Britische TV-Debatte "Wo ist May?"

Das war wohl ein Fehler: Großbritanniens Premierministerin May weigerte sich, an einer TV-Debatte der Spitzenkandidaten teilzunehmen. Nun muss sie damit leben, dass ihre Gegner die Bühne nutzten.
TV-Runde ohne Theresa May

TV-Runde ohne Theresa May

Foto: WPA Pool/ Getty Images

Kurz vor der Parlamentswahl wird es doch noch spannend in Großbritannien. Die Labour-Partei, vor wenigen Wochen noch weit abgeschlagen, hat zuletzt kräftig aufgeholt - und den Druck auf die regierenden Tories erhöht.

Premierministerin Theresa May wiederum führt wahrlich keinen glücklichen Wahlkampf. Der Brexit, mit dem sie trumpfen wollte, rückt als Thema immer weiter ins Abseits. Stattdessen musste die Konservative kürzlich eine peinliche Korrektur am eigenen innenpolitischen Programm vornehmen, nachdem es heftige Kritik an Plänen gegeben hatte, Alte bei der Finanzierung ihrer Betreuung stärker einzubinden.

Einen möglichen Befreiungsschlag vor Millionen Fernsehzuschauern hatte May jedoch von vornherein ausgeschlossen. An einer TV-Runde der britischen BBC nahm sie im Gegensatz zu den meisten anderen Spitzenkandidaten nicht teil. Stattdessen schickte sie Innenministerin Amber Rudd vor.

Die Folge des Boykotts: Mays Gegner konnten sich nahezu ungestört auf die Premierministerin einschießen. Ihr Fehlen sei "ein weiteres Zeichen für Theresa Mays Schwäche", sagte Jeremy Corbyn. Der Labour-Mann witzelte über seine Kontrahentin: "Wo ist Theresa May, was ist mit ihr passiert?"

Corbyn ändert seine Pläne

Corbyn hatte zunächst erklärt, selbst verzichten zu wollen, wenn die Premierministerin nicht an der Debatte teilnehme. Nur Stunden vor der Live-Sendung änderte er jedoch seine Meinung - und warf May vor, sie behandele die Wähler mit Geringschätzung.

An der Runde nahmen neben Corbyn und Tim Farron, dem Chef der Liberaldemokraten, die Vorsitzenden der Grünen, der rechtspopulistischen Ukip, der Waliser Partei Plaid Cymru und der Vize-Chef der schottischen SNP teil.

Farron sagte an die Wähler gewandt: "Sie sind Theresa May nicht ihre Zeit wert. Geben Sie ihr nicht Ihre Zeit." Themen der Fernsehdiskussion waren der Brexit, die Wirtschaft, der öffentliche Dienst, der Klimawandel, die Einwanderung und die Sicherheit. Mays Regierung wurde vor allem für ihre Sparpolitik kritisiert.

Tories kritisieren "Wunschliste"

Labour-Chef Jeremy Corbyn versprach eine Politik, die "der Masse, nicht den Wenigen" dienen solle. Dazu gehörten auch höhere Steuern für die Reichen, um die restlichen 95 Prozent der Bevölkerung zu unterstützen und Geld für das Gesundheitswesen, Bildung und Erziehung aufzubringen. Einig waren sich die Oppositionsparteien auch, dass mehr Geld für die innere Sicherheit und die Polizei nötig sei - nicht zuletzt im Licht des Terroranschlags von Manchester.

Innenministerin Amber Rudd, die statt der Regierungschefin erschienen war, geriet zunehmend in die Defensive. Sie kritisierte Corbyns Sozialpläne als "Wunschliste für den Geldbaum" und betonte, May sei die Einzige, die in den bevorstehenden EU-Austrittsverhandlungen mit Brüssel das beste Ergebnis für Großbritannien erzielen könne.

Die Umfrageergebnisse mehrerer Institute auf der Insel gehen weit auseinander. In den meisten Erhebungen liegen die Tories mit 43 bis 45 Prozent der Stimmen zwischen 3 und 12 Punkten vor Labour. Einer neuartigen Modellrechnung des Meinungsforschungsinstituts YouGov zufolge könnten die Tories jedoch ihre Mehrheit im Unterhaus einbüßen.

kev/AFP/dpa
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