Großbritannien Brexit-Partei in Umfrage stärker als Tories und Labour zusammen

Den beiden großen Parteien des Vereinigten Königreichs droht bei der Europawahl eine derbe Niederlage. Nicht einmal gemeinsam würden sie laut einer Umfrage so viele Stimmen erhalten wie die neu gegründete Brexit-Partei.
Brexit-Partei-Chef Nigel Farage bei Wahlkampfauftritt in Durham: Stärker als Tories und Labour zusammen

Brexit-Partei-Chef Nigel Farage bei Wahlkampfauftritt in Durham: Stärker als Tories und Labour zusammen

Foto: Danny Lawson/PA Wire/dpa

Bei der anstehenden Europawahl könnte die Brexit-Partei von Nigel Farage mit Abstand die meisten Stimmen in Großbritannien erhalten. In einer Umfrage der Zeitung "The Observer"  kommt die erst im Januar gegründete Partei auf eine Zustimmung von 34 Prozent. Das sind sechs Prozentpunkte mehr als zwei Wochen zuvor.

Damit erreichen die beiden großen britischen Volksparteien - die Tories genannte Konservative Partei und die Labour-Partei - nicht einmal gemeinsam die Zustimmungswerte der Brexit-Partei. Labour verliert mit 21 Prozent im Vergleich zu Ende April sieben Prozentpunkte. Die Tories verlieren drei Prozentpunkte und landen mit nur noch elf Prozent Zustimmung auf Platz vier der Wählergunst.

Die dezidiert europafreundlichen Liberaldemokraten gewinnen hingegen mit fünf Prozentpunkten fast so stark hinzu wie die Brexit-Partei und schieben sich an den Tories vorbei auf Platz drei. Auch die Grünen gewinnen zwei Prozentpunkte und erreichen nun acht Prozent.

Eigentlich hätten die Briten bei dieser Europawahl schon gar nicht mehr teilnehmen sollen. Für den 29. März dieses Jahres war der Austritt des Landes aus der EU geplant, an diesem Tag vor zwei Jahren hatte die konservative Premierministerin Theresa May die schriftliche Erklärung dazu abgegeben. Doch sie hat es bis heute nicht geschafft, eine parlamentarische Mehrheit für ihr ausgehandeltes Abkommen - ihren Deal - mit den bisherigen EU-Partnern für die Zeit nach dem Austritt zu organisieren.

Weil dem Land bei einem Austritt ohne ein Abkommen dramatische Folgen für die Wirtschaft und andere Lebensbereiche drohen, verzögert sich der Brexit. Die EU hat Großbritannien nun eine neue Frist bis zum 31. Oktober eingeräumt. Daher wird das Land nun doch an den Wahlen zum Europaparlament teilnehmen.

Die Brexit-Partei hatte sich erst im Januar dieses Jahres gegründet - als immer klarer wurde, dass der Austrittstermin Ende März nicht gehalten werden würde. Inzwischen ist der frühere Ukip-Politiker Nigel Farage Parteichef. Er ist der profilierteste Europagegner der britischen Politik und selbst Europaabgeordneter.

Die Umfrage zeigt die Unzufriedenheit vieler Briten mit der Brexit-Politik von Theresa May und von Labour-Chef Jeremy Corbyn. Dass auch die größte Oppositionspartei im britischen Parlament nicht von der tiefen Zerstrittenheit der konservativen Partei profitieren kann, hat auch mit Corbyns uneindeutiger Haltung zum Brexit zu tun. Wer Labour wählt, weiß nicht, ob die Stimme letztlich für oder gegen einen Austritt des Landes aus der EU ins Gewicht fällt.

Der frühere Labour-Chef und Premierminister Tony Blair rief die Anhänger der Partei auf, zur Europawahl zu gehen - auch wenn sie dann einer Partei die Stimme geben sollten, die sich noch klarer zur EU bekenne. "Das ist eine Stimme für oder gegen einen Farage-Brexit", schrieb Blair im "Observer" in Anspielung auf den Brexit-Partei-Chef.

fdi