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11. April 2013, 18:10 Uhr

Pompöse Beerdigung

Briten streiten über Parade für Thatcher

Von , London

Margaret Thatcher war Premierministerin, doch sie wird zu Grabe getragen wie eine Königin. Der Plan für eine pompöse Militärparade sorgt selbst bei Konservativen für Unbehagen. Die britische Polizei richtet sich auf Krawalle ein.

Es soll ein großer Abschied werden: Der Sarg mit dem Leichnam Margaret Thatchers wird kommenden Mittwoch mit dem Union Jack umwickelt und auf einem Geschützwagen durch die Londoner Innenstadt gefahren. Drei Militärkapellen spielen auf, über 700 Soldaten in Paradeuniform sollen der verstorbenen Premierministerin das letzte Geleit geben. Man kann sicher sein: Die Briten, geübt in solchen Sachen, werden ein erstklassiges Spektakel abliefern.

Doch die Regierung von Premier David Cameron hatte ihre Beerdigungspläne kaum bekannt gegeben, da wurden schon erhebliche Zweifel daran laut. Zu groß, zu teuer, zu pompös, lautete die Kritik. Selbst einzelne konservative Kommentatoren machten kein Hehl aus ihrem Unbehagen.

"Warum bekommt Großbritanniens umstrittenste Premierministerin eine Beerdigung wie eine Königin?", fragte der linke "Daily Mirror". Und im rechten "Daily Telegraph" schimpfte Kolumnist Peter Oborne, die Entscheidung sei "dumm und falsch".

Wie ein königliches Groß-Event

Zwar handelt es sich offiziell nicht um ein Staatsbegräbnis. Thatchers Leichnam wird nicht öffentlich aufgebahrt, und es wird auch keinen Überflug von Kampfflugzeugen geben. Doch das tut der öffentlichen Wirkung keinen Abbruch. Die Beerdigung läuft nach dem gleichen Muster ab wie 1997 bei Prinzessin Diana.

Sie wird vorbereitet wie ein königliches Groß-Event. Scotland Yard hat ein Lagezentrum eingerichtet und eine Urlaubssperre für alle Beamten verhängt. Fernsehsender planen die Live-Berichterstattung. Und Queen Elizabeth II. hat ihr Kommen zugesagt - eine Ehre, die sie bislang nur Kriegspremier Winston Churchill erwiesen hat.

Regierungschef Cameron verteidigt den großen Aufwand. Thatcher sei die erste Frau in der Downing Street gewesen und habe das Amt länger als jeder andere Premierminister im 20. Jahrhundert innegehabt, sagte der Tory am Mittwoch in der Gedenksitzung des Unterhauses. Die Zeremonie mit militärischen Ehren sei daher eine "angemessene Würdigung".

Doch nicht jeder sieht ein, warum die Regierung in Zeiten klammer öffentlicher Kassen zehn Millionen Pfund für eine weitere Militärparade ausgeben muss. Das Argument der Geldverschwendung war im vergangenen Jahr bereits gegen die üppige Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele und die Flottenparade zum diamantenen Thronjubiläum der Queen vorgebracht worden.

Außenminister William Hague versuchte, das Kosten-Argument zu entkräften, indem er auf den Briten-Rabatt verwies. Der von Thatcher 1984 ausgehandelte Rabatt auf die EU-Beiträge habe Großbritannien bislang 75 Milliarden Pfund gespart, rechnete Hague vor. Da könne man sich so eine Beerdigung schon mal leisten.

Kritik an Parteinahme der Queen

Doch gehen die Einwände tiefer. Thatcher erhalte ein "imperiales Begräbnis" wie Churchill im Jahr 1965, schreibt Kolumnist Martin Kettle im "Guardian". Dabei habe sie ihr Land weder in einem Weltkrieg geführt, noch sei sie eine einigende nationale Persönlichkeit gewesen. Obendrein sei Großbritannien kein Empire mehr, die militärischen Ehren also überflüssig. "Öffentliche Beerdigungen sollten bürgerlich, zurückhaltend und einigend sein, nicht militärisch, bombastisch und umstritten", schreibt Kettle.

Ähnlich sieht es der konservative Kollege Oborne im "Telegraph". Die Tatsache, dass die Queen zu Thatchers Beerdigung komme, sei ein "Verrat" an einem Grundprinzip des britischen Staates - der Trennung von exekutiver und repräsentativer Funktion. Die Königin sei 1967 auch nicht zum Begräbnis des früheren Labour-Premiers Clement Attlee erschienen. Dabei sei dieser als Begründer des britischen Wohlfahrtsstaats ähnlich bedeutend wie Thatcher gewesen. Die Teilnahme an der Trauerfeier der konservativen Politikerin lasse die Queen nun parteiisch erscheinen und breche mit der Tradition der Monarchie.

Auch Matthew Parris, ehemaliger konservativer Unterhausabgeordneter und Thatcher-Mitarbeiter, zweifelt am Sinn der Parade. Er könne sich an keine einzige Beerdigung eines Premierministers erinnern, schrieb er in der "Times". Er sei verblüfft, dass es keine festen Regeln dafür gebe, sondern alles scheinbar spontan entschieden werde. Er erinnerte daran, dass zu Attlees Trauerfeier 150 Gäste kamen und sie nach zwanzig Minuten vorbei war. Zum Vergleich: Bei Thatcher werden 2300 Gäste erwartet - plus Weltpresse.

Auf der Einladungsliste stehen Thatchers Nachfolger John Major, Tony Blair, Gordon Brown und Cameron sowie alle lebenden US-Präsidenten außer Amtsinhaber Obama. Nicht eingeladen ist Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner. Bereits abgesagt haben die früheren Weggefährten Helmut Kohl und Michail Gorbatschow sowie die Witwe des früheren US-Präsidenten Ronald Reagan, Nancy Reagan. Alle drei nannten gesundheitliche Gründe.

Die Londoner Polizei richtet sich auf Proteste bei der Trauerfeier ein, nachdem linke Aktivisten am Montag nach Thatchers Tod in mehreren britischen Städten bereits Jubelfeiern abgehalten hatten. Eine Gruppe namens "Klassenkampf" hat weitere Aktionen angekündigt. Schon am Wochenende wollen sie eine Thatcher-Puppe aus Pappmaché von einem leeren Sockel auf dem Trafalgar Square stürzen - eine Reaktion auf Tory-Forderungen nach einem Denkmal für ihre Ikone.

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