Streit mit Bahnbetreiber Virgin Musste Jeremy Corbyn wirklich auf dem Boden sitzen?

Der britische Labour-Chef Jeremy Corbyn sitzt auf dem Boden, weil der Zug zu voll ist, und fordert die Verstaatlichung der Bahn. Alles inszeniert, sagt Betreiber Virgin - und kontert mit Überwachungsvideos.

Überwachungskamera zeigt Jeremy Corbyn im Zug
AFP

Überwachungskamera zeigt Jeremy Corbyn im Zug


Der Chef der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, ist stolz auf seine Prinzipientreue. Deshalb bezahlte er neulich im Zug auch nicht den Aufpreis für die erste Klasse, als er in der zweiten Klasse keinen Sitzplatz fand. Nein, er setzte sich stattdessen im Gang auf den Boden und ließ sich dort filmen. In dem Video, das der "Guardian" vergangene Woche zeigte, klagt der Sozialist über die schlimmen Reisebedingungen, denen die Briten ausgesetzt sind, und fordert die Verstaatlichung der Bahn.

"Das ist ein Problem, das viele Passagiere jeden Tag haben, Reisende und Pendler. Dieser Zug ist absolut überfüllt," sagt Corbyn in die Kamera. "Die Realität ist, es gibt nicht genug Züge, wir brauchen mehr davon."

Der PR-Coup schien gelungen, die Botschaft war in der Welt: Die Privatisierung aus den Thatcher-Jahren ist gescheitert und muss zurückgenommen werden.

Nun meldet sich allerdings der Bahnbetreiber Virgin: Die Szene sei nicht ganz so abgelaufen, wie Corbyn sie dargestellt habe. Virgin-Chef Richard Branson postete ein Foto auf Twitter, das von einer Überwachungskamera im Zug aufgenommen wurde. "Herr Corbyn und sein Team sind an leeren, nicht reservierten Plätzen vorbeigegangen und behaupten nun, der Zug wäre überfüllt gewesen", schrieb Branson.

Virgin teilte laut BBC weiter mit, Corbyn sei nach dem Filmen zu einem freien Sitzplatz gegangen und habe den Großteil der dreistündigen Reise von London nach Newcastle dort gesessen. Zum Beweis veröffentlichte Virgin ein Foto von Corbyn auf einem Sitzplatz.

Wer sagt die Wahrheit? Das Team des Labour-Chefs meldete sich nochmals und verteidigte das Video. Demnach hätten Corbyn und seine Begleiter zunächst keinen freien Platz gefunden. Alle Sitze seien besetzt oder reserviert gewesen. Auf einigen Plätzen hätten Taschen gestanden. Im Laufe der Fahrt sei jedoch etwas frei geworden, da das Zugpersonal eine Familie in die erste Klasse geschickt habe. Corbyn habe seinen Platz auf dem Boden gegen einen Sitz getauscht.

Für die Aussage von Corbyns Team spricht, dass nicht nur er an den vermeintlich freien Plätzen vorbeigegangen ist. Mit ihm haben sich etwa zwanzig weitere Reisende auf den Boden gesetzt oder mit einem Stehplatz vorlieb genommen.

asc

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