Tory-Kandidat Hunt Gegner von Johnsons Gnaden

Jeremy Hunt zieht in die Tory-Urwahl des künftigen britischen Premierministers. Ein Gegner ganz nach dem Geschmack von Topfavorit Boris Johnson. Doch hat der Außenminister wirklich keine Chance?

Außenminister Jeremy Hunt
Daniel Leal Olivas/AFP

Außenminister Jeremy Hunt

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Eigenartige Dinge passieren derzeit in Westminster. Es ist Donnerstag, die vierte Runde im Tory-Machtkampf, wieder stimmen die Abgeordneten der britischen Konservativen ab. Es geht um den Parteivorsitz. Und damit auch um die große Frage seit Theresa Mays Rücktrittsankündigung: Wer wird der künftige Premierminister?

Um 13 Uhr das nächste Zwischenergebnis: 157 Fraktionsmitglieder votieren für Boris Johnson. 14 mehr als noch am Vortag. Doch woher kommen die zusätzlichen Stimmen? Zuletzt war Rory Stewart aus dem Rennen geflogen, ein Proeuropäer, ein gefühliger, feinsinniger Mann, ein Intellektueller, ein Anti-Johnson. Seine Anhänger dürften wohl kaum ins Lager des Brexit-Haudegen gewechselt sein. Sollte man meinen.

Stunden später wählen die Tories erneut - zum letzten Mal, bevor die beiden erfolgreichsten Kandidaten sich dem Votum der Parteibasis stellen sollen. Johnson bleibt uneinholbar vorne, das ist klar. Doch er legt kaum noch zu. Obwohl jetzt die 34 Stimmen des ausgeschiedenen Sajid Javid verfügbar waren. Ein Kandidat, der wie Johnson zuletzt auf einen harten Brexit-Kurs setzte.

Dafür profitiert nun wiederum ein Moderater: Jeremy Hunt, der zuvor noch hinter Johnsons vielleicht gefährlichsten Gegner Michael Gove zurückgefallen war. 77 Tories stimmen jetzt für ihn, Hunt zieht wieder an Gove vorbei, landet auf dem entscheidenden zweiten Rang - wenn auch denkbar knapp. Damit ist klar: Er ist der Mann, der gegen Johnson in der Urwahl antritt.

Wie passt all das zusammen?

In London kursiert an diesem Donnerstag eine einfache Antwort: Johnson hat gezockt. Er hat sich seinen Gegner zurechtgelegt, wie ein Puppenspieler.

"Überraschungen passieren"

Mit der Macht des klaren Vorsprungs habe er in den vergangenen Runden einen Teil seiner treuesten Anhänger für andere Kandidaten votieren lassen, um dadurch unliebsame Bewerber aus dem Wettbewerb zu kegeln. Hinter den Kulissen soll für ihn Gavin Williamson die Strippen gezogen haben - ein Profi in solchen Angelegenheiten: Einst war er Chief Whip, Chef-Mehrheitsbeschaffer, der Tories im Unterhaus.

Auf diese Weise sei zuerst Brexit-Hardliner Dominic Raab ausgeschieden, indem Johnsons Leute Rory Stewart unterstützten. Dann musste Stewart, mittlerweile Shootingstar dieses Machtkampfs, selbst gehen, weil Johnson seine Leute wieder abgezogen habe. Zuletzt, so geht die Erzählung, habe Johnson seine Truppen hinter Hunt versammelt - um damit seinen alten Rivalen Gove zu stoppen. Deshalb die nur mageren eigenen Zugewinne in der finalen Abstimmung.

ANDY RAIN/EPA-EFE/REX

All das wird sich vermutlich nie belegen lassen. Doch möglich scheint im Londoner Machtbetrieb derzeit vieles. Oder wie Hunt es am Abend formuliert: "In der Politik passieren Überraschungen wie heute."

Späte Rache an Gove?

Fest steht zumindest: Hunt ist wohl genau der Gegner, den sich Johnson gewünscht hat. Oder besser gesagt: Er ist ihm sehr wahrscheinlich lieber als Gove. Denn dieser gilt als einer der gewieftesten Tory-Politiker. Dass er Johnson ernsthaft schaden kann, musste der frühere Außenminister bereits vor zwei Jahren erleben.

Damals wollte Johnson schon einmal antreten. In Gove sah er einen engen Verbündeten. Bis dieser plötzlich selbst kandidierte - und damit Johnsons Chancen zunichte machte. Seither sind die beiden in tiefer Feindschaft verbunden. Ein wochenlanger Wahlkampf zwischen den beiden wäre zu einem "Psychodrama" geworden, warnten zuletzt mehrere Abgeordnete.

Hunt dagegen tritt deutlich sanftmütiger auf. Der Außenminister hebt sich in vielerlei Hinsicht von Johnson ab. Er gilt als höflich und umgänglich, spricht Japanisch, beim Brexit steht er für einen gemäßigten Kurs. Auch Hunt will raus aus der Europäischen Union. Von einem Brexit ohne entsprechendes Abkommen mit der EU hält er dagegen wenig. "Ich bin ein Verhandler", sagt Hunt über sich selbst. Es ist zwar mehr als fraglich, dass Brüssel sich noch einmal auf neue Debatten einlässt. Doch mit Hunt hätte die EU zumindest einen einfacheren Gesprächspartner.

Johnson bleibt Topfavorit

Bisher aber ist kaum ersichtlich, wie er gegen Johnson eine Chance haben soll. Der frühere Londoner Bürgermeister war an der Tory-Basis stets mit Abstand der beliebteste Kandidat - das zeigen die Umfragen. Und jetzt sind es eben jene etwa 160.000 Mitglieder der Konservativen, die in den kommenden Wochen entscheiden, wer das Land in Zukunft führen soll.

Der für seine Skandale und verbalen Fehltritte bekannte Johnson kann sich wohl nur selbst schlagen. Mit seinem Team verfolgte er in den vergangenen Tagen vor allem eine Strategie: möglichst wenig Fehler machen. Öffentlich machte er sich rar, in der einzigen TV-Runde, an der er teilnahm, blieb er bei vielen Fragen vage.

Doch selbst in der Fraktion, die ihm im Vergleich zur Basis grundsätzlich kritisch gegenübersteht, hat ihm das kaum geschadet. 160 Tory-Abgeordnete stimmten am Ende für Johnson. Mehr als die Hälfte. Taktik hin oder her.

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