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Fotostrecke: Boris Johnson - Der kalkulierte Aufstieg

Foto: TOLGA AKMEN/ AFP

Boris Johnson Krawall mit Kalkül

Boris Johnson poltert von Skandal zu Skandal. Kritiker fordern längst seinen Rücktritt, doch der britische Tory-Politiker bleibt einer der mächtigsten Männer im Königreich. Wie kann das sein?

Boris Johnson ist Großbritanniens Chefdiplomat. Das muss man immer wieder mal erwähnen, denn es gibt wohl keinen anderen britischen Spitzenpolitiker, der sich derart häufig Skandale und Peinlichkeiten leistet.

Johnson, das ist der Mann, der die Wurzeln des früheren US-Präsidenten Barack Obama als "teilkenianisch" bezeichnete; der von Afrika als "dieses Land" sprach; der während eines Besuchs in Burma fröhlich ein Gedicht des Kolonialisten Rudyard Kipling zitierte.

Johnson prophezeite der libyschen Stadt Sirte eine Zukunft als "das nächste Dubai" - sobald sie "die Leichen weggeräumt haben". Er warb für Whisky-Importe nach Indien - in einem Tempel der Sikh, deren Religion Alkohol verbietet. Er gratulierte in Ankara den Türken zum Bau einer "gut funktionierenden Waschmaschine". Die Europäische Union verglich er mit Adolf Hitler.

Sein jüngster Fehltritt aber könnte ernste Folgen haben. In Iran sitzt die Britin Nazanin Zaghari-Ratcliffe in Haft. Die Behörden werfen ihr Spionage und Propaganda vor, laut Verteidigung war sie jedoch privat in dem Land. Johnson wiederum bemerkte - offenbar ahnungslos, was er anrichtet - Zaghari-Ratcliffe habe dort Menschen Journalismus beigebracht. Der Frau droht nun womöglich ein noch härteres Urteil. Am Wochenende reiste Johnson nach Iran, um zu beschwichtigen - vorerst ohne Erfolg.

Johnson bleibt im Rennen

Boris Johnson ist ein Chefdiplomat, der keine Diplomatie kann. Seine Gegner fordern seinen Rücktritt. Doch bislang übersteht der Tory-Mann alle Verfehlungen. Viel mehr noch: Johnson bleibt im Rennen für die Nachfolge von Premierministerin Theresa May. Wie kann das sein?

Theresa May, Boris Johnson

Theresa May, Boris Johnson

Foto: Leon Neal/ dpa

"Es ist unfassbar, dass er noch im Amt ist", sagt Johnson-Biografin Sonia Purnell. Als Journalistin arbeitete sie einst an der Seite des späteren Tory-Stars in Brüssel. Später schrieb sie seine Geschichte auf, eine Abrechnung: "Just Boris" heißt das Buch, erschienen 2012. Johnson war zu jener Zeit Bürgermeister von London. "Er ist inkompetent, er lügt", sagt Purnell. "Ich dachte damals, ich warne die Menschen."

Mittlerweile ist Johnson Außenminister und einer der einflussreichsten Männer im Königreich.

Vater im Dschungelcamp

Der Glanz der Prominenz hat im Leben des wuchtigen Tory-Manns mit dem blonden Wuschelkopf immer eine große Rolle gespielt. Vater Stanley Johnson war Europaabgeordneter, arbeitete bei der Weltbank, wurde Umweltaktivist und saß kürzlich in der britischen Ausgabe des Dschungelcamps. Bruder Jo ist Wissenschaftsminister, Schwester Rachel Autorin.

Johnson, das spätere Gesicht der Brexit-Kampagne, ging in Brüssel zur Schule. Später arbeitete er als Journalist. Bei der "Times" wurde er gefeuert, weil er ein Zitat gefälscht hatte. Wieder in Brüssel, schrieb er als Korrespondent für den "Daily Telegraph" gegen die Europäische Union an. Weggefährten wie Purnell hielten das für gespielt: "Er war nicht gegen die EU", schreibt die Autorin in ihrem Buch. "Aber Boris mochte es, wie gut seine europakritischen Artikel ankamen." Es heißt, Margaret Thatcher habe ihn als ihren Lieblingskorrespondenten bezeichnet.

Was ist echt, was nicht? Das ist bei Johnson die Frage. Bevor er im Februar 2016 seine "qualvoll schwere" Entscheidung bekannt gab, sich vor die Brexit-Kampagne zu spannen, hatte er zwei Stellungnahmen vorbereitet - eine für und eine gegen die EU. Angeblich entschied er sich erst Minuten vor seinem Auftritt.

Lügen im Brexit-Wahlkampf

Später warnte er vor einem herbeifantasierten bevorstehenden EU-Beitritt der Türkei. Auf Johnsons Wahlkampfbus stand: "Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche". Auch das ist schlicht falsch: Rechnet man den Briten-Rabatt und Gelder aus Brüssel für London mit ein, bekommt die EU in der Woche weit weniger.

