Tory-Kandidaten Johnson und Hunt Die Raus-Boys

Boris Johnson und Jeremy Hunt wollen britischer Premierminister werden. Das wichtigste Thema im Tory-Wahlkampf, natürlich: Brexit. Beide Männer achten darauf, bloß nicht zu konkret zu werden. Was haben sie vor?

Boris Johnson, Jeremy Hunt: Kontrahenten im Tory-Machtkampf
Andrew Yates/ REUTERS (2)

Boris Johnson, Jeremy Hunt: Kontrahenten im Tory-Machtkampf

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Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Wer sich in diesen Tagen Boris Johnsons Twitter-Auftritt ansieht, der findet dort vor allem Herziges aus dem Wahlkampf: Johnson umarmt Menschen, Johnson streichelt eine Kuh, Johnson küsst einen Welpen. Großbritanniens oberster Krawall-Politiker ist jetzt Everybody's Darling, das ist die Botschaft: volksnah, fröhlich, freundlich.

Nur wie Johnson den Brexit erledigen will - das erfährt man dort nicht.

Dabei ist der EU-Austritt im Tory-Machtkampf das alles entscheidende Thema. Der künftige Premierminister wird vor der Mammutaufgabe stehen, das Brexit-Versprechen einzulösen, zugleich den gröbsten Schaden vom Königreich abzuhalten - und Proeuropäer und EU-Hasser zu versöhnen.

Boris Johnson im Wahlkampfmodus: Daumen hoch.
Dominic Lipinski/AFP

Boris Johnson im Wahlkampfmodus: Daumen hoch.

Viel steht auf dem Spiel. Da scheint es fast schon nachvollziehbar, dass die beiden Kandidaten vor allem einer Devise folgen: Bloß nicht zu konkret werden, um keines der uneinigen Lager weiter zu verprellen.

Sowohl Johnson als auch sein Kontrahent Jeremy Hunt ziehen derzeit mit vagen Plattitüden durchs Land. Beide wollen raus aus der EU. Doch wie soll das gelingen, wo bereits Noch-Regierungschefin Theresa May an dieser Aufgabe gescheitert ist?

Man muss schon genau hinhören, mitunter zwischen den Zeilen lesen, um zu erahnen, was die beiden Bewerber beim Brexit anders machen wollen - und wo sie sich voneinander unterscheiden. Der Überblick.

Boris Johnson: Hardliner mit Hintertür

Was Johnson seinen Anhängern anbietet, hört sich eigentlich völlig klar an: Unter seiner Führung werde Großbritannien die EU spätestens am 31. Oktober verlassen - "komme was wolle". Der Termin ist die aktuelle Frist, die Brüssel den Briten gesetzt hat.

Nach Johnsons Willen soll ein neues Austrittsabkommen her. Den Backstop, die umstrittene Notregelung für die irische Insel, will er streichen. Es gebe "reichlich technische Lösungen", sagt Johnson, um eine harte Grenze in der Region zu verhindern. Allerdings bezweifeln Experten dies - und er selbst musste kürzlich in einem BBC-Interview zugeben: "Es gibt kein Allheilmittel."

Doch warum sollte die EU dazu bereit sein, das mühsam errungene Vertragspaket noch einmal aufzuschnüren? Johnsons Antwort: Seit der Europawahl, bei der die Tories einbrachen und Populisten um Nigel Farage triumphierten, sei alles anders. Wenn Ihr die radikalen Rechten nicht wollt, müsst ihr uns entgegenkommen, soll das wohl heißen.

Als Plan B bringt Johnson ein Stillstandsabkommen ins Spiel. Großbritannien und die EU sollten demnach auch nach dem Brexit ihre Handelsbeziehungen unverändert aufrechterhalten. Kaum jemand hält das ernsthaft für möglich. Vermutlich ist der Vorschlag auch gar nicht ernstgemeint.

Johnson betont ohnehin, man müsse nur laut genug mit einem Austritt ohne Deal drohen und mit der Verweigerung von Geldzahlungen, dann werde Brüssel schon einlenken.

Doch es gibt zumindest Hinweise darauf, dass Johnson daran selbst nicht so richtig glaubt. Er selbst beziffert die Wahrscheinlichkeit eines "No Deal"-Brexits auf "eins zu einer Million". In einer TV-Debatte verweigerte er kürzlich trotz mehrfacher Nachfrage eine Garantie für den Brexit bis zum 31. Oktober. Der Austritt sei bis dahin "durchaus machbar", sagte er lediglich.

Johnson bei einer Tory-Veranstaltung in Manchester
Paul Ellis/AFP

Johnson bei einer Tory-Veranstaltung in Manchester

Offensichtlich hält sich Johnson eine Hintertür auf. Und das verwundert nicht, schließlich hat der Tory-Politiker in der Vergangenheit mehrfach seine Positionen machttaktischen Zielen angepasst.

Gut möglich also, dass Johnson seinen Kurs wieder ändert - wenn er einmal Premierminister ist. Wenn nicht, blieben ihm wohl nur zwei Optionen:

  • Johnson ringt der EU kosmetische Korrekturen der politischen Erklärung ab, die an Mays Austrittsabkommen angehängt ist. Diese versucht er durchs Parlament zu bringen. Die Wahrscheinlichkeit wäre groß, dass er dann wie May endet.
  • Oder Möglichkeit zwei: Johnson dringt auf Neuwahlen, hofft mit einer stärkeren Mehrheit im Unterhaus den Widerstand der proeuropäischen Abgeordneten gegen einen harten Brexit zu brechen. Doch dafür müsste er die Wahlen erst einmal gewinnen.

