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21. Januar 2019, 13:56 Uhr

Order! Order!

Erst Brexit, dann Breturn

Eine Kolumne von

Allerletzter Ordnungsruf zur Rettung Europas: Nach dem Brexit muss der Breturn kommen. Und dann ein neuer EU-Kommissionspräsident, der endlich Disziplin in den Laden bringt.

Es gibt einen Mann, der das Zeug hat, Europa zu retten. Ein Weckruf wie Donnerhall wird aus seinem Mund über den Kontinent erschallen, auf dass alle Demokratiefeinde erzittern und sich schnellstens verkriechen. Der große, der schreckliche, der gerechte John Bercow ruft sie alle zur Ordnung.

Der Speaker des britischen Parlaments strahlt in diesen deprimierenden Wochen des Brexit-Chaos eine vertraueneinflößende Verlässlichkeit aus, die in den Parlamenten der Welt selten geworden ist: Traditionelles Gebaren ohne erkennbaren Sinn, formvollendet korrekte Umgangsformen und selbstvergessener Mut zu hässlichen Krawatten jeder Farbe und Musterung sind zurzeit die beste Werbung für die Demokratie.

Und damit Schluss!

Bercows Einsätze in den Brexit-Debatten haben ihn weit über die Insel hinaus bekannt gemacht, offenbar zum Erstaunen seiner Landsleute. Verwundert registriert etwa der "Guardian" die Lobpreisungen europäischer Medien, die Porträts in dänischen und belgischen Zeitungen und den Ehrentitel "Europäer der Woche" vom französischen Radio.

Bei den eigenen Leuten ist Bercow weit weniger beliebt: Eigentlich ist er Parteigänger der Tories, doch sein Eigensinn und sein bisweilen rüder Umgang auch mit Parlamentariern aus den eigenen Reihen hat ihm bei den Konservativen wenige Freunde gemacht. Es ist noch nicht einmal sicher, ob sie seine Amtszeit verlängern wollen.

Im Video: Unterhaus-Sprecher John Bercow - der einzige Gewinner

Beispielhaft ist die Aufregung, die es jüngst um einen Aufkleber in der Windschutzscheibe eines Autos gab, in dem Bercow gesehen wurde. Es war ein "Remain"-Sticker, also Werbung für den Verbleib der Briten in der EU, und so etwas gehört sich für den zur Neutralität verpflichteten Speaker nun überhaupt nicht. Bercow konterte den Anwurf formvollendet: Das sei nicht sein, sondern der Wagen seiner Frau. Es wolle wohl niemand unterstellen, dass die Frau Eigentum des Mannes sei. Sie habe das Recht auf ihre eigenen Ansichten. Und damit Schluss.

Kein zweites, ein neues Referendum

Sollten die Tories Bercow tatsächlich nicht im Amt bestätigen wollen, wäre er frei für höhere Aufgaben. Ein Glücksfall: Strenger Auftritt, hoher Schauwert, ansteckende Leidenschaft. Niemand wäre besser für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten geeignet als John Bercow. Die Konservativen müssten zwar ihren Spitzenkandidaten austauschen, aber Manfred Weber ist als Sänger bei den "Peanuts" vielleicht sowieso besser aufgehoben.

Der Traumbesetzung steht nur noch ein kleines Problem im Wege: Selbstverständlich müsste Großbritannien in der EU bleiben, damit Bercows Durchbruch an die Spitze möglich ist. Von der britischen Regierung ist in dieser Hinsicht wenig zu erwarten, Theresa May bekommt ja nicht einmal einen geregelten Ausstieg aus der EU hin - wie soll sie da die Kraft finden, die Briten zur Vernunft zu bekehren? Die Opposition unter Labour-Chef Jeremy Corbyn traut sich ebenfalls nicht, für den Verbleib in der EU einzutreten. Sie fürchtet den Zorn der Brexit-Anhänger in den eigenen Reihen. Und das Hauptargument der Gegner eines zweiten Referendums ist nicht von der Hand zu weisen: Man kann nicht einfach so oft abstimmen lassen, bis einem das Ergebnis passt.

Es gibt allerdings eine Lösung, die alle befriedigen könnte: Ein zweites Referendum. Aber nicht über den Austritt, der soll formal stattfinden. Abgestimmt werden sollte stattdessen über den sofortigen Wiedereintritt Großbritanniens in die Europäische Union. Diese Vorgehensweise würde das Ergebnis des ersten Referendums anerkennen und damit das Argument der unzulässigen Abstimmungswiederholung schlagen. Das Vereinigte Königreich könnte - ganz wie von Boris Johnson und Nigel Farage versprochen - die EU am 29. März 2019 verlassen. Allerdings würde es, falls der sogenannte Breturn angenommen wird, im selben Moment wieder beitreten. Und alles wäre wieder beim Alten - so, als wäre nie etwas geschehen. Großes Aufatmen in ganz Europa.

Das mag Ihnen jetzt alles ziemlich skurril, geradezu grotesk und jedenfalls ziemlich sinnlos vorkommen. Mag schon sein. Aber schauen Sie sich einmal um. Sehen Sie sich eine britische Brexit-Debatte an, hören Sie Theresa May bei Gelegenheit aufmerksam zu. Sinnloser kann es kaum werden.

Hätten wir uns das ganze Theater dann nicht gleich sparen können? Doch, hätten wir. Aber dann hätten die meisten von uns niemals John Bercow kennengelernt - den Mann, der Europa retten wird.

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