Nach der Großbritannien-Wahl L wie Labour, Liberale, Loser

Lange galten sie als Alternative zu Boris Johnsons Brexit-Populismus. Doch Labour und Liberaldemokraten haben die Wahl in Großbritannien verloren. Beide Parteichefs treten ab. Wie kam es zu diesem Debakel?
Labour-Chef Jeremy Corbyn nach der Wahl: Abschied einer umstrittenen Kultfigur

Labour-Chef Jeremy Corbyn nach der Wahl: Abschied einer umstrittenen Kultfigur

Foto: REUTERSHenry Nicholls

Die beiden Parteien könnten unterschiedlicher kaum sein. Aber seit Donnerstagnacht haben sie eines gemeinsam: Labour und die Liberaldemokraten sind die Verlierer der Unterhaus-Wahlen in Großbritannien. Die Sozialdemokraten, neben den konservativen Tories eine der beiden großen Volksparteien des Königreichs, kamen auf das schlechteste Ergebnis seit 1983, die Zahl der liberalen Sitze im Unterhaus halbierte sich fast. Wie kam es zu diesen verheerenden Resultaten? Und wie soll es nun weitergehen?

Dass Labour diese Wahl nicht gewinnen würde, schien schon im Vorfeld der Wahl klar. Trotzdem hielten sich bis zuletzt Spekulationen, die Partei könnte eine Minderheitsregierung stellen, sollten auch die Konservativen an der absoluten Mehrheit vorbeischrammen. Dieses Szenario wurde deutlich verfehlt - Labour hält nur noch 203 von 650 Sitzen, 42 weniger als bisher. Die Partei hatte der Regierung im Wahlkampf schlicht nicht genug entgegenzusetzen. Charlie Beckett, Medienprofessor an der London School of Economics, bezeichnete die ehemalige Arbeiterpartei während eines Panels am Wahlabend als "katastrophal unnütze Opposition von historischem Ausmaß".

Labours Weg in den Misserfolg

Mehr als alles andere dürfte Labour geschadet haben, dass sich die Partei bis zuletzt nicht klar zum Brexit positioniert hatte. Gegen parteiinternes Drängen, Labour deutlich EU-freundlich zu positionieren, hielt Parteichef Jeremy Corbyn daran fest, einen besseren Deal mit Brüssel aushandeln zu wollen. Das Volk sollte anschließend in einem neuen Referendum zwischen diesem neuen Ausstiegsvertrag und der Annullierung des Brexits entscheiden. Die Idee war zwar grunddemokratisch - aber zu unkonkret, sowohl für die Brexit-Befürworter als auch die -Gegner unter den Labour-Wählern.

Zweitwichtigster Grund für sein Scheitern dürfte der Parteichef selbst gewesen sein. Jeremy Corbyn mobilisierte zwar in den vergangenen zwei Jahren viele junge Wähler und genießt in Teilen der Partei den Status einer linken Kultfigur. Noch am Vorabend der Wahl standen vorwiegend junge Menschen in London mehrere Hundert Meter Schlange, um ihn sprechen zu hören, "Oh, Jeremy Corbyn"-Sprechchöre erklangen stundenlang, gesungen zur Melodie des Stadionklassikers "Seven Nation Army".

Doch für das Gros der Briten galt Corbyn als unwählbar. Der 70-Jährige zog mit den niedrigsten Zustimmungswerten eines britischen Oppositionsführers seit den Siebzigerjahren in die Wahl ein. Das liegt vor allem an seinem harten Linkskurs, seiner früheren Unterstützung der irischen Unabhängigkeitsbewegung - und an seinem Unvermögen, sich für den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu entschuldigen oder etwas gegen diese Tendenzen innerhalb der Partei zu unternehmen. Er gab Freitag bekannt, die Partei nicht in die nächste Wahl führen zu wollen.

Dritter Grund für das Scheitern von Labour war das Parteiprogramm: Es war so links, dass es selbst vielen Parteilinken zu heikel erschien. Die Absetzbewegung vom sozialdemokratischen Kern der Partei war ambitioniert, aber nicht massentauglich genug für eine Partei der Mitte, als die sich Labour bei dieser Wahl hätte behaupten müssen. Die Devise "Hohe Steuern, extrem hohe Ausgaben" entpuppt sich nun als sehr unkluges Wahlversprechen.