Jeremy Hunt: Der Gemäßigte verschärft den Ton

Hunt hat beim Brexit eine schlechtere Ausgangslage als Johnson. 2016 hatte er für den Verbleib in der EU gestimmt. Heute will er dem Ergebnis des damaligen Referendums gerecht werden, um den "demokratischen Willen" der Menschen zu achten. Doch genau das ist sein Problem: Für die große Zahl an EU-Hassern unter den Tories wird er auf ewig ein Proeuropäer sein.

Um dieses Image abzuschütteln, verschärfte der Außenminister zuletzt den Ton. In seinem Zehn-Punkte-Plan für den Brexit beschreibt er vor allem Vorkehrungen für einen Austritt ohne Abkommen. Hunt will etwa Unternehmenssteuern senken und Milliarden für Fischer und Bauern zur Verfügung stellen. Allerdings verheimlicht auch er nicht, dass er mit solchen Ankündigungen vor allem Druck auf Brüssel ausüben will.

Johnson-Herausforderer Jeremy Hunt
Peter Byrne/AP

Johnson-Herausforderer Jeremy Hunt

Natürlich will auch Hunt lieber mit einem Abkommen aus der EU aussteigen. Er spricht von einem "alternativen Austrittsdeal" zu Mays bisherigen Vereinbarungen. Schnellstmöglich sollen die Gespräche beginnen - und das mit einer weniger feindseligen Haltung: An die bereits vereinbarte Zahlung von 44 Milliarden Euro an die EU will sich Hunt etwa halten.

Zu einem neuen Verhandlungsteam sollen Vertreter verschiedener Tory-Flügel sowie der nordirischen DUP zählen, die derzeit die britische Regierung im Unterhaus mitträgt. Ein Abkommen soll bis Ende August stehen. Ein straffer Zeitplan.

Doch für Hunt gilt ebenfalls: Die EU denkt überhaupt nicht daran, noch einmal in Verhandlungen einzusteigen - auch wenn der Tory-Kandidat derzeit damit prahlt, Kanzlerin Angela Merkel habe ihm zugesagt, sich seine Vorschläge anzuschauen.

Ebenso bleibt auch bei Hunt völlig offen, wie eine neue Einigung das Unterhaus passieren sollte. Immerhin, in diesem Punkt unterscheidet sich Hunt klar von Johnson: Er spielt die Tatsache nicht herunter, dass das Parlament sehr wahrscheinlich einen Austritt ohne Deal blockieren würde. Anders als Johnson kokettiert er nicht damit, das Unterhaus in diesem Fall umgehen zu wollen.

Hunt bekennt sich sogar dazu, im Zweifel den Brexit ein weiteres Mal aufzuschieben. Wer weiß, vielleicht würde das Johnson am Ende ebenfalls tun. Doch bei Hunt ist bereits jetzt klar, wo er steht - zumindest in dieser einen Frage.


Zusammengefasst: Boris Johnson und Jeremy Hunt - beide Tories wollen britischer Premierminister werden. Doch in welchen Punkten unterscheiden sie sich in der entscheidenden Brexit-Frage? Johnson verspricht, Großbritannien bis spätestens Ende Oktober aus der EU zu führen, mit oder ohne Abkommen. Auch Hunt will den Austritt, allerdings schließt er auch einen weiteren Brexit-Aufschub nicht aus. Beide Kandidaten aber bleiben in ihren Ankündigungen vage. Es ist weiter völlig offen, wie sie die EU zurück an den Verhandlungstisch bringen und letztlich das tief zerstrittene Unterhaus überzeugen wollen.



insgesamt 63 Beiträge
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PeterMüller 04.07.2019
1. Habe mir deren Werbereden angehört
Aufgefallen ist mir dabei, dass beide glauben, dass die EU schon noch nachgebe und ihnen das Rosinenpicken erlauben werde, wenn sie nur mit einem Team kommen, dass überzeugen lässt, man werde DEN Deal dann durchs Parlament bekommen. Klar, wenn wir Europäer die Briten mit Gold zuschütten, dann werden die schon Mehrheiten finden... Besser: #nomoredeal
haehnen 04.07.2019
2. So einfach..
.. wird die EU die Briten nicht los. Brexit wird definitiv ein weiteres Mal verschoben.
Anna-Lena19 04.07.2019
3.
Ältere weiße Männer haben mit einer überwältigenden Mehrheit für den den Brexit gestimmt. Nun, wo auch den Briten immer klarer wird, dass die Argumentation der Brexit-Campaign auf Lügen aufgebaut war, dass das UK durch den Brexit vor dem Chaos steht und künftige Generationen im UK ihrer Möglichkeiten beraubt werden, denken die Briten, ein neuer PM könnte das Problem lösen. Und das witzigste daran: es soll (egal ob Johnson oder Hunt) ausgerechnet ein älterer weißer Mann sein.
sozialismusfürreiche 04.07.2019
4. Die Wahl zwischen Pest und Cholera
Das ist ja wie die Wahl zwischen Pest und Cholera ...
ruuben 04.07.2019
5.
Langsam muss doch mal Schluss sein mit dem Affentheater. Finde die EU muss jetzt mal aufn Tisch hauen. Können gerne in der EU bleiben - nach dem ganzen Zirkus aber ohne Britenbonus. Oder am 31.10. ist Schluss. Entweder unter den verhandelten Konditionen oder mit einem fetten Plumbs auf den Hintern. Das hält ja keiner mehr aus, was die auf ihrer Insel abziehen...
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