Großbritannien Umfrage prophezeit Labour Wahldesaster

Es ist die größte und für die Labour Party schlimmste politische Erhebung aller Zeiten in Großbritannien: Den mit gewaltigem Aufwand erhobenen Daten zufolge würde die Partei von Premier Gordon Brown bei einer Wahl aktuell über die Hälfte ihrer Parlamentssitze verlieren.


London - Die Labour-Partei in Großbritannien "stolpert auf ein Massaker zu" - so formuliert es der Londoner "Observer". Schon zu Beginn des Parteitags am Wochenende, auf dem Labour-Chef Gordon Brown gerade noch einmal versucht, seine Truppen hinter sich zu scharen, war klar, dass es düster aussieht für Großbritanniens Regierungspartei. Doch wie schlimm es tatsächlich um Labour steht, zeigt erst eine soeben veröffentlichte, äußerst aufwendige Studie: Derzufolge würden die konservativen Tories, würde jetzt gewählt, weit mehr als doppelt so viele Parlamentssitze erringen wie Browns Labour Party.

Premierminister Brown: Warten auf den Königsmörder
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Premierminister Brown: Warten auf den Königsmörder

398 zu 160, das wäre das Ergebnis, glaubt man den Zahlen, die im Auftrag des Politikportals PoliticsHome.com ermittelt wurden. "Labour würde gedemütigt", wird der Bericht über die Umfrage zusammengefasst. "Wie die Konservativen im Jahr 1997." Der Umfrage zufolge würden etliche prominente Labour-Politiker und acht Kabinettsmitglieder ihre Parlamentssitze verlieren, darunter Justizminister Jack Straw, Wirtschaftsminister John Hutton, Verteidigungsminister Des Browne und der ehemalige Verteidigungsminister Geoff Hoon.

Die Studie wurde anders durchgeführt, als das bei politischen Meinungsumfragen üblicherweise der Fall ist: 34.000 Menschen in 238 als kritisch betrachteten Wahlkreisen wurden befragt. Dem "Observer" zufolge handelt es sich damit um die größte repräsentative politische Erhebung, die in Großbritannien jemals durchgeführt wurde.

"Antiregierungsstimmen gehen an die Konservativen"

Labour würde der Umfrage zufolge sogar Sitze verlieren, die seit dem Zweiten Weltkrieg von der Partei gehalten werden. "In Südengland würde die Partei praktisch ausgelöscht", so der "Observer". Die Liberaldemokraten dagegen, die drittstärkste Partei im britischen Unterhaus, kämen vergleichsweise glimpflich davon: Von ihren derzeit 63 Sitzen würden sie 44 behalten. "Es gelingt ihnen jedoch nicht, im Hinblick auf von Labour gehaltene Sitze irgendwelche bedeutsamen Fortschritte zu machen", heißt es bei PoliticsHome.com, "die Antiregierungsstimmen gehen nahezu vollständig an die Konservativen."

Klarer Sieger des "Blutbades" ("The Guardian") wäre somit Tory-Chef David Cameron. Mit einer Mehrheit von 146 Parlamentssitzen hätte er gewaltigen Gestaltungsspielraum.

Die echte Wahl steht erst im Jahr 2010 an. Ob Gordon Brown diese knapp zwei Jahre jedoch im Amt überstehen wird, scheint zunehmend fraglich. Auch innerhalb seiner eigenen Partei rufen einige Hinterbänkler inzwischen zur offenen Rebellion auf. Um seinen Job zu verlieren, muss Brown nicht auf eine Wahl warten - seine eigene Partei kann ihm jederzeit den Posten des Parteichefs wegnehmen und ihn durch einen neuen Premierminister ersetzen. Genau das passierte Tony Blair: Er wurde durch Brown ersetzt. Selbst die Amtszeit von Margaret Thatcher endete auf diese unrühmliche Weise. Die innerparteilichen Rebellen brauchen 70 Abgeordnete, um eine Abstimmung über die Führung zu erzwingen - bislang ist die Truppe noch nicht groß genug, und der innere Kreis um Brown scheut sich, einen Königsmörder zu bestimmen.

Am kommenden Dienstag soll Brown beim Labour-Parteitag in Manchester eine Rede halten. Doch, ob eine einzige Rede, und sei sie noch so gut, seine politische Existenz retten kann, scheint mehr als zweifelhaft.

cis



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