Fakten, Grafiken, Übersichten So wird in Großbritannien gewählt

Wie das relative Mehrheitswahlrecht funktioniert - und warum es umstritten ist: alle wichtigen Fakten zur Parlamentswahl.

Jeremy Corbyn (Labour) und Premierministerin Theresa May (Tories)
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Jeremy Corbyn (Labour) und Premierministerin Theresa May (Tories)

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Vor den Brexit-Verhandlungen zwischen EU und Großbritannien will sich die derzeitige Premierministerin Theresa May von den Wählern noch schnell ein "starkes" Mandat holen. Deswegen und um die vermeintliche Schwäche der konkurrierenden Labour-Partei auszunutzen, rief sie im April vorzeitige Neuwahlen aus. Zunächst sah es auch nach einem Selbstläufer für die Konservativen aus. Doch zuletzt schrumpfte der deutliche Vorsprung der Tories vor Labour in den Umfragen.

So funktioniert die Wahl:

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Die Krone ist formal Teil der Legislative, hat jedoch vorwiegend zeremonielle Aufgaben. Queen Elizabeth II. ernennt den Premierminister und die Lords (auf Vorschlag der Parteien). Außerdem eröffnet sie das Parlament und löst es auf Betreiben des Premiers auf.

Wahlen finden in Großbritannien traditionell an Donnerstagen statt. Wählen dürfen in der Regel alle mindestens 18 Jahre alten Briten und Iren, die im Vereinigten Königreich leben. Wer zur Wahl gehen will, muss sich zuvor registrieren lassen. 2015 waren rund 46 Millionen Bürgerinnen und Bürger wahlberechtigt.

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Alle fünf Jahre sollen die Briten ein neues Unterhaus nach dem relativen Mehrheitswahlrecht wählen. Für 2017 hat Theresa May eine vorzeitige Neuwahl ausgerufen. Dem hat das Parlament zugestimmt. Eigentlich wäre die Wahl erst 2020 fällig gewesen.

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Das Wahlrecht in Großbritannien ist umstritten: Denn eine Partei kann auch bei relativ geringem Stimmenvorsprung eine sehr viel größere Zahl an Sitzen erreichen. Umgekehrt führt ein landesweit hoher Stimmenanteil nicht zwingend zu vielen Mandaten. Es zählt nur der gewonnene Wahlkreis. Die Stimmen für die unterlegenen Kandidaten verfallen.

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Wann ist mit Ergebnissen der Wahl zu rechnen?

Die Wahllokale schließen erst um 23 Uhr deutscher Zeit. Kurz danach gibt es erste Hochrechnungen. Einigermaßen verlässliche Ergebnisse folgen tief in der Nacht von Donnerstag auf Freitag.

