Wahl in Großbritannien Was die Briten außer dem Brexit bewegt

Der Brexit beherrscht den Wahlkampf in Großbritannien, doch für manche Wähler sind andere Themen wichtiger. Was treibt die Bürger um - und was bieten die Parteien an?
Von Sebastien Ash
Britische Flagge vor den Houses of Parliament: Der Countdown zur Wahl läuft

Britische Flagge vor den Houses of Parliament: Der Countdown zur Wahl läuft

Foto: Matt Dunham/ dpa

"Get Brexit Done" heißt es auf der Titelseite des Tory-Wahlprogramms. Daneben ein Foto von Boris Johnson, die Miene ernst, der Daumen nach oben gestreckt. Das ist die Brexit-Wahl, lautet die Botschaft.

Uneingeschränkt gilt das aber nicht. Jüngste Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Ipsos Mori zeigen zwar, dass der Brexit ein wesentliches Thema für die Wahlentscheidung ist. Aber je nach Erhebung setzen Wähler auch andere Prioritäten.

Welche Themen bewegen die britischen Bürger vor der Wahl besonders? Der Überblick.

Gesundheitsversorgung

Der National Health Service (NHS) ist in Großbritannien eine Art Nationalheiligtum, auf kaum eine andere Institution sind die Briten so stolz. Doch das System steckt in der Krise. Wartezeiten sind länger denn je, Tendenz weiter steigend. Operationstermine fallen aus. Krankenhäuser sind überlastet, besonders im Winter.

Die Regierung Johnson fürchtet, schlechte Nachrichten aus dem Gesundheitswesen könnten ihre Wahlchancen mindern. Deshalb verspricht der Premierminister mehr Geld für den NHS, 2023 sollen es 20,5 Milliarden Pfund zusätzlich im Jahr sein. Auch wenn der berühmte Satz auf dem roten Brexit-Bus ("Wir schicken der EU 350 Millionen Pfund pro Woche. Lasst uns stattdessen unseren NHS finanzieren") als Lüge enttarnt wurde, verknüpfen die Tories den Brexit mit mehr Geld für den NHS.

Brexit-Bus: Wo ist denn das Geld?

Brexit-Bus: Wo ist denn das Geld?

Foto: Jack Taylor/ Getty Images

Dabei ist Gesundheitspolitik eigentlich traditionell eine Stärke der Labour-Partei. Als sie 1948 regierte, wurde der NHS gegründet. Labour-Chef Jeremy Corbyn und seine Anhänger versprechen noch mehr Geld für das Gesundheitssystem und warnen die Wähler, die Tories wollten den NHS bei einem Freihandelsabkommen mit den USA und Trump privatisieren. Eine gewagte Behauptung, die im Wahlkampf trotzdem verfängt.

Boris Johnson: Können seine Tories das Potenzial Großbritanniens entfesseln?

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Foto: Ben Stansall/Getty Images

Kriminalität und Strafvollzug

Kurz vor der Unterhauswahl 2017 töteten islamistische Terroristen mehrere Menschen in der Nähe der London Bridge. Der Anschlag war ein Wendepunkt. Premierministerin Theresa May schien zu wackeln. Corbyn machte die britische Beteiligung an den Kriegen im Irak und Afghanistan als Ursache aus. Labour schloss in der Wählergunst zu den Tories auf.

Ein ähnlicher Angriff ereignete sich am 29. November, als ein Mann zwei Leute auf der London Bridge umbrachte. Die Behörden gehen von einer terroristischen Tat aus. Der Vorfall wurde schnell Wahlkampfthema. Es stellt sich heraus, dass der Angreifer kurz zuvor vorzeitig aus der Haft entlassen worden war. Johnson machte die laxen Antiterrorgesetze früherer Labour-Regierungen verantwortlich. Unter ihm werde kein Terrorist vorzeitig freigelassen, versprach Johnson. Der Vater eines Opfers warf dem Premierminister indes vor, den Tod seines Sohns zu instrumentalisieren, um politisch zu punkten.

Im Video: Die Brexit-Wahl - Wie das britische Wahlsystem funktioniert

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Auch die Angst vor Kriminalität könnte die Wahlentscheidung einiger Bürger beeinflussen. Seit 2010 ist die Zahl der Polizisten stark gesunken. Tories und Labour überbieten sich mit Vorschlägen, neue einzustellen.

Klimapolitik

Seit der Wahl 2017 ist der Klimawandel ein großes Thema geworden. Alle Parteien sehen Handlungsbedarf. Aber sie sind sich nicht einig, was zu tun ist. Die Tories kündigten ein Fracking-Verbot an. Sie haben das Ziel ausgegeben, Großbritannien bis 2050 CO2-neutral zu machen.

Oppositionsführer Corbyn: Grüne Pläne, schlechte Beliebtheitswerte

Oppositionsführer Corbyn: Grüne Pläne, schlechte Beliebtheitswerte

Foto: NEIL HALL/EPA-EFE/REX

Labour will Klimaneutralität schon 2030 erreichen. Im Wahlprogramm ist von einem "Green New Deal" die Rede, der eine Million neue Stellen in grünen Industrien schaffen soll. Labour verspricht zudem 9000 neue Windräder und drei Gigafactories nach Tesla-Vorbild, in denen unter anderem Batterien hergestellt werden sollen. Die Tories planen nur eine solche Fabrik.

Spitzenpersonal

Für viele Wähler ist die Frage entscheidend: Wer wird künftig Premierminister? Johnsons Problem ist mangelnde Glaubwürdigkeit. Er hat mehrfach sein Wort gebrochen. So versprach er den Brexit für den 31. Oktober, komme, was wolle. Dann stimmte er einer Verlängerung der Frist zu. Zudem gab es Kritik an ihm, weil er während seiner Zeit als Londoner Oberbürgermeister eine Beziehung zu der amerikanischen Unternehmerin Jennifer Arcuri gehabt haben soll. Der Vorwurf: Sie soll in dieser Zeit von öffentlichen Aufträgen profitiert haben, auf die Johnson Einfluss hatte.

Doch im Vergleich mit Corbyn steht Johnson noch ziemlich gut da. Der Labour-Chef gilt als unbeliebtester Politiker Großbritanniens. Ein Grund: Corbyn soll bei Antisemitismus innerhalb seiner Partei weggeschaut haben.