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Kampf ums Premierministeramt: Diese Konservativen könnten Theresa May beerben

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Großbritannien May weint noch, der Machtkampf läuft schon

Einige Tory-Politiker laufen sich seit Monaten warm. Doch mit Theresa Mays Rücktrittsankündigung kann der offene Kampf um die Macht in Großbritannien beginnen. Dabei wird es ein neuer Premier kaum leichter haben.

Theresa Mays tränenreiche Abschiedsankündigung liegt erst wenige Stunden zurück, da meldet sich der Mann zu Wort, der ihr das Leben als Premierministerin vielleicht am schwersten gemacht hat: Boris Johnson.

Auf Twitter hält sich der frühere Außenminister nur kurz mit den obligatorischen Höflichkeiten auf. Zwei Sätze, dann kommt die Ansage: "Es ist nun an der Zeit, dem Drängendsten nachzugehen: zusammenzukommen und den Brexit zu liefern."

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Johnson gehört zu jener Gruppe bei den Tories, die selbst große Schuld daran tragen, dass es bis heute keinen Brexit gibt. Es sind Hardliner, teilweise rechte Ultrakonservative, die sich lange auf keinerlei Kompromisse einlassen wollten - und damit jede Einigung im Parlament blockierten.

Das Aberwitzige an der britischen Politik ist, dass ausgerechnet solche Leute nun beste Chancen haben, May im Amt zu beerben. Menschen wie Johnson. Und dass der sich selbst für die beste Besetzung in Downing Street hält, daran hat er nie Zweifel gelassen. Auch nicht an diesem Tag. Johnson verkündet den Plan: Brexit liefern - als ob das so einfach wäre.

Ein paar Tage bleiben May noch als Chefin der Konservativen. Erst am 7. Juni will sie von der Parteispitze abtreten. Damit erspart May ihrer Partei viel Ärger. Sie selbst wird es noch sein, die den absehbaren Absturz der Tories bei der Europawahl am Sonntagabend verteidigt. Und May wird sich Anfang Juni mit Donald Trump bei dessen Besuch im Königreich ablichten lassen müssen. Anderen bleibt das erspart.

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Am 7. Juni also soll die Suche nach Mays Nachfolger offiziell beginnen: ein zweistufiger Prozess, bei dem zuerst die Tory-Fraktion zwei Kandidaten aus dem Bewerberfeld bestimmt und am Ende die Basis entscheidet. Der künftige Parteichef folgt dann auch auf May im Premierministeramt. Bis es soweit ist, voraussichtlich Mitte Juli, führt May weiter die Regierungsgeschäfte.

Sie hat nun also den Weg freigemacht für den offenen Machtkampf bei den Tories, der in Wahrheit schon lange im Verborgenen läuft.

Vier Kandidaten haben sich bislang offen zu ihren Intentionen bekannt. Johnson sagte laut BBC Mitte Mai am Rande einer Veranstaltung zur Frage nach seinen Ambitionen auf den Posten als Premierminister: "Natürlich stehe ich dafür bereit". Auch der neue Entwicklungshilfeminister Rory Stewart und Ex-Arbeitsministerin Esther McVey haben bereits ihre Bereitschaft zur Kandidatur erklärt. Am Freitag verkündete Außenminister Jeremy Hunt, er wolle antreten.

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Doch die Liste dürfte noch deutlich länger werden. Etwa ein Dutzend Tory-Politiker werden für Mays Nachfolge gehandelt. Graham Brady gab am Freitag seinen Posten als Chef des wichtigen 1922-Komittees in der Tory-Fraktion auf - vermutlich, um selbst in das Kandidatenrennen einsteigen zu können.

Unter den möglichen Anwärtern befinden sich zudem weitere britische Polit-Promis wie Umweltminister Michael Gove, Ex-Brexit-Minister Dominic Raab oder Andrea Leadsom, die aus Protest gegen Mays Brexit gerade erst zurückgetreten ist. Leadsom war im Kabinett für Parlamentsfragen verantwortlich.

Leadsom gehört wie Johnson und Raab zu jener Fraktion, die notfalls den Brexit auch ohne Deal durchziehen würde. Vor allem dieses Lager dürfte von der EU-Wahl profitieren. Umfragen sagen den Tories ein einstelliges Ergebnis voraus - für die Konservativen wäre es eine echte Katastrophe. Dagegen zeichnet sich ab, dass die Wähler in Scharen zu der neuen Brexit-Partei des Rechtspopulisten Nigel Farage überlaufen.

Tritt all das ein, dürften jene in der Partei leichtes Spiel haben, die eine Kurswende nach rechts fordern, einen harten Brexit - einfache Antworten eben. Und Johnson gilt als Meister des Populismus. Mit einer Lüge hatte er einst für den Brexit getrommelt: "Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche". Laut einer "Times"-Umfrage unter Tory-Anhängern liegt Johnson nun mit 39 Prozent klar vorne.

Doch egal, wer es am Ende wird: Großbritanniens künftiger Regierungschef dürfte es kaum einfacher haben als May. Denn die Probleme bleiben. Das Parlament ist tief zerstritten. Viele Abgeordnete sehen den Brexit zwar grundsätzlich kritisch, fühlen sich aber verpflichtet, ihn umzusetzen. Ein Dilemma, aus dem es bislang keinen Ausweg gibt. Wie ausgerechnet ein Hardliner hier vereinen soll, bleibt ein Geheimnis. Dazu kommt: Die EU dürfte kaum dazu bereit sein, von den bisherigen Brexit-Abmachungen mit London abzuweichen und einer neuen Führung wesentlich entgegenzukommen.

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Mays Karriere in Bildern: Die Brexit-Premierministerin

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Gleichzeitig drängt mal wieder die Zeit. Ende Oktober läuft die EU-Frist ab. Haben die Briten bis dahin keine Lösung gefunden, fliegen sie aus der Union - auch ohne Abkommen, das die wirtschaftlichen und politischen Brexit-Folgen abfedern würde.

Immer wahrscheinlicher wird deshalb, dass Mays Nachfolger auf schnelle Neuwahlen drängt - um die Machtverhältnisse im Unterhaus zu seinen Gunsten zu verändern. Ein Plan, bei dem zumindest die Opposition sofort dabei wäre. "Wer auch immer neuer Chef der Konservativen wird, muss die Menschen über die Zukunft unseres Landes entscheiden lassen", teilte Labour-Chef Jeremy Corbyn am Freitag mit, "durch eine sofortige Neuwahl".