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Wahl in Großbritannien: May, Corbyn, Farron - die wichtigsten Personen
Die wichtigsten Parteien
Conservative Party (Con)
Theresa May konnte die parteiinternen Verwerfungen unmittelbar nach dem Brexit-Entscheid vom Juni 2016 für sich nutzen und den Parteivorsitz übernehmen. Die Konservativen, auch Tories genannt, bekennen sich zum privaten Unternehmertum und zur kapitalistischen Wirtschaftsform. Unter Margaret Thatcher (Premier von 1979 bis 1990) wurden die von Labour nach 1945 verstaatlichten Unternehmen reprivatisiert, private Bereiche im Bildungswesen gefördert, die Gewerkschaften geschwächt und die Einwanderung nach Großbritannien gebremst. Die Conservative Party konnte seit 2005 vom Niedergang der Labour Party profitieren und übernahm nach der Wahl 2010 von ihr die Macht. Mays Amtsvorgänger David Cameron musste allerdings eine Koalition mit den Liberaldemokraten eingehen. Seit der Wahl 2015 regieren die Tories wieder allein.
Labour Party (Lab)
1900 gegründet, war die Labour Partei ("Arbeiterpartei") traditionell gewerkschaftsnah ausgerichtet. Spätestens seit den Achtzigerjahren setzte eine Bewegung hin zur Mitte ein. Tony Blair, der Labour von 1994 bis 2007 führte, modernisierte die Partei und machte sie mit seiner pragmatischeren Politik unter dem Schlagwort "New Labour" auch für die Mittelschicht attraktiv. Von 1997 bis 2010 stellte die Partei die Regierung. Seit 2015 ist der als sehr weit links geltende Jeremy Corbyn Parteichef. Er verfügt über größere Unterstützung an der Basis, doch fremdeln mit ihm etablierte Labour-Abgeordnete. Für Unmut sorgte auch seine eher unklare Haltung zu EU und Brexit. Labour will unter anderem die Energieversorgung wieder in öffentliche Hand legen und höhere Einkommen stärker besteuern.
Liberal Democrats (Lib)
Die Liberaldemokraten werden seit ihrem schlechten Wahlergebnis 2015 von Tim Farron geführt. Zuvor hatte die Partei mit Nick Clegg sogar den Vizepremier in einer Koalition mit den Konservativen gestellt. Sie war die einzige der großen britischen Parteien, die sich klar für einen Verbleib in der EU aussprach. Die Liberal Democrats fordern nun ein Referendum über den späteren Brexit-Deal. Gestiegene Kosten im Gesundheitssystem sollen durch ein Prozent der Einkommensteuer aufgefangen werden. Außerdem sieht ihr Programm zusätzliche Investitionen von umgerechnet rund acht Milliarden Euro in Bildung vor.
Scottish National Party (SNP)
Die SNP regiert seit 2007 in Schottland. Die Partei der schottischen Nationalisten verlor das Referendum über die Unabhängigkeit der Schotten im September 2014 knapp 45 zu 55 Prozent. Dennoch konnte die Partei bei den Unterhauswahlen 2015 einen großen Erfolg erzielen. In Schottland gewann sie 56 der 59 Sitze. Geführt wird die Partei von der Ersten Ministerin der Schotten, Nicola Sturgeon. Sie forderte von Premier Theresa May nach dem Brexit-Entscheid ein zweites Unabhängigkeitsreferendum für die eher einen EU-Verbleib favorisierenden Schotten. Die SNP ist sozialdemokratisch und gegen eine strenge Austeritätspolitik.
UK Independence Party (Ukip)
Eigentlich hat Ukip mit dem Brexit-Votum vom vergangenen Jahr ihren Daseinszweck fast erfüllt. Kernziel der rechtspopulistischen Ukip war der Austritt Großbritanniens aus der EU - der wurde nach dem Referendum von Premier Theresa May in die Wege geleitet. Parteichef und Gesicht der Partei war bis zum Referendum Nigel Farage. Seit November 2016 ist nun Paul Nuttall ihr Anführer. Unter Farage hatte sich Ukip von einer Ansammlung von Außenseitern, Abgehängten, und Exzentrikern zu einer echten Partei entwickelt, die die Regierung unter Druck setzte. Ukip macht auch Stimmung gegen Einwanderer und Muslime. Bei der Unterhauswahl 2015 erhielt sie immerhin 12,6 Prozent der Stimmen, errang aber nur einen Sitz. Bei den jüngsten Kommunalwahlen im Mai schnitt Ukip allerdings schlecht ab.
Green Party (Grn)
Die Grünen haben ihre Wurzeln in den Umweltbewegungen der Siebzigerjahre. Die Green Party of England and Wales wurde 1990 gegründet. Es gibt eigenständige Ableger in Schottland und in Nordirland. Die Partei hat aktuell eine Doppelspitze mit Caroline Lucas und Jonathan Bartley. Die Grünen sehen sich auch als Verfechter der Bürgerrechte und -freiheiten. Sie haben ebenfalls ein Referendum über den kommenden Brexit-Deal im Programm. Die Grünen sind mit einem Mandat im House of Commons vertreten. 2010 wurde Lucas im Wahlkreis Brighton Pavilion mit 31,3 Prozent zum ersten grünen Mitglied des britischen Unterhauses gewählt.
Plaid Cymru (PC)
Plaid Cymru, Kurzform Plaid, wurde 1925 gegründet und ist eine Mitte-links-Partei in Wales. Sie bezeichnet sich selbst als sozialdemokratisch und walisisch-national. Plaid setzt sich für mehr Föderalismus ein. Geführt wird die Partei durch die Gewerkschafterin und Sozialistin Leanne Wood.
Democratic Unionist Party (DUP)
Die DUP ist stimmenstärkste Kraft im Nordirland-Parlament vor Sinn Féin. Sie tritt für die Einheit mit Großbritannien ein. Gründer der radikalprotestantischen Partei war 1971 der Pfarrer Ian Paisley. Sie unterzeichnete 1998 das Karfreitagsabkommen nicht. Bei der Unterhauswahl 2015 kam sie auf acht Mandate.
Sinn Féin (SF)
Die irisch-republikanische Partei Sinn Féin ("Wir selbst") ist die wichtigste gesamtirische Partei. Sie will die unter britischer Herrschaft stehenden Grafschaften Nordirlands in das Staatsgebiet der Republik Irland eingliedern. Sinn Fein strebt laut Parteiprogramm eine "vereinigte, demokratische und sozialistische Republik Irland" an. Im Nordirland-Parlament ist Sinn Fein zweitstärkste Partei ganz knapp hinter DUP. Bei den britischen Unterhauswahlen bekam sie 2015 vier Sitze. Die Abgeordneten nehmen ihre Mandate aber nicht ein.
Social Democratic & Labour Party (SDLP)
Die SDLP, gegründet 1970, ist eine Partei der linken Mitte. Sie setzt sich für eine Vereinigung Nordirlands mit der Republik Irland mit friedlichen Mitteln ein. Sie gewann 2015 drei Sitze im Unterhaus.
Ulster Unionist Party (UUP)
Die in Nordirland traditionsreiche UUP gewann 2015 zwei Unterhausmandate. Sie tritt für den Verbleib Nordirlands im Vereinigten Königreich ein. Die Partei pflegt traditionell enge Verbindungen zu den Konservativen.

Rückblick: Hier finden Sie die Ergebnisse der Parlamentswahl 2015.



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