Künftige Labour-Spitze Kampf um Corbyns umstrittenes Erbe

Trotz Wahlschlappe scheut Labour-Chef Jeremy Corbyn einen schnellen Abgang. Dabei ist der Rücktritt des britischen Oppositionsführers längst ausgemacht, mögliche Nachfolger bringen sich in Stellung.
Mögliche Labour-Kandidaten: Jess Philipps, Lisa Nandy, Rebecca Long-Bailey, Emily Thornberry, Yvette Cooper, Keir Starmer (v.l.)

Mögliche Labour-Kandidaten: Jess Philipps, Lisa Nandy, Rebecca Long-Bailey, Emily Thornberry, Yvette Cooper, Keir Starmer (v.l.)

Foto: REUTERS/ AFP/ Getty Images

Jeremy Corbyn erlebt eine harte Woche. Am Dienstag musste er sich in Westminster vor der stark dezimierten Labour-Fraktion erklären. Zudem trifft er im Parlament auf den großen Wahltriumphator Boris Johnson. Und am Donnerstag begleitet er den vermutlich zumindest innerlich feixenden Premier ins Oberhaus, wo die Queen mit einer Rede die neue Sitzungsperiode eröffnet. Das grenzt schon an Demütigung - nach dieser Wahlschlappe, der schwersten für Labour seit 1935.

Allerdings ist Parteichef Corbyn daran nicht ganz unschuldig. Denn nachdem seine Unterhausfraktion von 262 auf 201 Abgeordnete geschrumpft ist, hätte er auch einfach sofort hinschmeißen können - so wie es viele in der Partei mittlerweile fordern. Der Altlinke verkündete zwar, er werde die Partei in keine neue Wahl mehr führen. Zunächst bleibe er aber an der Labour-Spitze, um der Partei eine "Phase des Nachdenkens" zu ermöglichen.

Dabei ist der Unmut in den eigenen Reihen über den polarisierenden Oppositionsführer groß. Vor allem die Mitglieder des moderaten Flügels sehen die Chance, die Macht der Linksaußengruppe um Corbyn einzudämmen. Entsprechend scharf fällt die Kritik aus.

Linke Massenbewegung

Der Abgeordnete Peter Kyle sprach von einer autoritären Kultur in der Partei, von Mobbing, von organisierter Inkompetenz. Seine Fraktionskollegin Jess Phillips schrieb am Wochenende im britischen "Observer", es gebe bei Labour eine "Clique, die sich nicht darum kümmert, ob unsere Anziehungskraft abgenommen hat, solange sie die Kontrolle über Institutionen und Ideen hat".

Eine linke Massenbewegung hatte 2015 Corbyn ins Amt gespült, die Partei war daraufhin deutlich vom wirtschaftsfreundlichen Mittekurs aus der Zeit Tony Blairs abgerückt. Vor allem im Parlament betrachten viele Labour-Abgeordnete die Radikalisierung der vergangenen Jahre mit großer Skepsis. Sie geben Corbyn die Schuld, dass Labour nicht mehr in breiten Bevölkerungsschichten punkten kann.

Phillips zählt selbst zu den möglichen Kandidatinnen für Corbyns Nachfolge. Denn auch wenn dieser noch ein paar Wochen im Amt bleibt, der Kampf um die Parteiführung ist längst entbrannt. Eine Bewerbungsfrist für Kandidaten steht noch nicht fest. Aber bereits im Januar könnte der zwölfwöchige Wettbewerb beginnen, an dessen Ende die Parteibasis entscheidet.

Neue Parteispitze? Corbyn und seine Leute haben eine Favoritin

Es geht dabei jedoch nicht nur um eine Personalangelegenheit - sondern um den künftigen Kurs der größten Oppositionskraft im Königreich. Denn während Phillips, die ebenfalls gehandelte Lisa Nandy, Schattenaußenministerin Emily Thornberry, der Abgeordnete Clive Lewis, der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan oder Brexit-Fachmann Keir Starmer eher für eine - mal mehr, mal weniger - moderate Linie stehen, haben auch Corbyn und seine Leute eine klare Favoritin: Rebecca Long-Bailey.

Die 40-Jährige war zuletzt Schattenwirtschaftsministerin. Sie bezeichnet sich selbst als "stolze Sozialistin" und wird besonders von Ex-Schattenkanzler John McDonnell gefördert, einem Corbyn-Vertrauten. McDonnell brachte Long-Bailey bereits explizit als Parteichefin ins Spiel. Medienberichten zufolge will Long-Bailey mit ihrer engen Freundin Angela Rayner antreten, die offenbar als Parteivize antritt. Die beiden Frauen teilen sich in Westminster eine Wohnung.

So oder so, auf jeden Fall stehen die Chancen gut, dass Labour künftig zum ersten Mal in der Parteigeschichte von einer Frau geführt wird. Allzu viel Zeit kann sich die Partei nicht mit der Suche nach der Corbyn-Nachfolge lassen. Schließlich stehen im Mai bereits Kommunalwahlen an.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.