Mord an Abgeordneter Jo Cox Trauer und Entsetzen in Großbritannien

Auf offener Straße wurde die britische Abgeordnete Jo Cox ermordet. Das Motiv des Täters ist noch unklar - doch das Attentat wirft die Frage auf, ob sich britische Politiker künftig frei in ihren Wahlkreisen bewegen können.

Gedenken an Jo Cox
Getty Images

Gedenken an Jo Cox

Aus London berichtet


Warum tötete ein 52-jähriger Mann die Labour-Abgeordneten Jo Cox? In britischen Medien meldeten sich am Donnerstag mehrere Augenzeugen zu Wort, die den tödlichen Angriff beobachtet haben wollen.

Graeme Howard, ein 38-Jähriger, der in der Nähe des Tatorts im nordenglischen Birstall lebt, sagte dem "Guardian", der Angreifer habe "Britain First" gerufen, als er Cox angriff und als er verhaftet wurde - also den Namen einer rechtsextremen, islamfeindlichen Partei, die sich 2011 gegründet hat und sich als "Bewahrer der christlichen, britischen Werte" ausgibt.

Mehrere Personen beschreiben übereinstimmend, der mutmaßliche Täter habe auf Cox eingestochen und dreimal auf sie geschossen. Ein Schuss habe die Politikerin im Gesicht getroffen. Die 41-Jährige wurde mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus nach Leeds gebracht, wo sie am Nachmittag ihren Verletzungen erlag.

Video: Tödlicher Angriff auf Abgeordnete Jo Cox

Die Polizei teilte mit, die Angaben der Augenzeugen würden untersucht. Das Motiv des mutmaßlichen Attentäters sei unklar. Sollte sich bestätigen, dass er "Britain first" gerufen hat, könnte das auf einen politischen Hintergrund der Tat hinweisen.

Der tödliche Angriff auf Cox stoppte am Donnerstag jäh den Wahlkampf vor dem EU-Referendum. In einer Woche entscheiden die Briten darüber, ob sie in der EU bleiben wollen oder nicht.

Sowohl die Kampagne der Brexit-Befürworter ("Vote Leave") wie auch die Gegenseite ("Stronger In") teilte mit, alle politischen Aktivitäten an diesem Tag einzustellen. Premierminister David Cameron sagte einen Wahlkampfauftritt in Gibraltar ab und äußerte sich auf Twitter schockiert.

Cox hatte sich in den vergangenen Monaten wie die Mehrheit ihrer Parteifreunde für den Verbleib in der EU eingesetzt. Die Mutter von zwei Kindern gehörte erst seit einem Jahr dem britischen Parlament an, galt aber bereits als Hoffnungsträgerin der Labour Party und wurde als mögliche Ministerin gehandelt, sollten die Sozialdemokraten wieder die Regierung übernehmen.

Vor ihrer politischen Karriere arbeitete Cox für die Hilfsorganisation Oxfam und als Beraterin der Ehefrau von Ex-Premierminister Gordon Brown. Großbritanniens Oxfam-Chef Mark Goldring sagte, die Organisation sei schwer erschüttert: "Unsere Gedanken und unser Mitgefühl sind in dieser furchtbaren Zeit bei Jos Familie."

Ex-Europaminister Denis MacShane, ein langjähriger Labour-Politiker und Tony-Blair-Vertrauter, sagte SPIEGEL ONLINE, "der Hass, der sich gegen unsere Abgeordneten richtet", mache ihn krank. Die Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen proeuropäische Politiker hätten massiv zugenommen.

MacShane wies darauf hin, dass britische Abgeordnete keinerlei Polizeischutz bekommen - selbst wenn sie bedroht würden. "Das ist unsere Tradition", sagte er. "Wir sind es gewöhnt, uns frei und ohne Leibwächter zu bewegen, sei es im Pub, beim Sport oder beim Bummeln durch die Stadt."

In den vergangenen Jahren hatte es in Großbritannien zwei brutale Angriffe auf Abgeordnete gegeben:

  • Im Januar 2000 wurde der liberaldemokratische Abgeordnete Nigel Jones von einem Attentäter mit einem Samuraischwert angegriffen. Dabei starb Jones' Assistent Andrew Pennington, der Abgeordnete wurde schwer verletzt.
  • Im Mai 2010 überlebte der Labour-Abgeordnete Stephen Timms einen Mordanschlag durch eine islamistische Terroristin. Er erlitt zwei Stichverletzungen im Bauch und entging der Polizei zufolge nur knapp dem Tod.

Auch MacShane hat beängstigende Erlebnisse hinter sich, erzählte er SPIEGEL ONLINE: "Einmal stürmte ein Mann auf mich zu und brüllte: 'Ich bringe dich um!'" Die Polizei sei zum Glück schnell zur Stelle gewesen und habe den Mann abgeführt.

Laut MacShane hat der Hass auf Politiker beängstigende Ausmaße angenommen. "Ich hoffe inständig, dass sich herausstellt, dass es sich bei dem Täter um einen verwirrten Mann ohne politischen Hintergrund handelt."



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.