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12. April 2010, 11:52 Uhr

Großbritannien und Frankreich

Abschreckung light

Von , London

Für Großbritannien und Frankreich ist der Besitz von Atomwaffen eine Frage des Nationalstolzes - beide wollen auch künftig nicht auf eine eigene Abschreckung verzichten. Aus Kostengründen wird das Arsenal aber wohl weiter schrumpfen.

Frankreich und Großbritannien zählen zu den Kleinen im Club der fünf offiziellen Atommächte. Die französische Force de Frappe verfügt über geschätzte 300 Atomsprengköpfe, die britische Royal Navy über rund 160. Beide haben eine Flotte aus vier Atom-U-Booten, von denen eins ständig auf See ist. Paris unterhält zusätzlich auch noch vier Flugzeuggeschwader mit Atomraketen, drei an Land und eins auf dem Flugzeugträger "Charles de Gaulle".

Seit dem Ende des Kalten Krieges haben beide Länder ihr Arsenal erheblich geschrumpft. Die Produktion von waffenfähigem Plutonium wurde eingestellt. Großbritannien schaffte sämtliche Atomwaffen in der Armee und der Luftwaffe ab.

In der aktuellen Abrüstungsdebatte spielen London und Paris keine zentrale Rolle. Sie verweisen darauf, dass zunächst die USA und Russland auf ihr Niveau herunterrüsten sollten, bevor sie selbst weiteren Handlungsbedarf sehen. Beide wollen ihre Atomwaffen nicht vollständig aufgeben und halten eine eigene Rund-um-die-Uhr-Abschreckung für unverzichtbar. Auf beiden Seiten des Ärmelkanals wird bereits an der Nachfolgegeneration zu den derzeitigen Waffensystemen gearbeitet.

Die angespannte Haushaltslage führt jedoch dazu, dass über weitere Einschränkungen nachgedacht wird. Der britische Premier Gordon Brown erklärte vergangenen September vor der Uno, dass Großbritannien künftig mit drei statt vier Atom-U-Booten auskommen wolle. Die französische Regierung hat Großbritannien angeboten, dass man sich die Abschreckung auf See künftig auch teilen könne. Dieser Vorschlag gilt unter Experten als zukunftsweisend, wird in London jedoch bislang abgelehnt.

Eine europäische Zusammenarbeit wird auch dadurch erschwert, dass das britische Atomprogramm seit Jahrzehnten eng mit dem amerikanischen verwoben ist. Die Trident-II-Raketen, die auf den britischen U-Booten eingesetzt werden, sind in einem gemeinsamen Pool in Kings Bay im US-Bundesstaat Georgia gelagert.

Die beiden europäischen Atommächte in Fakten:

Frankreich:

300 Atomsprengköpfe

4 U-Boote der Le-Triomphant-Klasse, stationiert auf der Ile Longue in der Bretagne. Jedes trägt bis zu 16 M45-Raketen, bestückt mit je sechs Sprengköpfen.

Das neueste U-Boot, ab 2010 in Betrieb, ist mit M51-Langstreckenraketen ausgerüstet (Reichweite 9000 Kilometer).

3 Fluggeschwader mit je 20 Mirage 2000N, stationiert in Istres, Luxeil-Les-Bains und Saint-Dizier. Bewaffnet sind sie mit einer Luft-Boden-Rakete (ASMP) mit 300 Kilometer Reichweite.

20 Jagdbomber vom Typ Super Étendard auf dem Flugzeugträger Charles de Gaulle

Großbritannien:

160 Atomsprengköpfe

4 U-Boote der Vanguard-Klasse, stationiert im schottischen Faslane. Jedes trägt bis zu 16 Trident-II-Raketen (Reichweite 10.000 Kilometer), maximal sind 48 Atomsprengköpfe an Bord.

16 unterirdische Bunker zur Atomwaffenlagerung in Coulport bei Faslane - Entwicklung und Bau der Sprengköpfe durch das Atomic Weapons Establishment (AWE) im englischen Aldermaston

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