Machtkampf in Großbritannien Wer kann Boris Johnson noch stoppen?

Brexit-Hardliner Boris Johnson dominiert das Rennen um die Macht in Großbritannien - auch bei der jüngsten Abstimmung in der Tory-Fraktion. Selbst Moderate laufen zu ihm über.

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Immerhin, dieses Mal lässt sich auch Großbritanniens Polit-Topstar blicken. Boris Johnson sitzt am Dienstagabend in einem Londoner BBC-Studio, wenn auch ganz außen in der Runde der fünf verbliebenen Anwärter auf die Macht im Königreich.

Das passt ganz gut zu Johnsons Auftreten in den vergangenen Tagen. Oder besser gesagt: Nichtauftreten. Denn der 54-Jährige hat sich zuletzt auffallend rargemacht. Nur ein Zeitungsinterview gab er, eine erste TV-Debatte mit allen Kandidaten ließ er dagegen sausen, ein großes Treffen vor Journalisten ebenso. Und das, obwohl er der Mann ist, um den sich im Moment alles dreht.

114 von 313 Stimmen hatte Johnson vergangene Woche in der Tory-Fraktion geholt. Es war die erste Abstimmungsrunde in einem mehrstufigen Prozess, in dem die Konservativen ihren neuen Parteichef wählen - und damit auch den künftigen Premierminister des Landes.

An diesem Tag, wenige Stunden vor der BBC-Diskussion, läuft es für Johnson noch besser: 126 der konservativen Parlamentsabgeordneten votieren für den Hardliner. Zum Vergleich: Um es ins Finale zu schaffen, die Basis-Urwahl mit den zwei erfolgreichsten Kandidaten, benötigt Johnson am Ende lediglich 105 Stimmen seiner Unterhauskollegen.

Johnson zieht auch Gemäßigte auf seine Seite

Der hochumstrittene Politiker galt schon immer als Topfavorit im Rennen um die Nachfolge von Theresa May. In den vergangenen Tagen aber konnte er seine Stellung noch einmal verbessern: Johnson zog nicht nur Brexit-Hardliner wie Andrea Leadsom auf seine Seite. Das allein verwundert nicht, schließlich hatte Johnson meist mit am lautesten gegen die EU gepoltert.

Doch dann stellten sich auch einige Moderate hinter Johnson - etwa Matt Hancock, der erst am Freitag seine eigene Kandidatur aufgegeben hatte und für einen gemäßigten Brexit-Kurs wirbt.

Da stellt sich die Frage, wie Johnson, den viele Abgeordnete für einen unberechenbaren Populisten halten, trotzdem plötzlich auch im EU-freundlicheren Lager punkten kann. Klar, man kann davon ausgehen, dass es sich einige Kritiker mit Blick auf die eigenen Karrierepläne nicht mit dem möglichen neuen Premier verscherzen wollen.

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Kandidaten der Konservativen: Wer wird Premierminister?

Doch ebenso wird gemutmaßt, Johnson habe seinen Kontrahenten die widersprüchlichsten Versprechungen gemacht - je nachdem, wen er gerade überzeugen wollte. Vordergründig gibt sich Johnson weiterhin als Brexit-Ultra. Er beharrt darauf, das Austrittsabkommen mit der EU neu auszuhandeln, was in der Realität kaum vorstellbar ist. Wenn das nicht klappt, wäre die logische Folge: No Deal, ein harter Brexit Ende Oktober.

Johnson kokettiert damit, doch eine Garantie für diesen Termin will er auch nicht geben. Möglichst vage bleiben, der offenen Auseinandersetzung aus dem Weg gehen, ohne größere Unfälle davonkommen - das ist jetzt seine Strategie. Auf seine Forderung nach Steuererleichterungen für Reiche angesprochen, weicht er in der BBC-Runde aus. Bei Fragen nach seinen früheren Verbalausrutschern ebenso.

Zu schaden scheint Johnson dieser Kurs bislang nicht. Zuletzt gab es sogar Spekulationen, Johnson lasse einige seiner Anhänger für Außenminister Jeremy Hunt stimmen - weil er diesen in der späteren Urwahl für weniger gefährlich halte als etwa Umweltminister Michael Gove. Grundsätzlich wäre das dem gewieften Machtpolitiker durchaus zuzutrauen. Und Johnsons Vorsprung ist so groß, dass er ein paar Stimmen für taktische Spielchen durchaus opfern könnte.

Hunt holt am Dienstag 46 Stimmen und bleibt damit Zweiter im Rennen. Gove liegt weiterhin knapp hinter ihm.

Shootingstar Stewart

Kann es überhaupt noch jemand mit Johnson aufnehmen? Die anderen Kandidaten konzentrieren sich längst nur noch auf den Kampf um Rang zwei. Vor allem Rory Stewart, so etwas wie der Shootingstar in Johnsons Schatten, muss heftige Attacken einstecken. Stewart war es gelungen, Tory-Promis wie David Lidington als Unterstützer zu gewinnen - Theresa Mays Stellvertreter. Im Wahlkampf verbessert er sich deutlich auf nun 37 Stimmen. Damit wird er zum ernst zu nehmenden Konkurrenten für Hunt und Gove.

