Lösung im Namensstreit mit Nordmazedonien "Der Nobelpreis für Tsipras wäre angemessen"
Alexis Tsipras (r.) und Zoran Zaev
Foto: Alkis Konstantinidis/ REUTERSMehr als 27 Jahre lang haben sich zwei europäische Staaten - Griechenland und das heutige Nordmazedonien - einen erbitterten Streit um einen Namen geliefert, erst im Januar haben die beiden Parteien den Konflikt offiziell beigelegt. Als die ehemalige jugoslawische Teilrepublik Mazedonien 1991 ihre Unabhängigkeit erklärte, fürchtete Griechenland Gebietsansprüche auf die griechische Region Makedonien im Norden des Landes - und viele Griechen sahen ihr Geschichtsbild gefährdet.
Makedonien war demnach ein Teil des alten Hellas sowie Heimat Alexanders des Großen, Slawen seien erst später in die Region eingewandert und dürften keinen Anspruch auf den Namen erheben.
Der Streit hatte ernste Folgen für Europa: Griechenland blockierte unter anderem den Beitritt Mazedoniens zur Nato und zur Europäischen Union. Die Premierminister Zoran Zaev in Skopje und Alexis Tsipras in Athen schlossen schließlich das sogenannte Prespa-Abkommen: Mazedonien benannte sich in Nordmazedonien um, dafür erklärte sich Athen bereit, alle Blockaden zu beenden.
SPIEGEL: Herr Minister, Griechenland hat den jahrzehntealten Namensstreit mit dem Nachbarland Nordmazedonien beigelegt. Sind Sie froh?
Giorgos Katrougalos: Ich glaube, dass jeder Grieche sehen kann, wie sehr die internationale Position Griechenlands in letzter Zeit aufgewertet wurde. Wir haben uns nicht nur als stabile Demokratie etabliert, sondern auch als Staat, der Stabilität exportiert. Nach dem Prespa-Abkommen haben wir so viel diplomatisches Kapital wie noch nie.
SPIEGEL: Sie haben sich diese Woche mit ihrem nordmazedonischen Amtskollegen Nikola Dimitrow getroffen - das Zeichen einer neuen Zeit?
Katrougalos: Aus einem erbitterten Streit, der unsere beiden Länder fast 30 Jahre trennte, ist eine Beziehung entstanden, in der wir unsere Probleme gemeinsam betrachten. Wir wollen beide, dass Wortlaut und Geist der Vereinbarung wirklich umgesetzt werden. Wir möchten außerdem eine strategische Partnerschaft aufbauen - zwischen unseren beiden Ländern und auf dem Balkan im Allgemeinen.
Seit Februar ist Giorgos Katrougalos, 55, griechischer Außenminister, er hat das Amt von dem im Oktober zurückgetretenen Nikos Kotzias übernommen. Er ist Professor für Öffentliches Recht und Verfassungsrecht. Von Juli 2014 bis Januar 2015 war er Mitglied des Europäischen Parlaments für die Regierungspartei Syriza.
SPIEGEL: Der griechische Premierminister Tsipras und Nordmazedoniens Premierminister Zaev sind für den Friedensnobelpreis nominiert. Verdientermaßen?
Katrougalos: Das entscheidet die Nobel-Stiftung. Aber ich glaube, Prespa ist in der Tat eine wegweisende Vereinbarung - der Friedensnobelpreis wäre eine angemessene Würdigung.
SPIEGEL: Der Nato-Beitritt Nordmazedoniens steht bevor. Was sind weitere konkrete Auswirkungen des Abkommens?
Katrougalos: Der Balkan galt als Region der Instabilität, als mögliches Pulverfass Europas. Nun gibt es die entgegengesetzte Tendenz: einen Trend zu Stabilität und Zusammenarbeit. Dies ist sowohl für die Region als auch für Griechenland positiv. Unser Ziel ist die Förderung eines einheitlichen Wirtschaftsraums in unserer Region, einem großen Markt mit fast 50 Millionen Menschen.
SPIEGEL: Viele Griechen sorgen sich nun wieder, dass Alexander der Große und das alte Makedonien nicht mehr als hellenisch gesehen werden. Ein beliebtes Beispiel: In britischen Quizshows wurde schon einmal die Frage gestellt: "Wie war die Nationalität von Alexander dem Großen?", die Antwort "griechisch" war falsch.
Katrougalos: Es glaubt doch niemand, dass Alexander der Große ein Slawe war. Fehler gibt es immer. Ich erinnere mich an den Hollywoodblockbuster über Alexander: Als er sich der Schlacht anschloss, schrie er: "Nach Griechenland!" Selbst in einem Hollywoodfilm, der die Wahrnehmungen durchschnittlicher Menschen widerspiegelt, ist klar, was Griechenland war und was das alte Makedonien war.
SPIEGEL: Ärger gab es auch, als in Griechenland neulich Fotos von einem Stand Nordmazedoniens bei der Internationalen Tourismusbörse Berlin auftauchten, wo das Land nur als "Mazedonien" beworben wurde. Nach griechischen Protesten verschwanden die Plakate.
