Großbritannien Hohn und Spott für Browns Neuwahl-Rückzieher

"Große Klappe, nichts dahinter" - die Absage an rasche Parlamentswahlen kommt den britischen Premier Gordon Brown teuer zu stehen. Opposition und Medien spotten über den Regierungschef, der vor schlechten Umfragewerten in die Knie geht.


Berlin - "Brown kneift", titelte heute die Zeitung "Mail on Sunday". "Große Klappe, nichts dahinter", kommentierte die "Times". Auch der konservative Oppositionsführer David Cameron nutzte die Steilvorlage für eine scharfe Attacke auf den Regierungschef. Brown zeige "große Schwäche und Unentschiedenheit", ätzte er im britischen Fernsehen. In den letzten Monaten habe er nicht das Land regiert, sondern einen Wahlkampf vorbereitet. Die Entscheidung, keine Wahlen auszurufen, sei nun ein "demütigender Rückzieher".

Brown im BBC-Interview: Erste schwere Schlappe seiner Amtszeit
REUTERS

Brown im BBC-Interview: Erste schwere Schlappe seiner Amtszeit

Nach monatelangen, von Labour angeheizten Spekulationen über Neuwahlen hatte der Premier gestern bekannt gegeben, es werde dieses Jahr keine Wahlen geben. Auch ein Urnengang im nächsten Jahr sei "unwahrscheinlich", sagte er in einem BBC-Interview, das heute ausgestrahlt wird. In Großbritannien hat der Regierungschef das Recht, zu jedem Zeitpunkt seiner fünfjährigen Amtszeit Wahlen auszurufen.

Nach übereinstimmenden Medienberichten hat Brown die Entscheidung gegen Wahlen am Freitag getroffen, nachdem seine Berater ihm die neuesten Umfragezahlen vorgelegt haben. Die konservativen Tories, die seit der Machtübergabe von Tony Blair an Brown im Sommer immer einen deutlichen Rückstand hatten, lagen am Freitag plötzlich gleichauf. Daraufhin sagte Brown laut "Times" in einer Sitzung in Downing Street Nr. 10 zu seinen Beratern, er müsse über den Neuwahlplan "noch mal eine Nacht schlafen".

Im BBC-Interview versichert Brown zwar, die Entscheidung habe mit Umfragewerten nichts zu tun. Vielmehr wolle er erst sein Programm für die Zukunft des Landes umsetzen, bevor er das britische Volk zur Abstimmung bitte.

Neue Umfragen: Tories vor Labour

Die Erklärung nimmt ihm in den britischen Blättern jedoch niemand ab. Hier wurden stattdessen die neuesten Umfragen vom Wochenende zitiert, die die Tories zum ersten Mal in Führung sahen. In einer Umfrage für die "Times" erreichten die Konservativen 41 Prozent, Labour nur 38 Prozent. In einer Umfrage für die "News of the World" lag die Regierungspartei sogar sechs Punkte hinter den Konservativen. Bei Wahlen würde dies bedeuten, dass 49 Labour-Abgeordnete ihre Mandate verlören und keine Partei im Unterhaus eine absolute Mehrheit erzielen würde.

"Spektakulär verloren" habe Brown, kommentierte die "News of the World". "Und wir alle wissen, was passiert, wenn die Abgeordneten mit dem Rücken zur Wand stehen - sie wenden sich gegen ihren Vorsitzenden."

Noch in der vergangenen Woche hatte die Labour-Partei in Umfragen einen zweistelligen Vorsprung vor den Konservativen. Für den Stimmungsumschwung sorgte der Parteitag der Konservativen in Blackpool, auf dem Cameron Browns Besuch im Irak als Wahlkampfmanöver kritisierte und Steuersenkungen versprach. Vor allem der Vorschlag, Häuser bis zum Wert von einer Million Pfund von der Erbschaftsteuer zu befreien, erwies sich als Volltreffer bei den britischen Wählern.

Auch in den Reihen von Labour wurde Unmut über Browns Agieren laut: Die Spekulationen der vergangenen Wochen über einen frühzeitigen Urnengang seien das Resultat von "inkompetentem Vorgehen", sagte der linke Abgeordnete John McDonnell. Die ganze Episode sei "ein komplettes Fiasko".

cvo/AFP



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