Griechenlands Oppositionsführer Samaras Der Euro-Schreck

Von diesem Mann hängt Griechenlands Schicksal ab: Seit Monaten hat sich Oppositionschef Antonis Samaras dem Rettungskurs des griechischen Premiers Papandreou verweigert. Den Abgrund vor Augen scheint er nun zum Mini-Kompromiss bereit - und hofft im Stillen auf die Machtübernahme.

Griechischer Oppositionsführer Samaras: Immer gegen den Rettungskurs
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Griechischer Oppositionsführer Samaras: Immer gegen den Rettungskurs

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Berlin - Die düsteren Aussichten haben ihn dann doch ins Grübeln gebracht. Sollte er am Ende wirklich ein Land führen müssen, dass nicht mehr nur am Abgrund steht, sondern längst hinabgestürzt ist, ein Land, verstoßen aus dem elitären Euro-Club, verdammt zu jahrelangem wirtschaftlichem Siechtum? In einem solchen Land kann man als Regierungschef nichts gewinnen, hat er sich wahrscheinlich gesagt.

Also hat Antonis Samaras sich doch bewegt, als Angela Merkel und Nicolas Sarkozy den Griechen unmissverständlich klarmachten, dass ihre Tage in der Währungsunion bald gezählt sein könnten. Plötzlich signalisierte der griechische Oppositionschef, seine konservative Nea Dimokratia könnte dem jüngsten Rettungspaket im Parlament doch zustimmen und eine Übergangsregierung mittragen.

Das ist schon viel für einen Mann, der immer nur dagegen war.

Seit Monaten gibt Samaras in Griechenland den Blockierer, er sagte "Oxi" - nein - zu den Sparpaketen, nein zu einer Regierung der Nationalen Verantwortung und, wie sollte es anders sein, nein zu dem von Georgios Papandreou geplanten Referendum über die Anti-Krisen-Politik. "Was haben Sie für ein Ziel?", fragte Samaras den Premier. "Griechenland aufzulösen?"

Antonis Samaras, 60, ist mit seiner Blockadehaltung in der Schuldenkrise zu Europas Bösewicht geworden. Während die Staats- und Regierungschefs mühsam und mit zunehmender Verzweiflung Hilfsprogramme auflegen und Papandreou seinem Volk ans Portemonnaie gehen muss, während in anderen Krisenstaaten sich politische Gegner zusammenrauften, torpediert Samaras die Rettungsbemühungen für sein Land, wo er nur kann - und wiegelt seine Landsleute gegen Brüssel auf. Ausgerechnet ein Konservativer, sagen sie in den europäischen Schwesterparteien der Nea Dimokratia, zu denen auch CDU und CSU gehören. Dort schämen sie sich für ihn.

Alle warben um den Einzelkämpfer

In den vergangenen Monaten haben sie immer wieder versucht, den Einzelkämpfer zu bearbeiten. In Vier-Augen-Gesprächen beschworen ihn mächtige Konservative wie EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso oder Frankreichs Premierminister François Fillon, seinen Kreuzzug gegen Papandreou, Brüssel und die Rettungsmaßnahmen einzustellen. Auch die Kanzlerin sprach mit Samaras. Erfolg? Fehlanzeige. Der Ärger über den Euro-Schreck ist so groß, dass manche sogar damit liebäugeln, die Nea Dimokratia auf europäischer Ebene zu isolieren, weil sie sich der nationalen Verantwortung verweigere. "Ab einem gewissen Punkt", befand CDU-Europaparlamentarier Elmar Brok, "ist die Innenpolitik scheißegal". Samaras aber ist die Kritik egal. Außen-, Wirtschafts- und Kulturminister war er schon, jetzt will er endlich Premier werden - koste es, was es wolle.

Er war nie einer, der die Hand ausgestreckt hat. In den neunziger Jahren hat Samaras sich als Außenminister in einen nationalistischen Kleinkrieg mit Mazedonien begeben. Seine Parteifreunde waren entsetzt, doch Samaras ließ sich auch dann nicht beirren, als er seines Amtes als Chefdiplomat enthoben wurde. Er gründete wenig später einfach seine eigene rechte Partei.

