Britischer EU-Austritt Sieg der Angst

Der Austritt der Briten aus der EU ist eine Bauchentscheidung. Er zeigt ein Land im Rückzug. Die britische Insel ist gerade kleiner geworden.

Anhänger des EU-Verbleibs in London
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Anhänger des EU-Verbleibs in London

Ein Kommentar von , London


Der Brexit war eine Entscheidung des Bauchs gegen den Kopf: Die vorherrschenden Gefühle sind Nostalgie, Furcht und ein unbestimmter Hass auf das Establishment. Eine Angst vor Fremden kommt dazu, die von den Brexit-Strategen im Wahlkampf gezielt geschürt wurde, das macht die Entscheidung traurig und deprimierend.

Es ist auch ein Tritt gegen "die da oben" in London, in Brüssel. Die Briten sind einem Impuls von Patriotismus gefolgt. Die Flaggen, die Trommeln, die Schwüre und Versprechen der Brexiteers haben gewirkt, das macht diesen Tag so beängstigend.

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Der Brexit ist ein England- und ein Wales-Brexit vor allem. London und etliche südenglische Wahlkreise wollten mehrheitlich in der EU bleiben, Schottland und Nordirland ebenfalls. Möglich, dass Schottland bald ein zweites Unabhängigkeitsreferendum abhält. Möglich, dass das Königreich nun wirklich auseinanderbricht.

All das hat die Briten nicht abgehalten, für den Austritt zu stimmen. Es ist ein Akt der bewussten Selbstverletzung. Großbritannien ist uns an diesem Morgen fremder geworden. Das Volk hat sich gegen den Pragmatismus entschieden, für das Risiko, das macht diesen Morgen so surreal.

England 2016 ist ein zerrissenes, unsicheres Land. Man muss sich noch einmal vor Augen führen, was hier in den vergangenen Monaten geschehen ist. Eine relativ kleine, relativ unbekannte Gruppe von Aktivisten, Hasardeuren und Egozentrikern hat ein Volk aufgestachelt und ein Land aus Europa getrieben - gegen den Premierminister, gegen den Rat von Ökonomen, Freunden und Verbündeten in aller Welt.

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Europa wacht an diesem Morgen schwächer auf. Es wird Jahre dauern, bis der Austritt endgültig vollzogen ist. Bis dahin steht dem Kontinent eine Phase der Unsicherheit und des Tumults bevor, genau wie Großbritannien.

Der Brexit ist eine demokratische Entscheidung, man kann sie nicht ändern. Europa muss daraus lernen. Es gibt keine andere Wahl.

insgesamt 181 Beiträge
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db661 24.06.2016
1. Eine kluge Entscheidung...
...und endlich einmal eine Nachricht aus der Politik, die Freude und Zuversicht bereitet. Man kann nur hoffen, dass dies erst der Anfang ist und andere Länder folgen.
DMenakker 24.06.2016
2.
Es ist eine Krise, aber in jeder Krise steckt auch die Chance. Erweiterung und Vertiefung der Union? Ja, aber verbunden mit langfristigen und echten demokratischen Reformen. Bei beidem hat England gebremst. Machen wir allerdings nicht den Fehler jetzt zu glauben, die Bremse ist weg, wir können Gas geben, sondern versuchen wir die berechtigte Kritik der anderen aufzunehmen und ECHTE Reformen einzuleiten.
dannyandy 24.06.2016
3. Brexit: Der Weg direkt ins Mittelalter
Europa hat harte Zeiten vor sich und Großbritannien noch härtere! Es riecht stark nach Wiedereinführung von Wege und Schutzzöllen, der Zehnte wird wieder eingeführt und einzelne Bezirke und Landkreise erhalten ihre eigene Gerichtsbarkeit und das Recht, eigene Münzen zu prägen! Alle 100 km werden Mautgebühren auf alle Waren fällig und alle Vernunft, die Bismarck aufbrachte, um die Handelshemnisse zu beseitigen, fliegt gerade aus dem britischen Fenster hinaus! Also, die Flaggen auf Halbmast, den Blick darauf gerichtet, das Schlimmste zu verhindern, weil sonst der Weg ins Mittelalter unumgänglich ist! Shame on you, you 52%.............
mel80 24.06.2016
4. Nein!
Es ist ein Sieg der Vernunft, auch wenn die Linken das anders sehen.
Claus_Hangzhou 24.06.2016
5. Angst? oder Vernunft?
Die ganze Diskussion war dadurch bestimmt, dass EU-nahe Politiker und Interessengruppen, mit Warnungen, Drohungen und somit Angst gearbeitet haben. Ich kann mich kaum an ein positives Argument erinnern, das den Mensch als solches in den Mittelpunkt gerückt hat. Wirtschaft, Wirtschaft und nochmals Wirtschaft. Das war das Thema. Obwohl ich mich als Weltbürger sehe und ein vereintes Europa mir wünsche, so wenig wünsche ich mir einen Beamtenapparat in Brüssel, der außerhalb jeder Kontrolle ist. Ich wünsche mir auch keine Politiker, die Dinge in Brüssel anschieben und nachher dem Volk erzählen, dass sie diese Richtlinien und Vorgaben eben umsetzen müssen. Ich mag mich auch nicht für dumm verkaufen lassen und ich mag es auch nicht lange erkämpfte Standards in Deutschland aus Geld und Wirtschaftsgründen außer Kraft setzen zu lassen, wie es seit langen Jahren der Fall geworden ist. Eine derartig strukturierte EU wird keine Zukunft haben. Das große, unreflektierte Geschrei aus Brüssel wird ein Ende eher noch befeuern.
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