchs Athener Mittelklasseviertel Nea Smyrni schlendert. "Ich fühle mich von Tsipras betrogen", sagt der Informatikstudent. "Ich wollte zum ersten Mal eine linke Partei regieren sehen. Aber dabei ist nichts Gutes rausgekommen."

Hoffnungsträger Tsipras beugte sich den Forderungen seiner Geldgeber und spaltete damit sein Linksbündnis Syriza. Nun wählt Photopoulos die Abspaltung Laiki Enotita, die für eine Rückkehr zur Drachme eintritt. Falls es beim Euro bleibt, will der 21-Jährige noch während seines Studiums auswandern.

Wähler Mitsis: Dann eben die Rechtsradikalen
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Wähler Mitsis: Dann eben die Rechtsradikalen

Photopoulos rückt weiter nach links, andere ganz nach rechts: "Ich habe 35 Jahre lang für die Nea Dimokratia gestimmt", sagt Christos Mitsis, ein Drucker im Ruhestand. Doch die Konservativen hätten das Land verraten, indem sie den zwei letzten Sparpaketen zustimmten. Nun würden auch noch Millionen illegaler Immigranten erwartet. "Griechenland ist praktisch am Ende", sagt der 68-Jährige. Er will diesmal für die rechtsradikale Goldene Morgenröte stimmen.

Ex-Syriza-Wähler Metaxakis: Endlich gegen Europa wehren
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Ex-Syriza-Wähler Metaxakis: Endlich gegen Europa wehren

Das Gefühl der Demütigung eint die politischen Ränder. Neben Mitsis sitzt Michalis Metaxakis, der früher immer für rechte Parteien und im Januar dann erstmals für Syriza stimmte. "Ich dachte, Tsipras würde sich endlich gegen Europa wehren, das Griechenland unterdrückt", schimpft der 71-Jährige. Jetzt sei er desillusioniert und werde am Sonntag möglicherweise gar nicht zur Wahl gehen.

Graffiti-Künstler Dimoulas: Nicht mal den Wahlkampf verfolgt
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Graffiti-Künstler Dimoulas: Nicht mal den Wahlkampf verfolgt

Giorgos Dimoulas geht nur, weil er muss. So sieht es ein Gesetz für Wehrdienstleistende wie den 20-Jährigen vor. Dimoulas ist auch Graffiti-Künstler und verschönert gerade im Auftrag der Gemeinde einen Pavillon. "Ich vertraue niemandem", sagt er während einer Arbeitspause. "Ich habe den Wahlkampf nicht mal verfolgt."

Ganz so apathisch ist die Mehrheit der Griechen dann aber doch nicht. Die Nea Dimokratia und ihr Chef Evangelos Meimarakis haben durch die chaotischen letzten Monate für viele wieder an Attraktivität gewonnen. Giorgos Nikolaou (ohne Bild) entschloss sich schon vor zwei Wochen, seine Stimme den Konservativen zu geben. "Meimarakis ist das kleinere Übel", glaubt der Arzt. "Er wird Stabilität bringen, auch wenn er kein charismatischer Führer ist." Die vereinbarten Reformen müssten ohnehin umgesetzt werden.

Lehrerin Flaouna: "Wie ein Dritte-Welt-Land"
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Lehrerin Flaouna: "Wie ein Dritte-Welt-Land"

Auch Maria Flaouna findet, dass ihre Heimat Veränderung braucht. Sie unterrichtet in einer Vorschule auf der Insel Chios. Zehn Tage nach Schulbeginn fehlten dort immer noch 33 Lehrer, weshalb sie nun zwei Klassen parallel unterrichten müsse. "Wir sind wie ein Dritte-Welt-Land", sagt die 32-Jährige. Sie erwägt, die liberale Potami zu wählen, auch wenn die es bestenfalls zum Mehrheitsbeschaffer bringen wird. "Immerhin werde ich mich mit einer Entscheidung etwas besser fühlen."

