Christoph Scheuermann

Britischer EU-Austritt Sieg der Angst

Der Austritt der Briten aus der EU ist eine Bauchentscheidung. Er zeigt ein Land im Rückzug. Die britische Insel ist gerade kleiner geworden.
Anhänger des EU-Verbleibs in London

Anhänger des EU-Verbleibs in London

Foto: Rob Stothard/ Getty Images

Der Brexit war eine Entscheidung des Bauchs gegen den Kopf: Die vorherrschenden Gefühle sind Nostalgie, Furcht und ein unbestimmter Hass auf das Establishment. Eine Angst vor Fremden kommt dazu, die von den Brexit-Strategen im Wahlkampf gezielt geschürt wurde, das macht die Entscheidung traurig und deprimierend.

Es ist auch ein Tritt gegen "die da oben" in London, in Brüssel. Die Briten sind einem Impuls von Patriotismus gefolgt. Die Flaggen, die Trommeln, die Schwüre und Versprechen der Brexiteers haben gewirkt, das macht diesen Tag so beängstigend.

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Der Brexit ist ein England- und ein Wales-Brexit vor allem. London und etliche südenglische Wahlkreise wollten mehrheitlich in der EU bleiben, Schottland und Nordirland ebenfalls. Möglich, dass Schottland bald ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abhält. Möglich, dass das Königreich nun wirklich auseinanderbricht.

All das hat die Briten nicht abgehalten, für den Austritt zu stimmen. Es ist ein Akt der bewussten Selbstverletzung. Großbritannien ist uns an diesem Morgen fremder geworden. Das Volk hat sich gegen den Pragmatismus entschieden, für das Risiko, das macht diesen Morgen so surreal.

England 2016 ist ein zerrissenes, unsicheres Land. Man muss sich noch einmal vor Augen führen, was hier in den vergangenen Monaten geschehen ist. Eine relativ kleine, relativ unbekannte Gruppe von Aktivisten, Hasardeuren und Egozentrikern hat ein Volk aufgestachelt und ein Land aus Europa getrieben - gegen den Premierminister, gegen den Rat von Ökonomen, Freunden und Verbündeten in aller Welt.

Europa wacht an diesem Morgen schwächer auf. Es wird Jahre dauern, bis der Austritt endgültig vollzogen ist. Bis dahin steht dem Kontinent eine Phase der Unsicherheit und des Tumults bevor, genau wie Großbritannien.

Der Brexit ist eine demokratische Entscheidung, man kann sie nicht ändern. Europa muss daraus lernen. Es gibt keine andere Wahl.