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DER SPIEGEL

Wahl in Großbritannien England macht blau

Stark in Städten, stark auf dem Land, stark in vielen Labour-Hochburgen: Bei der Wahl in Großbritannien gewinnen Boris Johnsons Tories Dutzende Mandate hinzu. Nur in Schottland können sie nicht punkten.

Großbritannien hat gewählt, für die konservativen Tories von Premierminister Boris Johnson ist das Ergebnis ein Triumph: Sie verfügen im Parlament nun über eine deutliche absolute Mehrheit. Damit kann Johnson sein zentrales Versprechen einlösen: Sein Brexit-Abkommen vom Unterhaus verabschieden zu lassen und Großbritannien aus der EU zu führen. Für die Labour-Partei und ihren Vorsitzenden Jeremy Corbyn ist der Wahlausgang dagegen ein Desaster. Die Partei muss das schlechteste Resultat seit Jahrzehnten hinnehmen.

Wie kam es zu diesem Ausgang? Nach Auszählungen in 649 von 650 Wahlbezirken ergibt die Datenanalyse folgendes Bild:

Tories punkten in ganz England, Labour in London und Wales

Im Großraum London und in Wales holt Labour seine besten Ergebnisse: 49 Sitze in der Hauptstadt, 22 in Wales. Im Rest Englands aber dominieren die Tories. Dort holen sie sieben von zehn Sitzen, 323 insgesamt - verglichen mit 130 für Labour. In London gewinnen die Konservativen 21 Mandate, in Wales 14.

In Schottland holt die Schottische Nationalpartei SNP 48 von 59 Sitzen. Das befeuert die Debatte über ein von der SNP angestrebtes neues Unabhängigkeitsreferendum. "Boris Johnson mag ein Mandat haben, England aus der EU zu führen", sagte die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon. "Er hat aber ausdrücklich kein Mandat, Schottland aus der EU zu führen. Schottland muss über sein Schicksal selbst bestimmen."

Die Liberaldemokraten holen drei Sitze im Großraum London sowie je vier im Rest Englands und in Schottland.

Tories sind in Städten genauso stark wie Labour

Das Ergebnis in London ist kein Ausdruck eines Trends, der für alle Ballungsräume in England gilt. Insgesamt gehen 173 Sitze in städtischen Gebieten an die Tories, exakt gleich viele wie an Labour. Die Liberaldemokraten gewinnen in Städten sechs Mandate, die Grünen eines.

Im Rest Englands holen die Konservativen fast alle Sitze: 111 in ländlichen Regionen, 61 in Wahlkreisen, die sowohl städtisch als auch ländlich geprägt sind. Nur jeweils drei Sitze gehen dort an Labour. Die Liberaldemokraten siegen in einem Wahlkreis auf dem Land.

Konservative gewinnen auch in einstigen Labour-Hochburgen

Labour verliert in Summe gleich 53 Sitze an die Tories, sechs weitere gehen an andere Parteien verloren. Die Konservativen nehmen zudem den Liberaldemokraten ein Mandat ab. Selbst verliert die Partei von Premier Johnson acht Wahlbezirke an andere Parteien.

Der Erfolg der Konservativen zeigt sich in einigen traditionellen Labour-Hochburgen. Etwa in Sedgefield, ehemals Wahlkreis des früheren Labour-Premiers Tony Blair. Auch der 87-jährige Sozialdemokrat Dennis Skinner, seit 1970 im Parlament und als "Bestie von Bolsover" bekannt, wird dem neuen Parlament nicht mehr angehören. Sedgefield und Bolsover sind einstige Minenarbeiter-Gegenden, eigentlich sichere Labour-Wahlkreise.

Mehrheitswahlrecht nützt den Tories - und schadet den Liberaldemokraten

Die Konservativen profitierten vom Mehrheitswahlrecht. Mit knapp 44 Prozent aller abgegebenen Stimmen kommen sie auf 56 Prozent der Parlamentssitze, weil das britische Mehrheitswahlrecht nur Direktmandate kennt. Ins Parlament ziehen die Kandidaten mit den jeweils meisten Stimmen in einem der 650 Wahlkreise ein, egal wie knapp ihr Sieg war. Die Stimmen für unterlegene Kandidaten verfallen.

Bei Labour ist die Diskrepanz deutlich kleiner als bei den Konservativen: Bei einem Anteil von gut 32 Prozent aller abgegebenen Stimmen holen sie 31 Prozent aller Parlamentssitze. Geschadet hat das Wahlsystem vor allem den Liberaldemokraten: 11,5 Prozent aller abgegeben Stimmen bedeuten weniger als zwei Prozent aller Unterhausmandate. Unter anderem verlor Parteichefin, Jo Swinson, ihren Sitz im schottischen Dunbartonshire East an eine Kandidatin der SNP.

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