Jörg Schindler

Wahl in Großbritannien Die Gänse haben für Weihnachten gestimmt

Boris Johnson hat die Wahl haushoch und geradezu triumphal gewonnen, er kann jetzt durchregieren. Verloren haben Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität.
Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street: Endlich ist er am Ziel - und kann jetzt durchregieren

Premierminister Boris Johnson in 10 Downing Street: Endlich ist er am Ziel - und kann jetzt durchregieren

Foto: Andrew Parsons/ imago images

Da belügt also einer - vom ersten Tag im Amt an - sein Land und seine Königin. Widerspruch in seiner Partei begegnet er, indem er die Widersprechenden hochkant hinauswirft. Das Parlament verhöhnt er bei jeder sich bietenden Gelegenheit als Quasselbude, um ihre Unversehrtheit bangende Abgeordnete gibt er der Lächerlichkeit preis. Den Medien, sobald unbotmäßig, droht er mit harschen Konsequenzen. Den Menschen, die seine Partei über bald zehn Jahre geschröpft hat, verspricht er urplötzlich das Blaue vom Himmel. Nachfragen dazu weicht er aus - oder beantwortet sie mit neuen Lügen.

Und was machen die Menschen? Sie wählen ihn mit überwältigender Mehrheit wieder ins Amt.

Jetzt ist Boris Johnson also endlich am Ziel. Und er hat diese Wahl, die dritte in viereinhalb Jahren, nicht nur gewonnen, er hat in einer Art und Weise triumphiert wie seit Jahrzehnten kein Brite mehr vor ihm.

Johnson hat die Labour-Partei in eine Krise gestürzt, von der sie sich auf Jahre hinaus nicht erholen wird. Er hat, als erster Konservativer seit Menschengedenken, die rote Labourwand in der Mitte und im Norden Englands durchbrochen und Wähler auf seine Seite gezogen, deren Abneigung gegen Konservative angeboren schien. Er hat nahezu alle Polit-Rebellen, auch in den eigenen Reihen, aus dem Weg geräumt, die sich seinem Brexit-Kurs entgegenstemmten.

Boris Johnson kann fortan praktisch tun und lassen, was er will. Er hat keine natürlichen Feinde mehr.

Man muss nicht Sozial- oder Liberaldemokrat sein, um von diesem Erdrutsch, der sich da in England ereignet hat, schockiert zu sein. Denn die eigentlichen Verlierer dieser Wahl sind nicht die Labour-Partei und die vielen Stimmen der Vernunft auf allen Seiten des politischen Spektrums. Die eigentlichen Verlierer sind Anstand, Aufrichtigkeit und Integrität.

Mit diesem Wahlergebnis - und diesem Sieger - hat sich Großbritannien in den wachsenden Klub jener Länder verabschiedet, die demokratischen Wettstreit, die Suche nach Kompromissen und faktenbasierte Entscheidungsfindung bestenfalls noch als lästige Pflichterfüllung begreifen. An ihre Stelle sind nun auch im selbsternannten Mutterland der modernen Demokratie das Recht des Stärkeren, die Macht der Lüge und die Eliminierung von Widerspruch um jeden Preis getreten. Donald Trump sieht es mit Wohlwollen. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, die Briten vom alten Kontinent loszueisen. Er wird weiter lustvoll daran arbeiten. Und mit Boris Johnson hat er einen jetzt ungeheuer mächtigen Verbündeten, der ihm nicht nur äußerlich ähnlich ist.

Keiner weiß, was Johnson mit seiner Machtfülle nun anstellen wird . Der Mann, für den nach oben zu kommen so viel leichter ist als oben zu sein, weiß das vermutlich selber nicht. Kann sein, dass er sich nun tatsächlich als der liberale, moderate Konservative entpuppt, den noch immer manche in ihm zu sehen glauben. Als einer, der kittet, was er zerdeppert hat. Der endlich damit beginnt, auch auf die 48 Prozent der Briten zuzugehen, die 2016 für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt haben. Und der seine Tory-Partei wirklich behutsam auf einen neuen Kurs führt, damit sie die wachsende Armut und die groteske Ungleichheit im Land nicht länger ignoriert.

Kann aber auch sein, dass der nun endgültig entfesselte Johnson seinen zerstörerischen Kurs fortsetzt, mit dem er seit seinem Amtsantritt das Vereinigte Königreich überrollt hat. Dass er die Schotten und Nordiren weiter vor den Kopf stößt.

Und dass er sein Land so weit wie möglich weg führt von der EU, um das gesellschaftszersetzende Deregulierungs- und Privatisierungswerk seiner Vorgänger fortzusetzen - mit Niedrigsteuersätzen und einem Hire-and-fire-Arbeitsmarkt, wie man es auf der anderen Seite des Atlantiks gewohnt ist. Trump und die nun erstarkten Brexit-Radikalen in seiner eigenen Partei werden Johnson massiv dazu drängen. Egal, wie hoch der Preis sein mag.

Im Video: Wahlsieg in Großbritannien - Erstes Statement von Boris Johnson

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Man sagt, Gänse würden nie für Weihnachten stimmen. In Großbritannien haben sie es doch getan. Jetzt sollten sie hoffen, dass die Feiernden noch rechtzeitig zu Vegetariern werden.

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