Brexit-Wahlkampfbus in London

Brexit-Wahlkampfbus in London

Foto: Jack Taylor/ Getty Images

Die Lüge war schnell entlarvt. Doch kürzlich wärmte er sie wieder auf. Im "Daily Telegraph" schrieb er: "Wenn wir unsere Rechnung beglichen haben, holen wir uns die Kontrolle über rund 350 Millionen pro Woche zurück."

Johnson spielt die Klaviatur eines Rechtspopulisten, ohne dass in ihm ein echter Donald Trump, ein echter Nigel Farage stecken würde. Er ist weder einfach nur dumm, noch ein rechtsextremer Ideologe.

Tollpatschiger Teddybär mir klaren Worten

Aber Johnson ist kompromisslos, wenn es um Macht geht. Im Zweifel mit der Brechstange. Der frühere Schüler des Eliteinternats Eton und Student in Oxford hat eine Art Kunstfigur geschaffen. Eine Mischung aus einem dauergrinsenden, tollpatschigen Typen, mit dem man im Pub ein Bier trinken möchte - und einem beinharten Konservativen, der den etablierten Polit-Betrieb aufmischt. Oder wie Publizistin Purnell sagt: "Ein kuschliger Teddybär, der nicht so ist, wie andere Politiker."

Seit Jahren kommt das an. "Die Leute wollen glauben, dass das sein Charakter ist", sagt Purnell. "Aber da steckt nichts dahinter. Er ist ein Schauspieler. Und er ist sehr clever." Rücksicht auf Parteifreunde nimmt Johnson im Zweifel nicht. Mit Ex-Premier David Cameron pflegte er seit Jugendtagen eine mal freundschaftliche, mal feindselige Rivalität. Als Cameron 2016 für den EU-Verbleib warb, fiel ihm Johnson in den Rücken. Offensichtlich hoffte er, sich so als Camerons Nachfolger in Stellung zu bringen.

Das Manöver scheiterte, weil sich nach dem Referendum plötzlich sein Mitstreiter Michael Gove gegen Johnson stellte - und selbst Anspruch auf das Spitzenamt anmeldete. Johnson war düpiert. Im Kabinett von Theresa May, die den Machtkampf damals für sich entschied, musste er sich unterordnen. Fürs Erste.

Johnson fügt Premier May Schaden zu

Doch seit May nach dem Wahldebakel vom Juni wackelt, sieht Johnson erneut seine Chance. Einen Tag vor dem jüngsten Tory-Parteitag erschien in der "Sun" ein Interview. Darin zog er rote Linien für die Brexit-Verhandlungen. Etwa sollte London schon in einer Übergangsphase keine Urteile des Europäischen Gerichtshofs akzeptieren. Es war eine öffentliche Volte gegen May, die in Brüssel mühsam an Kompromissen bastelt.

Im November dann der nächste Stich: Ausgerechnet mit Gove forderte Johnson in einem Brief an May, die EU notfalls ohne Einigung zu verlassen. Das Schreiben wurde an die Presse weitergereicht. May geriet weiter in Bedrängnis.

Brexit-Befürworter Gove, Johnson

Brexit-Befürworter Gove, Johnson

Foto: REUTERS

Andere hätten ihn längst entlassen, doch May ist zu schwach, um Johnson einfach rauszuwerfen. "Er ist schlicht der größte Brexiteer im Kabinett", sagt Tim Bale, Politikwissenschaftler an der Londoner Queen Mary Universität. "Ihn zu feuern, würde einer Premierministerin, die den Euroskeptikern beweisen muss, dass sie auf ihrer Seite ist, ernste Probleme bereiten." Zudem halten immer noch einige einflussreiche Thinktanks und die konservative Presse auf der Insel zu dem Tory-Mann.

Ändert sich die Stimmung?

Immerhin: In einer YouGov-Umfrage befürworteten zuletzt 44 Prozent der Befragten einen Rauswurf des Ministers. Selbst unter Tory-Wählern waren es noch 31 Prozent. Ändert sich die Stimmung im Königreich?

Bale sagt, Johnson habe bewiesen, "dass er nicht einfach ein Witzbold ist, sondern eine ernsthafte Belastung." Sein Anhängerschaft werde kleiner.

In den vergangenen Tagen ließ Johnson andere die Nachrichten bestimmen. May oder Brexit-Minister David Davis steckten die medialen Prügel nach den zunächst erfolglosen Gesprächen in Brüssel ein. Der Mann, der entscheidende Schuld an dem Schlamassel trägt, hielt sich zurück. Als May dann doch noch ein Ergebnis präsentierte, gratulierte ihr Johnson - erinnerte sie aber daran, "die Kontrolle über unsere Gesetze, unser Geld und unsere Grenzen" zurückzuholen.

Es waren vergiftete Glückwünsche. Hofft Johnson noch immer auf das höchste Amt im Königreich? Politologe Bale muss nicht lange überlegen: "Ist der Papst katholisch?"


Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, London bekäme weniger Geld als 350 Millionen Pfund pro Woche. Korrekt heißt es: Die EU erhält weniger aus London.

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