Grönland Merkel mahnt zu mehr Klimaschutz

Gletscherschwund auf Grönland. Am Tag zwei ihres Besuchs hat sich Kanzlerin Merkel tief beeindruckt von den Folgen des Klimawandels gezeigt. Sie mahnte zur Eile beim Klimaschutz: Die nächsten Jahre seien entscheidend.


Ilulissat/Berlin - Zum Abschluss ihrer Grönland-Reise zeigte sich Angela Merkel trotz allem optimistisch. Ein international wirksamer Klimaschutz könne erreicht werden. "Wir haben alle Chancen, das Thema zu bewältigen", sagte sie. Merkel informiert sich in Grönland gemeinsam mit Umweltminister Sigmar Gabriel über die Folgen des Klimawandels auf der größten Insel der Welt.

Angela Merkel in Grönland: "Vor uns liegen entscheidende Jahre"
REUTERS

Angela Merkel in Grönland: "Vor uns liegen entscheidende Jahre"

Von einem wirksamen Klimaschutz würde nach Meinung der Kanzlerin auch Deutschland profitieren. Damit würden die Exportchancen deutscher Unternehmen steigen, sagte sie. Merkel machte auch deutlich, dass sich Deutschland weiter international für eine Halbierung der weltweiten Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 einsetzen werde. Dabei sei klar, dass Europa vorangehen müsse. Aber auch die Schwellenländer wie China und Indien müssten ihren Beitrag leisten. Dies werde sie auch bei ihren Reisen in diese Länder in den nächsten Wochen ansprechen.

Sie appellierte an die Staatengemeinschaft, bei den Bemühungen um ein neues Klimaschutzabkommen für die Zeit nach Auslaufen des Kyoto-Protokolls ab 2012 an einem Strang zu ziehen. Auch die USA müssten bei einer solchen Vereinbarung in die Pflicht genommen werden. Die Kanzlerin sicherte Dänemark ihre volle Unterstützung für die Vorbereitung der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 zu, bei der das Kyoto-Nachfolgeabkommen verhandelt werden soll.

Zum Abschluss ihres Aufenthalts wollte sich Merkel mit einem Rundflug über die Klimasituation auf der Insel informieren. Geplant war eine Landung auf dem Eqi-Gletscher, der direkt in eine offene Bucht abbricht. Zuvor hatte eine dänische Wissenschaftlerin die Kanzlerin über Erkenntnisse zum Rückgang der Eismassen auf der Insel durch die Erderwärmung informiert. Das Abschmelzen der Eismassen auf Grönland führt nach Aussagen von Wissenschaftlern mit zum Anstieg des Meeresspiegels. Sieben Prozent des Anwachsens des Pegels gehen allein auf den Rückgang der Eismassen auf Grönland zurück.

Grönland - Labor für den Klimawandel
Grünes Land und Eiswüste
Die Vergangenheit der Insel zeigt, wie wechselvoll die Klimageschichte war. Im Juli erst berichteten Forscher in "Science" von Wäldern und Schmetterlingen auf Grönland. Als im Mittelalter ab dem Jahr 800 die Wikinger nach Grönland drängten, fanden sie dort im Süden jenes grüne Land vor, das für den Namen Pate stand. "Die Besiedlung ist dann verschwunden, weil es kälter wurde", sagt Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) für Meeres- und Polarforschung in Bremerhaven: Als in Europa die kleine Eiszeit begann, hatten die Wikinger in der Arktis keine Chance mehr.
Frühling kommt früher
Dänische Biologen haben sich Pflanzen und Tiere an der Südspitze Grönland angeschaut: Wann geht für sie der Frühling los? 14,5 Tage früher als noch vor zehn Jahren, so berichteten sie im Juni in der Fachzeitschrift "Current Biology", sprießt und schlüpft es im hohen Norden. Kanadische Wissenschaftler warnen gar vor dem Austrocknen Jahrtausende alter Seen im arktischen Sommer. AWI-Forscher Lemke weiß, dass die Periode, während derer arktische Flüsse und Seen im Winter zugefroren sind, "in hundert Jahren um etwa zwei Wochen kürzer geworden" ist.
Ackerbau in der Gletscherbucht
Bedeutet das auch, dass Grönlands Gletscher schneller schmelzen? 125 Gigatonnen Eis schmelzen jährlich, meldeten britische Forscher im März im Wissenschaftsmagazin "Science". Allerdings gilt diese Zahl für Arktis und Antarktis zusammen. "In der Antarktis ist es, mit Ausnahme der Halbinsel, die nach Südamerika zeigt, noch relativ kühl", sagt Peter Lemke. Grönland ist deshalb, auch wenn dort nur rund ein Zehntel der Eismasse der Antarktis lagert, die dynamische Komponente in der globalen Schmelze. Erst letzten August meldeten Geophysiker: Der Eisverlust beschleunigt sich. Das hatten Gravitationsuntersuchungen der riesigen Eisschildes gezeigt.

Nach einem Gespräch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen hatte Merkel am Donnerstagabend weitere weltweite Anstrengungen für den Klimaschutz gefordert. "Ich glaube, dass vor uns für die Bekämpfung des Klimawandels sehr entscheidende Jahre liegen", sagte die Kanzlerin. Deutschland werde auch im zweiten Halbjahr der G8-Präsidentschaft das Thema vorantreiben und sich in den laufenden internationalen Bemühungen mitengagieren.

Mehrere Umweltverbände forderten Merkel heute zu verstärkten Anstrengungen gegen den Klimawandel auf. Greenpeace verlangte einen drastischen Ausbau der erneuerbaren Energien und warnte vor dem Bau von Kohlekraftwerken. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) forderte, die Kabinettsklausur kommende Woche in Meseberg bei Berlin müsse "einen entscheidenden Durchbruch" für mehr Klimaschutz bringen.

Merkel verteidigte ihre Reise gegen Kritik der Opposition. Der Besuch diene auch dazu, den Menschen in Deutschland sichtbar zu machen, mit welcher Geschwindigkeit auch in anderen Regionen die Klimaerwärmung Folgen zeitigt. Zu Beginn des Besuchs hatte sie gemeinsam mit Gabriel und Rasmussen auf einer Schiffstour den mit Eisbergen übersäten Ilulissat-Fjord besichtigt. Die Zahl der Eisberge ist in den vergangenen Jahren nach Beobachtungen von Wissenschaftlern stark gestiegen. Vom Ilulissat-Geltscher bricht aufgrund der wärmeren Temperaturen auf der Insel immer mehr Eis in den Fjord.

ler/dpa/AP



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