Großbritannien Polizei verhindert Geiselmord vor laufender Kamera

Bei einer Anti-Terror-Razzia in Birmingham hat die Polizei neun Verdächtige festgenommen. Die Attentäter wollten offenbar einen muslimischen Soldaten entführen, anschließend enthaupten und die grausame Tat im Internet zeigen. Der Polizeieinsatz wird fortgeführt.

Birmingham/London - Der aufgedeckte Terrorplan sei der erste dieser Art in Großbritannien, hieß es aus Sicherheitskreisen. Die Verschwörer hätten es dieses Mal nicht auf eine große Zahl von Opfern abgesehen gehabt, verlautete bei der Polizei: "Es war kein Plan von der Art eines U-Bahn-Massenanschlags oder so." Vielmehr habe es sich um eine neue Taktik der Extremisten gehandelt.

Der Einsatz sei auch jetzt noch "in keinster Weise beendet", sagte David Shaw von der West Midlands Polizei in Birmingham. Innenminister John Reid betonte die "reale und ernste Natur" der terroristischen Bedrohung in Großbritannien.

Auf einer Pressekonferenz schwieg sich die Polizei am Nachmittag über die Hintergründe aus. Kommissar Shaw begründete dies mit den laufenden Ermittlungen, die noch "Tage, wenn nicht Wochen" in Anspruch nehmen würden. Die Razzien seien in monatelanger Detailarbeit vorbereitet worden.

Beamte durchsuchten am Morgen rund ein Dutzend Wohnungen in einem von vielen pakistanischen Immigranten bewohnten Viertel der mittelenglischen Stadt. Dabei wurden acht Verdächtige festgenommen, eine neunte Festnahme meldete die Polizei am Nachmittag.

Der Stadtratsabgeordnete Ansar Ali Kahn sagte, die Festgenommenen seien Briten pakistanischer Herkunft. Die Gemeinschaft der pakistanischen Briten sei schockiert und besorgt.

Mögliches Opfer in Polizeischutz

Das mögliche Opfer des Verschwörungsplans befinde sich in Polizeischutz, berichtete der Fernsehsender Sky. Nach der Entführung hätten die Extremisten die Ermordung ihrer Geisel "im irakischen Stil" geplant, hieß es. Islamistische Extremisten brandmarkten den 24-Jährigen im Internet als Verräter. In den britischen Streitkräften sind nach Angaben des Verteidigungsministeriums 330 Muslime.

Die britischen Ermittler hätten wegen des Terrorplans vor vier Tagen Kontakt mit dem pakistanischen Geheimdienst aufgenommen. Das britische Außenministerium bestätigte dies nicht. Eine Sprecherin des pakistanischen Außenministeriums in Islamabad erklärte lediglich, die britischen Behörden hätten erklärt, dass es "keine pakistanische Verbindung" gebe.

In Birmingham nahmen die britischen Sicherheitskräfte in den vergangenen zwei Jahren bereits wiederholt Terrorverdächtige fest, darunter auch mutmaßliche Verschwörer eines geplanten Terrorangriffs auf Transatlantikflugzeuge.

Nach Ansicht von Geheimdiensten sind weitere Anschläge in Großbritannien ziemlich wahrscheinlich. Es gilt die zweithöchste Sicherheitsstufe. Im vergangenen Jahr hatte der Inlands-Geheimdienst MI5 davor gewarnt, dass Extremisten etwa 30 Anschläge planten. Etwa 1600 Verdächtige würden beobachtet.

Angesichts des verhinderten Plots in Großbritannien von einer Strategieänderung al-Qaidas zu sprechen, ist verfehlt. Es gibt vielmehr keine einheitliche Terrorstrategie mehr. Unterschiedliche Attentätertypen bestehen nebeneinander.Nur zu gut erinnern sich die Briten an schreckliche Bilder aus dem Herbst 2004. Drei Wochen lang hatten Entführer im Irak mit der Ermordung des 62-jährigen Ken Bigley aus Liverpool gedroht, wenn nicht die Besatzungsmacht USA alle Frauen aus den Gefängnissen im Irak entlassen würde. Die Forderung wurde nicht erfüllt, die Terroristen brachten Bigley um - und sie filmten den Mord. Wenig später erschossen Terroristen die irischstämmige Britin Margaret Hassan, 59, - ebenfalls vor laufender Kamera.

Jetzt waren angeblich ähnlich abscheuliche Morde geplant - jedoch nicht weit entfernt im chaotischen Irak, sondern mitten in England. Und die mutmaßlichen Täter sind mutmaßlich - wie schon bei den U-Bahnanschlägen in London - wieder junge Leute, die unauffällig in ganz normalen Nachbarschaften leben.

jaf/AFP/AP/dpa/reuters

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