Großbritannien wählt Harter Brexit - oder scharfer Linksruck

Die britische Premierministerin Theresa May ging als große Favoritin in den Wahlkampf - und muss nun um ihr Amt bangen. Welche Chancen hat Herausforderer Jeremy Corbyn? Und welche Folgen hat die Abstimmung?

Jeremy Corbyn, Theresa May
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Jeremy Corbyn, Theresa May

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Schnell wählen lassen, Vorsprung ausbauen, Rückenwind für die Brexit-Verhandlungen holen - so hatte sich das Theresa May vorgestellt, als sie Ende April Neuwahlen in Großbritannien ausrief. Doch so einfach wird es wohl nicht: In den Umfragen konnte die weit abgeschlagene Labour-Partei von Jeremy Corbyn zuletzt deutlich zulegen - und den Rückstand verkürzen.

45,8 Millionen Briten sind nun aufgerufen, über die Zukunft ihres Landes abzustimmen. Steuert das Vereinigte Königreich weiter auf einen harten Brexit zu? Oder schwenkt das Land auf einen scharfen Linkskurs?

Bis 23 Uhr deutscher Zeit haben die Wahllokale geöffnet. Mit Ergebnissen wird am frühen Freitagmorgen gerechnet. Der Überblick zur Unterhauswahl:

Wer sind die wichtigsten Personen?

Premierministerin May kam nach dem Rücktritt von David Cameron im vergangenen Sommer überraschend an die Macht. Ihr Vorgänger hatte das Referendum über einen EU-Austritt angesetzt, sein Amt daran geknüpft - und verloren.

Mays Herausforderer Corbyn ist innerparteilich umstritten, führte aber einen gelungenen Wahlkampf. Welche Kandidaten außer den beiden die Wahl in Großbritannien prägen, sehen Sie in der Fotostrecke.

Wer hat die besten Chancen?

Die Umfrageergebnisse gehen auf der Insel weit auseinander, verlässliche Aussagen lassen sich also nur schwer treffen. Deutlich ist aber der Trend: Labour holte in den vergangenen Wochen stark auf. Nur noch wenige Punkte trennen die Partei in einigen Erhebungen von den regierenden Konservativen. Ende April lag sie noch bis zu 20 Prozentpunkte hinter den Tories zurück.

Klar ist aber auch: Selbst wenn Labour wirklich die Überraschung schafft und die Tories überholt, stehen die Chancen für Corbyn eher schlecht, Premier zu werden. Nach dem britischen Mehrheitswahlrecht zählt nur, wer in den einzelnen Wahlkreisen gewinnt. Und da können die Tories wahrscheinlich mit mehr Siegen rechnen. (Lesen Sie hier mehr zum Wahlsystem in Großbritannien)

Was waren die wichtigsten Themen?

"Brexit heißt Brexit": An diesem Mantra hielt May auch im Wahlkampf fest. Gebetsmühlenartig wiederholte sie den Satz bei öffentlichen Auftritten, genau wie ihren zweiten Leitspruch: "strong and stable leadership" - also starke und beständige Führung. Damit positionierte May sich gegen Corbyn, dem große Teile der britischen Bevölkerung keine Führungsverantwortung zutrauen.

Stark und beständig sollte auch Mays Brexit werden: kein Zugang zum EU-Binnenmarkt - ein harter Brexit also. Kein Deal sei besser als ein schlechter Deal, betonte May.

Corbyn und die Labour-Partei bekräftigten hingegen, dass bei einem Brexit unter Labour der Zugang zum europäischen Binnenmarkt erhalten bliebe. Corbyn, der vor allem beim jüngeren Teil der Bevölkerung seine Anhänger hat, setzte im Wahlkampf auf soziale Themen und versprach höhere Steuern für Reiche, eine Reform des maroden Gesundheitssystems und mehr Sozialwohnungen.

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May vs Corbyn: Wahllokale in Großbritannien geöffnet

Lange prägten der Brexit und soziale Themen wie die "Demenzsteuer" den Wahlkampf. Dann kamen die Terroranschläge in London und Manchester, die alles überlagerten. "Jetzt reicht's!", verkündete May nach dem Anschlag auf der London Bridge. Es war der dritte Anschlag, den Großbritannien in den vergangenen drei Monaten erlebt hatte. Für einen Tag wurde der Wahlkampf ausgesetzt.

Danach versuchten beide Seiten, die Attacken für ihre Zwecke zu nutzen: May kündigte ein härteres Vorgehen gegen Islamisten an, erklärte sogar, dass die Menschenrechte eingeschränkt werden könnten, um Terrorverdächtige schneller und besser zu überführen. Corbyn kritisierte die Premierministerin scharf für ihre Sparpolitik, denn in ihrer Zeit als Innenministerin hatte sie die Gelder für die Polizei gekürzt, was die Polizeipräsenz auf Londoner Straßen drastisch verringerte. Im Falle seines Wahlsieges wolle er 10.000 Polizisten mehr einstellen, versprach Corbyn.

Welche Folgen hat die Wahl für den Brexit?

Beide großen Parteien haben ihren Wählern versprochen, dass sie sich an das Brexit-Votum halten und die EU 2019 verlassen wollen. Während May einen harten Schnitt anstrebt, verspricht Corbyn, mit der EU enger verbunden zu bleiben. Wie das genau aussehen soll, sagt die Labour-Partei nicht.

Wirklich gegen den Brexit positionierten sich nur die Liberaldemokraten. Ihnen wird zwar ein besseres Ergebnis als 2015 zugetraut, aufgrund des Mehrheitswahlrechts aber keine deutliche Vergrößerung der mit neun Sitzen winzigen Fraktion.

Mays Ziel bei den Neuwahlen war, die absolute Mehrheit der Konservativen auszubauen. Sollte ihr das gelingen, wäre ihre Position gegenüber der EU gestärkt. Ein schwaches Ergebnis der Tories oder ein Sieg für Labour könnte allerdings für die verbleibenden 27 EU-Mitgliedstaaten auch zum Problem werden. Denn dann drohen sich die Verhandlungen weiter zu verzögern, da die Briten wiederum eine neue Strategie für den Brexit entwickeln müssten.

Videoanalyse: "May hat einen sehr schlechten Wahlkampf geführt"

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realplayer 08.06.2017
1. May liegt vorn
Was soll der Wirbel. GB hat eine anders System. Da reichen schon die Stimmen aus dem konservativen Norden von GB und nichts ist mit dem Linksruck. Zumal die meisten Labourstimmen aus den Metropolen kommen, das Land aber konservativ wählt. Kann sein, dass Labour aufholt. May wird aber nicht überholt.
Mathesar 08.06.2017
2. Unser täglich...
...Exit vom Brexit gib uns heute... Hört endlich mit der Wunschträumerei auf!
gammoncrack 08.06.2017
3. Man kann sich einfach nur überraschen lassen, oder auch nicht.
Angesichts des Brexit-Votums aus dem letzten Jahr sind Prognosen scheinbar nur Kaffeesatzleserei.
ulrich_loose 08.06.2017
4. Ich kann und will
mir nicht vorstellen, dass die Engländer dem halb- bis dreiviertel Kommunisten Corbyn eine Mehrheit bescheren... Hoffen wir mal, dass das auch die Engländer mehrheitlich so sehen.
andneu 08.06.2017
5. Mit Corbyn wäre zumindest zu erwarten ....
... dass mal wieder eine sozialdemokratische Politik an die Macht gerät. Die kann man den bisherigen Linksregierungen in UK - wie auch bei uns in Deutschland - ja nun nicht nachsagen.
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