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02. November 2017, 18:30 Uhr

Rücktritt des britischen Verteidigungsministers

Das Ende von Mr Zuverlässig

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Für Theresa May war er ein wichtiger Vertrauter: Doch ein sexueller Übergriff aus der Vergangenheit holte den britischen Verteidigungsminister Fallon ein - kommt es zum Domino-Effekt?

In London kursiert seit einiger Zeit eine Liste, 40 Namen sollen darauf vermerkt sein. Bei den Genannten handelt es sich angeblich um konservative Abgeordnete des britischen Parlaments. Angefertigt und durchgesteckt wurde die Liste demnach von Ex-Parteimitarbeitern.

Der Inhalt ist brisant: Es geht um den Vorwurf diverser sexueller Übergriffe. Auch der Name von Michael Fallon steht auf der Liste - am Mittwoch erklärte der Verteidigungsminister überraschend seinen Rücktritt.

Fast täglich tauchen in den britischen Medien neue Berichte über Vergehen von Politikern auf. Ins Rollen kam die Debatte nach den Berichten über Hollywood-Produzent Harvey Weinstein. Der soll über Jahrzehnte hinweg Frauen sexuell belästigt haben. Seitdem berichten in vielen Ländern Frauen und Männer von solchen Vorfällen.

Die "Sex-Liste" der konservativen Politiker ist ein Teil davon. Auch wenn sich bereits viele der Vorwürfe dieses Papiers laut der britischen Zeitung "Guardian" und anderen Medien als falsch erwiesen haben, hält die politische Elite in London den Atem an: Wen könnten neue Veröffentlichungen als Nächstes treffen? Und was bedeutet das für die angeschlagene Regierung von Premierministerin Theresa May?

Verteidigungsminister Fallon war zuletzt immer stärker in die Defensive geraten. Vor 15 Jahren hatte der Tory bei einem Dinner der Journalistin Julia Hartley-Brewer mehrfach ans Knie gefasst. Der Fall wurde öffentlich, Fallon entschuldigte sich und zog aus dem "Kneegate" Konsequenzen.

Er sei in der Vergangenheit hinter den hohen Ansprüchen zurückgeblieben, die an die Streitkräfte gestellt würden, sagte der 65-Jährige. Details nannte er nicht. Nur so viel: "Die Kultur hat sich über die Jahre geändert. Was vor 15 oder 10 Jahren wohl noch akzeptiert wurde, ist ganz klar heute nicht mehr akzeptabel." Ein kurzer Einblick in die Denkweisen früherer Zeiten, der aber nicht zur Erklärung oder Entschuldigung geeignet ist.

Es bleiben viele Fragen.

Beobachter können nicht glauben, dass dieser einzelne Vorfall den Ausschlag für seine Entscheidung gegeben hat. Es könnten noch weitere sexuelle Übergriffe bekannt werden. Diese Vermutung sollen Personen aus dem Umfeld Fallons geäußert haben, berichtet der "Guardian". Womöglich kam der konservative Politiker nur weiteren Veröffentlichungen zuvor.

Selbst die betroffene Journalistin zeigte sich überrascht. Sie habe keinesfalls den Rücktritt herbeiführen wollen, schrieb Julia Hartley-Brewer in sozialen Netzwerken. Schließlich habe sie sich nicht als Opfer gefühlt, sondern damals direkt reagiert: "Ich habe ihn freundlich darauf hingewiesen, dass ich ihm ins Gesicht schlage, wenn er mich erneut anfasst." Damit sei die Sache für sie erledigt gewesen. "Wenn er wirklich gegangen ist, weil er mein Knie vor 15 Jahren berührt hat, dann ist das der absurdeste Grund für einen Jobverlust in der Geschichte dieses Universums."

Theresa May verliert einen Verbündeten

Für Premierministerin May ist der Abgang des 65-Jährigen schmerzhaft. Er galt als enger Verbündeter, war seit 2014 Verteidigungsminister.

Fallon wird als extrem verlässlich bezeichnet, geschickt im Umgang mit den Medien. May schickte gerne ihn vor, wenn es darum ging, umstrittene Regierungsvorhaben in Fernsehinterviews zu verteidigen. Das brachte ihm den Spitznamen "Mr Reliable" ein. Mister Zuverlässig.

Es ist ein Rückschlag in schwierigen Zeiten - denn die Premierministerin ist politisch ohnehin angeschlagen.

Seit der Neuwahl im Juni führt sie eine Minderheitsregierung an und ist auf die Hilfe der erzkonservativen nordirischen DUP (Democratic Unionist Party) angewiesen. Seit Monaten stocken zudem die Verhandlungen beim wichtigsten politischen Projekt der vergangenen Jahrzehnte: dem Brexit.

May versucht dennoch zur Tagesordnung überzugehen, präsentierte Stunden später mit Gavin Williamson den Fallon-Nachfolger. Damit ist die Personaldebatte beendet, von Ruhe ist die Partei aber weit entfernt.

Denn in ihren eigenen Reihen deutet sich schon ein neuer prominenter Fall an: Mays Kabinettschef Damian Green soll einer Journalistin in einem Pub ans Knie gefasst haben. Gefolgt von einer anzüglichen Nachricht. Green bestreitet das. Die Premierministerin kündigte eine Untersuchung des Falls an - weitere sollen folgen. Schon am Mittwoch hatte sie mit Blick auf die sexuellen Vorwürfe einen strengeren Verhaltenskodex für Abgeordnete gefordert. "Ich glaube nicht, dass die Situation länger hingenommen werden kann."

Wie auch immer die Untersuchung ausgehen wird, politisch richtig gefährlich dürfte es für May und die Regierung wohl ohnehin nur werden, wenn politische Schwergewichte aus der ersten Reihe wegen sexueller Übergriffe stürzen. Doch das deutet sich derzeit noch nicht an.

Das sehen selbst Politiker der oppositionellen Labour-Partei so: "Nein, für May besteht derzeit keine Gefahr", sagt Ex-Europaminister Denis MacShane SPIEGEL ONLINE.

Er arbeitete einst im Kabinett von Premierminister Tony Blair. Das Problem sei eines aller Parteien in Großbritannien. Denn auch in den Reihen von Labour gibt es Vorwürfe von sexuellen Übergriffen. Parteichef Jeremy Corbyn kündigte bereitsunabhängige Untersuchungen an.

Die Debatte sei deshalb absolut richtig, sagt Denis MacShane: "Männer müssen sich einfach korrekt verhalten."

Mit Material von dpa und Reuters

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