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Schlechtes Wahlergebnis Labour-Chef Corbyn will nicht mehr als Spitzenkandidat antreten

Nach dem schlechtesten Ergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg für Labour zieht Chef Jeremy Corbyn erste Konsequenzen: Er wolle die Partei "nicht mehr in einen Wahlkampf führen". Kritikern reicht das nicht.

Labour-Chef Jeremy Corbyn hat als Konsequenz aus dem schlechten Abschneiden bei der Parlamentswahl in Großbritannien angekündigt, seine Partei nicht mehr in einen Wahlkampf zu führen. Für einen jetzt anstehenden "Reflektionsprozess" wolle er jedoch zunächst Parteichef bleiben, sagte er am frühen Freitagmorgen in London.

Nach einer Berechnung der britischen BBC auf der Grundlage von Nachwahlbefragungen und bereits ausgezählten Wahlkreisendergebnissen kommt Labour auf 201 Sitze im neuen Unterhaus - rund 60 weniger als noch 2017. Jahrzehntelang von Labour gehaltene Wahlkreise, etwa im walisischen Wrexham oder im nordenglischen Blyth Valley, gingen den Sozialdemokraten verloren und wanderten zu den Tories.

Der 70 Jahre alte Corbyn hatte bis zuletzt keine klare Haltung zum Brexit eingenommen. Er hatte den Wählern angeboten, das von Premierminister Boris Johnson mit der EU geschnürte Brexit-Paket noch einmal neu zu verhandeln. Das Ergebnis sollte dann in einem neuen Referendum dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden.

In seinem eigenen Londoner Wahlkreis Islington Nord gewann Corbyn allerdings souverän und zum zehnten Mal in Folge. "Dies ist offensichtlich ein sehr enttäuschender Abend für die Labour-Partei", sagte er in der Nacht zu Freitag.

"Extrem enttäuschend"

Schon kurz nach Bekanntwerden der ersten Prognose forderten die ersten Labour-Mitglieder den Rücktritt von Corbyn. "Labours Führungsspitze sollte die Verantwortung übernehmen", twitterte Labour-Kandidat Phil Wilson. Gareth Snell, der für die Sozialdemokraten im mittelenglischen Stoke-on-Trent antrat, sagte der BBC , Corbyn und Labour-Finanzexperte John McDonnell müssten gehen. Die Stadt Stoke-on-Trent galt einst als Hochburg der britischen Sozialdemokraten. Nun rechnet Snell eigenen Angaben zufolge damit, gegen die Tories verloren zu haben.

McDonnell schloss personelle Konsequenzen nicht aus. "Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir angemessene Entscheidungen treffen", sagte er auf die Frage im BBC-Interview, ob Corbyn und er selbst gehen müssten. Die Entscheidungen müssten wie immer im besten Sinne der Partei getroffen werden. Zur Prognose erklärte McDonnell: "Wenn das Ergebnis auch nur annähernd so ist, wie die Prognose aussagt, ist das extrem enttäuschend."

Corbyn hatte nach der Wahlniederlage Ed Milibands und einem anschließenden Flügelstreit im Jahr 2015 den Labour-Vorsitz übernommen und die Partei anschließend stark nach links ausgerichtet. Er war von Anfang an umstritten. Unter anderem wurde ihm vorgeworfen, antisemitische Tendenzen in der Labour-Partei nicht entschieden genug bekämpft zu haben.

aar/dpa/AFP