Kommunistin Roudogianis - es gibt kein Gut oder Böse
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Kommunistin Roudogianis - es gibt kein Gut oder Böse

Diese Gewissheit hat Maria Roudogianis seit Jahrzehnten. Die 57-Jährige ist aktive Kommunistin und sagt, Tsipras habe sie gar nicht enttäuschen können. "Es gibt kein Gut oder Böse im Kapitalismus." Die einzige Chance sei, dass die Arbeiterklasse irgendwann die Macht übernehme. "Andere Länder werden sich uns anschließen wollen", glaubt Roudogianis - und meint dabei wohl eher nicht die letzten Treffen der Euro-Gruppe.

Es gibt noch Tsipras-Anhänger - zum Beispiel Olga Iliadou
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Es gibt noch Tsipras-Anhänger - zum Beispiel Olga Iliadou

Hat Alexis Tsipras also gar keine Anhänger mehr? Die jüngsten Umfragezahlen sprechen eine andere Sprache, und auch in Nea Smyrni findet sich nach ein wenig Suche eine bekennende Syriza-Wählerin. Olga Iliadou stimmte schon für das Linksbündnis, als dieses noch weit von jeder Regierungsverantwortung entfernt war. Und sie will es wieder tun.

"Ich glaube, Tsipras hatte nicht genug Zeit, um zu zeigen, was er kann", sagt die Grundschullehrerin. "Wir haben anderen Parteien wie Nea Dimokratia und Pasok so viele Chancen gegeben." In einer vollen Amtszeit könne der Syriza-Chef viel verändern - sogar die Sparauflagen. Natürlich habe Tsipras auch Versprechen gemacht, die unhaltbar seien, räumt die 47-Jährige noch ein. "Aber wer macht das hier nicht?"

insgesamt 51 Beiträge
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brux 20.09.2015
1. Briefwahl
Warum gibt es in Griechenland keine Briefwahl? Die Antwort ist, dass man so die lokale Klientelpolitik (also den faktischen Stimmenkauf) viel besser betreiben kann. Eines der vielen Krankheitssymptome in Griechenland und wieder einmal hat man daran nichts geändert. Mein Mitleid mit den Griechen ist bei Null angekommen.
decathlone 20.09.2015
2. In Griechenland...
..wurden drei Jahrzehnte lang Regierungen gewählt, die ein Leben über den finanziellen Möglichkeiten des Landes versprachen und auf Pump umsetzten. Letztendlich lebte man auf Kosten der kommenden Generation, die sich der Auswegslosigkeit jetzt nur noch durch Emigration entziehen kann. Wenn dieses Beispiel nicht für Nachhaltigkeit spricht, dann hilft wirklich nichts mehr. Trotzdem wird der Kapitalismus ueberall auf der Welt auf Pump am Leben erhalten. Bis nichts mehr geht...
Airkraft 20.09.2015
3. Nach der Wahl...
Nach der Wahl ist halt nur vor der nächsten Wahl Mit sich stark verkürzenden Abständen zwischen den einzelnen Wahlgängen.
meroswar 20.09.2015
4. Kaputtgewirtschaftet.
Die EU-Sparpolitik hat Griechenland in den Ruin getrieben. Aber weil Schäuble seinen Fehler immer noch nicht einsehen will, müssen eben noch mehr Griechen leiden. Und für wen? Für die Banken. Ist es das wirklich wert? Die Situation ist miserabel, aber man kann Tsipras nicht die Schuld daran geben. Als er an die Macht kam, war schon lange nichts mehr zu retten. Eine wirklich interessante und hilfreiche Reportage dazu ist AGORÁ - Von der Demokratie zum Markt, welche man in der WDR-Mediathek finden kann.
oilenspiegel 20.09.2015
5. Es gibt aber auch einen sparsamen Kapitalismus
und der verspricht keine staatlichen Sozialleistungen, die nicht privat erwirtschaftet werden.
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