Samaras verlor seine Unerbittlichkeit auch nicht, als er in die Nea Dimokratia zurückkehrte. Als eine Parteifreundin 2010 für die Sparmaßnahmen Papandreous stimmte, schloss er sie kurzerhand aus. Als ihm der Premier selbst vor einigen Wochen eine Zusammenarbeit anbot, schmetterte ihn Samaras ab. "Ich habe nichts zu bereden mit jemandem, der in Panik ist", sagte er.

Samaras' Landsleute mögen seine harte Haltung, zumindest ist er inzwischen populärer als der Premier. Auch die Nea Dimokratia, die er seit 2009 führt, ist an den Pasok-Sozialisten von Papandreou vorbeigezogen, auch wenn sie keine berauschenden Umfragewerte erreicht. Sollte neu gewählt werden - Samaras hätte gute Aussichten, in die Athener Villa Maximos einzuziehen, den Dienstsitz der hellenischen Premierminister.

Samaras ist in der Defensive

Doch plötzlich hatte Samaras ein Problem. Papandreous Plan, das Volk über den Rettungskurs entscheiden zu lassen, erwischte den Oppositionschef kalt. Genau wie die europäischen Partner. Die setzten den Griechen plötzlich die Pistole auf die Brust: Geht doch, wenn ihr wollt!

Gemeinsam mit dem trudelnden Papandreou, mit dem er an einer Uni in den USA einst ein Zimmer teilte, mit dem er sich trotz erbitterter Gegnerschaft noch immer duzt, saß Samaras plötzlich in der Euro-Falle, daran änderte auch das laute Poltern nichts, mit dem dieser den Plan kommentierte. Was sollte er tun? Für ein Nein bei der Volksabstimmung werben und sich damit ins eigene Fleisch schneiden? Ein Nein hätte wohl Neuwahlen zur Folge gehabt, aber eben auch Chaos. Euro-Austritt, Bankenzusammenbruch, Einstellung aller Hilfszahlungen, internationale Isolation, ein "Failed State" im Süden Europas - alles wäre denkbar. An einem solchen Szenario, so viel ist klar, kann selbst ein Samaras kein Interesse haben.

Nun sitzt er in der Zwickmühle - und beginnt sich, zu bewegen. Herr Oxi zuckt. Während Papandreou um sein politisches Überleben kämpft, spricht der Oppositionschef plötzlich von der Möglichkeit einer Übergangsregierung, von einer Ratifizierung des Schuldendeals. Dinge, die er zuvor strikt abgelehnt hatte.

Hat Papandreou seinen innenpolitischen Gegner möglicherweise ausmanövriert? Manche Beobachter glauben, auch darum sei es dem Premier mit der Ankündigung der Volksabstimmung gegangen. Er begrüße es, dass die führende Oppositionspartei Nea Dimokratia "für die Einigung zu den Schulden stimmen wird", sagte Papandreou laut seinem Büro am Donnerstag in einer Kabinettssitzung. Die Volksabstimmung sei nie ein Selbstzweck gewesen.

Aber in einem lässt sich Samaras bisher nicht beirren: Er fordert nach wie vor den Rücktritt Papandreous. Und so geht das Feilschen und Taktieren in Athen weiter.

insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
wifgas 04.11.2011
1. Schön zu beobachten,
Zitat von sysopVon diesem Mann hängt Griechenlands Schicksal ab: Seit Monaten hat sich Oppositionschef Antonis Samaras dem Rettungskurs des griechischen Premiers Papandreou verweigert. Den Abgrund vor Augen scheint er nun zum Mini-Kompromiss bereit - und hofft im Stillen auf die Machtübernahme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795416,00.html
wie sich zwei Egos, die sich gegenseitig offenbar zum Lieblingsfeind erklärtt haben, in gewissen Situationen doch einigen können auf eine gemeinsame Sache. Sowas passiert, wie jeder weiß, vor allem dann, wenn Feuer am Dach ist, ein "Feind" für die gemeinsame Schnittmenge ante portas in Stellung liegt... Offenbar beginnt man in Athen zu begreifen, dass es langsam wirklich ernst wird. Ernüchterung ist angesagt. Und vielleicht schaffen sie ja einen Konsens, um das Äußerste abzuwenden, und für uns Rest-EUROpäer geht die Sache in die Verlängerung, wie üblich, und wir beschwichtigen uns wieder mal damit, dass wir "fürs erste" gerettet sind... einmal mehr ZEIT gewonnen, weiter nix.
katerramus 04.11.2011
2. Venizelos: Griechenland braucht im Februar 80 Mrd EU
das berichtet die Märkische Allgemeine. Da sind die 8 Milliarden, die jetzt zurückgehalten werden, peanuts. Warum wird das in den großen Online- Medien nicht erwähnt? Jede neue Regierung in Griechenland steht vor der Frage: Aufgabe der Souveränität oder Staatspleite Deshalb war Papandreous Vorstoss mit dem Referendum das Mittel der Wahl. Deshalb ist es auch ganz und gar unverständlich, dass Merkel und Sarkozy auf Einhaltung der Vereinbarung gedrängt haben, obwohl die Sparkriterien noch gar nicht ausgearbeitet worden sind. Da wird zum Wohle der amerikanischen Banken (Ausfallversicherungen) ganz Euro- Land an die Wand gefahren und keiner spricht darüber!
Emil Peisker 04.11.2011
3. starkes Argument gegen Samaras...
Zitat von sysopVon diesem Mann hängt Griechenlands Schicksal ab: Seit Monaten hat sich Oppositionschef Antonis Samaras dem Rettungskurs des griechischen Premiers Papandreou verweigert. Den Abgrund vor Augen scheint er nun zum Mini-Kompromiss bereit - und hofft im Stillen auf die Machtübernahme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795416,00.html
Papandreou hat wie die slowakische Regierungschefin sein Amt und das Votum des Referendums als starkes Argument gegen Samaras eingesetzt. Der Politiker, der die Zukunft Griechenlands bedenkenlos als Zockmasse einsetzte, musste erkennen, dass sein Nein keinen Wert mehr hat, im Gegenteil, sein Nein wurde schonungslos als Machtegoismus entlarvt. Ich ziehe meinen Hut vor Papandreou, der das Nein der ND in ein Ja umwandelt, auch wenn er selbst dafür den Hut nehmen muss.
toskana2 04.11.2011
4. griechische Glücksritter
Zitat von sysopVon diesem Mann hängt Griechenlands Schicksal ab: Seit Monaten hat sich Oppositionschef Antonis Samaras dem Rettungskurs des griechischen Premiers Papandreou verweigert. Den Abgrund vor Augen scheint er nun zum Mini-Kompromiss bereit - und hofft im Stillen auf die Machtübernahme. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,795416,00.html
Ich lausche die letzte Zeit öfter mal den Aussagen von griechischen Bekannten. Was Samaras angeht, so sind sie sich alle einig: Der Mann sei der nächste Glücksritter, der sich vornehme, Griechenland ... zu retten!
Umbriel 04.11.2011
5. Neue Einsichten!
Die Griechenlandversteher vom SPON schreiben: "Von diesem Mann hängt Griechenlands Schicksal ab: Samaras" Das ist doch endlich mal ein Wort, ja! Bisher hieß es leider ständig, daß das Schicksal Griechenlands davon abhänge daß die Bundesrepublik und andere Staaten unglaubliche Zahlungen und noch höhere Bürgschaften leisten. Das hat sich jetzt also fundamental geändert, ab jetzt ist es ein Mann namens Samaras! Dann ist ja gut. Dann sind WIR also das Problem jetzt endlich los.
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