Im Wahlkampf hätte sich eigentlich die volle Stärke der Partei entfalten sollen - so wie vor der Wahl 2017, als Labour noch in den letzten Wochen massiv aufholte und der damaligen Premierministerin Theresa May ihre Mehrheit streitig machte. Doch statt mit Bürgernähe zu punkten, verkalkulierte sich Corbyns Parteiführung und setzte ihre Ressourcen falsch ein. Mit einem starken Fokus auf die Wechselwählerwahlbezirke vernachlässigte sie ihr vermeintlich sicheres Terrain entlang der "roten Mauer" in den Midlands und in Nordengland - und verlor dort etliche Stammsitze an die Tories.

Andere Partei, ähnliches Schicksal

Vergeblich gegen den Brexit: Liberalen-Chefin Jo Swinson, nachdem sie ihren Sitz verloren hat

Vergeblich gegen den Brexit: Liberalen-Chefin Jo Swinson, nachdem sie ihren Sitz verloren hat

Foto: AFP/Paul Ellis

Ganz andere Vorzeichen gibt es bei den Liberaldemokraten, vor allem, was ihr Wirtschaftsprogramm und die Parteiführung betrifft. Trotzdem ereilte die Partei ein ähnliches Schicksal wie Labour: Sie erlitt bei der Wahl eine empfindliche Niederlage. Mit nunmehr elf von insgesamt 650 Sitzen im Unterhaus, ist ihr politischer Einfluss so gut wie dahin. Zwar ist das Ergebnis kaum schlechter als das bei der Wahl von 2017, wo die Partei zwölf Sitze erhielt, allerdings liefen seitdem mehrere Abgeordnete von Labour und Tories zu den Liberaldemokraten über. So kam die Partei zuletzt auf 21 Sitze und profilierte sich zeitweise als Anlaufpunkt für Parlamentarier, die sich demonstrativ vom hartem Brexit-Kurs Boris Johnsons und seinen umstrittenen Aktionen zur Auflösung des Parlaments distanzieren wollten. Trotzdem verlor die Partei, statt hinzuzugewinnen.

Das liegt einerseits am Brexit-Kurs der Partei. Die Liberaldemokraten positionierten sich als einzige wirklich entschlossen gegen den Austritt aus der EU - was ihnen anfangs großen Zuspruch sicherte. Zeitweise konnten sich rund 20 Prozent der Briten vorstellen, "LibDem" zu wählen. Allerdings überspannte Parteichefin Jo Swinson für viele den Bogen, als sie ihre einstige Forderung nach einem zweiten Referendum radikalisierte und verkündete, den Brexit stattdessen per Gesetz abschaffen zu wollen. Das sahen viele Bürger als bevormundend und undemokratisch an, sagt Iain Anderson, Berater für politische Risikoberwertung in London. Diese Wähler liefen zu Boris Johnson über, nachdem dieser sein Abkommen mit der EU präsentiert hatte.

Zudem konnte Jo Swinson wohl schlicht nicht mit dem Bekanntheitsgrad ihrer beiden Konkurrenten Johnson und Corbyn mithalten. Sie war erst ein halbes Jahr vor der Wahl Parteivorsitzende geworden. Besonders herb dürfte sie der Misserfolg in ihrem eigenen Wahlkreis East Dunbartonshire getroffen haben - sie verlor mit nur 149 von über 50.000 Stimmen gegen die nationalistische schottische SNP. Swinson gab am Tag nach der Wahl ihren Rücktritt als Parteichefin bekannt.

Letztlich machte den Liberaldemokraten aber wohl das britische Wahlrecht einen Strich durch die Rechnung. Es sieht keine Zweitstimme vor und ist auf ein Zweiparteiensystem ausgelegt. Eine kleine Partei wie die Liberaldemokraten zu wählen, bedeutet in den meisten Fällen also, seine Stimme zu verschenken. So stehen hinter den elf Sitzen der Liberalen immerhin 11,5 Prozent der Wählerstimmen - diese haben aber eben nur zu 1,7 Prozent der Sitze im Parlament geführt.

Am Ende haben sich Labour und Liberaldemokraten auch gegenseitig die Stimmen der Brexit-Gegner streitig gemacht - und so in einigen Wahlkreisen die Konservativen zur stärksten Kraft gemacht. Das hätte durch taktisches Wählen verhindert werden können, aber das hätte eine bessere Koordination zwischen den so unterschiedlichen Parteichefs erfordert. Jetzt eint sie das Scheitern.