Katrougalos: Ihre Absicht, die Vereinbarung umsetzen zu wollen, ist offensichtlich: Verstöße gegen das Abkommen, entweder aus Versehen oder aus Gewohnheit, werden sofort registriert und beseitigt.
SPIEGEL: Welche Rolle spielen Russland, die USA und die Türkei in der Debatte um Nordmazedonien?
Katrougalos: Diese drei Länder haben Interessen an der Region und alle versuchen, ihre eigenen durchzusetzen.
SPIEGEL: Was will Russland?
Katrougalos: Russland ist gegen die Erweiterung der Nato. Aber in unseren Gesprächen mit Nordmazedonien ging es uns um unsere eigenen Interessen.
SPIEGEL: Hat Moskau Sie dazu gedrängt, sich aus den Gesprächen zurückzuziehen?
Katrougalos: Es gab keinen Druck. Wir lassen uns sowieso nicht drängen.
SPIEGEL: Griechenland hat russische Diplomaten ausgewiesen. Sie sollen versucht haben, mit Geldzahlungen an Politiker und Geschäftsleute Proteste gegen eine Einigung zu schüren.
Katrougalos: Hören Sie. Als wir merkten, dass es Ereignisse gab, die der Art und Weise widersprechen, wie ein Staat die Souveränität eines anderen respektieren sollte, haben wir reagiert. Aber es gab keinen offiziellen Druck aus Moskau, der über einen Meinungsaustausch hinausging. Wie gesagt: Wir lassen uns nicht drängen.
SPIEGEL: Hat Deutschland Druck ausgeübt, um den Deal voranzutreiben?
Katrougalos: Die Situation in unseren Beziehungen zu Deutschland hat sich dramatisch verbessert, insbesondere auch die Zusammenarbeit zwischen Tsipras und Kanzlerin Merkel. Wir haben einen gemeinsamen Kampf gegen das Migrationsproblem geführt. Dies trug wesentlich zur gegenseitigen Anerkennung zwischen den beiden Regierungschefs bei. Die Boulevardpresse hat zu Beginn der Krise viele Klischees bedient. Die haben sich stark abgeschwächt.
SPIEGEL: Bis zu 70 Prozent der Griechen lehnen das Abkommen mit Nordmazedonien ab. Das ist ein Problem für Premier Tsipras.
Katrougalos: Der genaue Prozentsatz variiert je nach Umfragen. Ich glaube, das ist eine sentimentale Reaktion, die sich vor allem damit erklären lässt, dass ein großer Teil unseres Volkes in den Krisenjahren in seinem Nationalstolz verletzt wurde. Die Krise bedeutete für den Durchschnittsgriechen nicht nur große Not, sondern auch eine Schwächung unserer nationalen Souveränität. Aber ich habe keine Zweifel, dass unsere Bürger ihre Meinung ändern werden, wenn sie die wirkliche Bedeutung des Prespa-Deals erkennen, mit logischem Denken und ohne Emotionen.
SPIEGEL: Im Herbst soll ein neues Parlament gewählt werden. Haben Sie noch Zeit, die Bürger zu überzeugen?
Katrougalos: Die Wähler werden nicht allein über das Abkommen entscheiden. Es zählt zum Beispiel auch die Tatsache, dass Griechenland aus dem EU-Rettungsprogramm heraus ist.
SPIEGEL: Welche nächste Priorität haben Sie in Ihrem neuen Job?
Katrougalos: Wir diskutieren Maßnahmen zur Deeskalation der Spannungen mit der Türkei. Ich werde mich diesen Monat mit meinem türkischen Amtskollegen treffen. Wir wollen sehen, ob die Gespräche über Zypern wieder aufgenommen werden können, um die Insel im Einklang mit den Uno-Resolutionen wieder zu vereinigen. Wir wollen jede Option ausschöpfen, um dies zu erreichen.
SPIEGEL: Griechenland erhebt Ansprüche auf deutsche Reparationen für die erlittenen Schäden im Zweiten Weltkrieg. Tsipras hatte versprochen, das Thema bis Ende 2018 im Parlament zu diskutieren. Seither wird es immer wieder verschoben.
Katrougalos: Ich kann kein genaues Datum nennen. Ich war anwesend, als Tsipras dieses Thema bei Kanzlerin Merkel angesprochen hat. Es ist ein offenes Thema für uns. Ethisch, historisch, politisch und rechtlich. Wir werden weiter darauf bestehen, darüber zu sprechen.
SPIEGEL: In unmittelbarer Zukunft?
Katrougalos: In naher Zukunft wird die Angelegenheit in das griechische Parlament eingebracht. Im März oder April.
SPIEGEL: Und wann wird nun gewählt? Manche erwarten vorgezogene Wahlen im Mai.
Katrougalos: Die Wahlen werden im Oktober stattfinden. Das schreibt die Verfassung vor. Außerdem verbessert sich auch gerade unsere Wirtschaftslage. Wir haben keinen Grund, am Datum etwas zu ändern.