Stewart ist ein Proeuropäer, er will den Brexit zwar nicht stoppen - ihn aber auch nicht um jeden Preis durchdrücken. Bei Labour-Wählern oder Liberaldemokraten ist er derzeit der beliebteste Konservative. Aber das hilft ihm im Tory-Wettbewerb letztlich wenig - selbst wenn er es in die Endrunde schaffen sollte.

Bei den meisten Konservativen gilt es als Frevel, den Brexit infrage zu stellen. Seine Konkurrenten werfen Stewart vor, ein Remainer zu sein - einer, der Großbritannien in der Europäischen Union halten will. Dann musste sich der Entwicklungshilfeminister zuletzt auch noch Spionagevorwürfe gefallen lassen.

Lieber Brexit als Einheit des Königreichs

Doch egal, wie es ausgeht: Johnson bleibt der zumindest in seinem Auftreten radikalste Kandidat - und das in einer Partei, die nach radikalen Lösungen verlangt. Am Dienstag veröffentlichte YouGov eine Umfrage unter 900 Tory-Mitgliedern. Etwa zwei Drittel würden demnach den Zerfall des Vereinigten Königreichs in Kauf nehmen, den Austritt Schottlands und Nordirlands, wenn dafür der Brexit kommt. Mehr als die Hälfte würde für den EU-Ausstieg die "Zerstörung" der Tories akzeptieren.

Doch dann gab es noch ein weiteres Ergebnis, das jedem der Kandidaten zu denken geben muss. 46 Prozent der Tory-Mitglieder hätten gern Nigel Farage als Parteichef. Einen Rechtspopulisten und Scharfmacher, der einst Ukip und dann seine Brexit-Partei bei den vergangenen beiden Europawahlen zur stärksten Kraft in Großbritannien gemacht hat.

Am Samstag soll die Urwahl bei den Tories starten. Es sieht ganz danach aus, dass Johnson der nächste Premierminister wird. Besonnene Stimmen, so scheint es, sind im Moment bei den Konservativen einfach nicht gefragt.



insgesamt 57 Beiträge
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hausfeen 18.06.2019
1. Na, der, der der Zweiter wird.
Johnson hat noch keine Mehrheit. Vielleicht gar bis zum Schluss. Dann wäre seine Karriere wohl beendet. Er findet bestimmt ein Plätzchen für einen artgerechten Ruhestand.
Ökofred 18.06.2019
2. Armes England
"Doch dann gab es noch ein weiteres Ergebnis, das jedem der Kandidaten zu denken geben muss. 46 Prozent der Tory-Mitglieder hätten gerne Nigel Farage als Parteichef. " Das wäre das selbe, wenn die Hälfte der CDU lieber Gauland als Chef hätte. Arme Briten!
wolfgangselig 19.06.2019
3. Wundert das jemand?
Wundert jemand, dass Johnson vorne ist? Die Briten haben mehrheitlich für leave gestimmt und wollen das endlich umgesetzt wissen. Das muss man nicht gut finden, aber das ist Basisdemokratie. Und er vertritt den Austritt aus der EU glaubwürdiger als Theresa May.
mimas101 19.06.2019
4. Hmm Tja
Donald T, ähh pardon ich meinte natürlich Boris J, verspricht jedem was er hören will und läßt sich nicht darauf festnageln? Na, dem Mann geht es ausschließlich um Macht und das Vollstopfen der eigenen Taschen mittels Steuererleichterungen. Der Rest ist ihm egal. Bemerkenswert allerdings: Die Torys wollen lieber GB platzen lassen als nicht zu brexiten? Und sowas sollen die englischen Wähler weiterhin wählen? Na dann wird man wohl demnächst einen weiteren Exportschlager aus deutschen Landen den verbliebenen Engländern feilbieten können: Taschentücher für Bonbon-Fallschirme, genormte Betonfertigteile (bequem per Kran auf beliebigen Untergründen aufstellbar) und Selbstschußanlagen vom Typ SM-70. Das werden die Tory-Engländer schon brachen um ihr eigenes Volk am Weglaufen zu hindern. Denn ohne Volk gäbe es keine Wähler und damit auch keine Demokratie. Und natürlich auch keine Steuern von denen man sich dann ein kommodes Leben einrichten kann. Und ohne ein zu regierendes Volk gibt es natürlich auch keinen Staat mehr, Gesetze würden nicht mehr befolgt werden weil keiner da ist... Und vermutlich würde man auch die Queen abschaffen müssen weil sie nämlich in blau-gelben Kostümen herumzulaufen pflegt.
goho 19.06.2019
5. Radikal
Vor einem Jahr war ich schon ein grosser Anhänger jener EU Bürger die klar ausdrückten - schmeisst sie raus diese Engländer aus der EU, ohne wenn und aber, und zwar so schnell wie möglich und koste es der EU was es sein muss. Die Mehrheit der Engländer war noch nie EU freundlich eingestellt. Die EU kann aber nur mit Ländern überleben die kompromisslos zur EU stehen.
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