Britische Wechselwähler und der Brexit Keine sichere Bank

Noch nie war ein Wahlausgang in Großbritannien so schwer vorherzusagen: Wähler - und Abgeordnete - wechseln zwischen den Parteien. Am Ende dürfte diesmal der Brexit entscheiden.

House of Commons in Westminster: Wer sitzt nach der Wahl auf diesen Bänken?
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House of Commons in Westminster: Wer sitzt nach der Wahl auf diesen Bänken?

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Mitte Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Mal wieder. Forscher sprechen von der unberechenbarsten Wahl seit Jahrzehnten in Großbritannien - und das, nachdem fast die Hälfte der Wähler bereits bei den drei Wahlen zwischen 2010 und 2017 zwischen den Parteien wechselte.

Einen noch "nie dagewesenen Trend zur Volatilität" haben Wissenschaftler in einer großangelegten Studie, der British Election Study (BES), ausgemacht:

  • Bei der Wahl 2017 haben so viele Wähler zwischen den konservativen Tories und der Labour-Partei gewechselt wie noch nie.
  • Mehr als zehn Prozent der Wähler, die bei der Wahl 2015 für eine der beiden großen Parteien stimmten, wählten 2017 die andere.

Und nicht nur die Wähler wechseln hin und her, auch unter den Abgeordneten schwindet die Loyalität zum eigenen Lager: Mehr als ein Zehntel der 650 Abgeordneten haben seit der Wahl im Jahr 2017 ihre Partei verlassen und sind nun als Unabhängige, für eine andere Partei oder, nach einer dieser Stationen, wieder als Abgeordnete ihrer Ursprungspartei im Unterhaus. Wenn sich nicht mal die Abgeordneten festlegen - wie sollten es die Wähler tun?

Wählerwanderung zwischen den Parteien bei den Wahlen 2015 und 2017
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Eigentlich war alles ganz einfach. Lange galt: Wer den "Median-Wähler" am besten verstand, der konnte im Zentrum der Gesellschaft punkten. Der Median-Wähler meint in der politischen Ökonomie den "Wähler der Mitte", zu dessen Seiten sich ein Zweiparteiensystem in ein rechtes Lager und ein linkes aufteilt. Die Partei, die es schafft, diesen Median-Wähler auf ihre Seite zu bekommen, hat die Mehrheit.

Statt zwei Parteien gibt es nun - mindestens - vier Parteien

Das gelang der Labour-Partei und den Tories in der Vergangenheit gleichermaßen: Die beiden großen Parteien stellten mit dieser Taktik abwechselnd die Regierung in Westminster. Parteien, die sich auf Randgruppen und besondere Belange konzentrierten, hatten keine Chance.

Aus der einst übersichtlichen Zweiparteienlandschaft ist aber mittlerweile eine Vierparteienlandschaft mit zerklüfteten Ausläufern geworden:

  • Labor und Tories werden jetzt von den europafreundlichen Liberaldemokraten und der Brexit-Partei flankiert. Diese haben zwar deutlich niedrigere Zustimmungswerte, treiben die beiden großen Parteien aber beim Thema Brexit vor sich her. Außerdem müssen die großen Parteien sie für die Zeit nach der Wahl als mögliche Bündnispartner im Parlament warmhalten.
  • Dazu kommen noch schottische und walisische Nationalisten, in Schottland ist die SNP mit rund 40 Prozent stärkste Kraft.
  • In Nordirland halten sich die probritannische DUP und die irisch-republikanische Sinn Féin fast die Waage.

Hinzukommt: Lange Zeit hatten die beiden großen Parteien ihre Basis in unterschiedlichen sozialen Klassen - Labor als Arbeiterpartei, die Konservativen bei Wohlhabenderen. Sie profilierten sich vor allem entsprechend ihrer linken und ihrer konservativen bis neoliberalen Wirtschaftspolitik.

Zwei neue Blöcke - Brexit oder Bleiben

Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte des Königreichs sind den Wählern nun jedoch Europa und Immigration als Themen genauso wichtig wie die Wirtschaftspolitik der Parteien. Einerseits vermischt der Brexit als alles überlagernde Frage nun die vormals distinkten Lager - sowohl gibt es Labour-Wähler, die den Brexit wollen, als auch EU-freundliche Tories. Vor allem schafft er jedoch zwei neue Blöcke - Brexit oder Bleiben. Die Folge:

  • Die Tories können mittlerweile mit ihrem harten Brexit-Kurs in ländlichen Gegenden punkten, wo klassische Labour-Wähler sich abgehängt und von der Globalisierung überfordert fühlen.
  • Der in Bezug auf den Brexit moderatere Kurs von Labour zieht derweil auch junge weltoffene Wähler an, die sich zuvor habituell eher bei den Konservativen einordneten, Premier Boris Johnsons Kurs auf einen ungeregelten Austritt aus der EU aber ablehnen. 31 Prozent der Wähler, die 2015 noch die Konservativen wählten, aber 2016 gegen den Brexit stimmten, haben die Partei bei der Wahl 2017 nicht wiedergewählt.

Wo sich vorher die gesamte Wählerschaft zwischen linker und konservativer Wirtschaftspolitik entschied, hat nun jeder der beiden Blöcke - Brexit und Bleiben - seinen eigenen mittleren Wähler.

Gewinnen wird in Summe der größere Block, und hier gilt es wiederum, den Median-Wähler zu gewinnen - daran hat sich nichts geändert. Diese Strategie fährt Boris Johnson mit den Tories. Er hat sie klar als Austrittspartei positioniert und setzt voll auf den Brexit-Block. Dort muss er nun den mittleren Wähler gewinnen, gegen radikalere Konkurrenten wie die Brexit-Partei und moderatere Brexit-Befürworter aus der Labour-Partei.

Es scheint also, als sei der Median-Wähler nicht verschwunden, sondern habe einen Zwilling bekommen. Welcher der beiden Median-Wähler letztendlich der entscheidende sein wird, der im Brexit- oder im Bleiben-Block, steht noch nicht fest - es ist schließlich die unsicherste Wahl seit Jahrzehnten.



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hausfeen 08.11.2019
1. Weil das Parlament Brexit mit, Brexit ohne Deal oder Remain ncht ...
... abbildet. Sowohl die Torys wie auch Labour haben alles drei in ihren Reihen.
Knosa 08.11.2019
2. Gute Analyse
Genau dies belegt, warum eine Neuwahl das Brexit Problem nicht lösen wird. Was niemand weiß, entscheidet sich der Tory Wähler, der pro Europa ist, weiterhin für die Tories und schluckt die Brexit Kröte. Oder ist ihm Remain so wichtig, dass er sich für 5 Jahre mit der Politik von LibDem oder Labour anfreunden kann? Einzig ein weiteres Referendum mit entsprechenden Wahlmöglichkeiten und sachlicher Aufklärung könnte das Brexit Problem lösen.
checkitoutple 08.11.2019
3. Es war purer Egoismus gepaart mit Dummheit von Johnson
Neuwahlen zu fordern. Viel besser wäre einneues Referendum mit den drei Alternativen gewesen.Also Brexit pur Brexit mit Vertrag und Remain. Das ganze in zwei Stufen. Danach hätte sich keiner mehr Beschweren können, so wird die Parteienlandschaft wohl Jahrzehnten unter der MAchtgier Jahnsons leiden. Schade!
M. Vikings 08.11.2019
4.
Zitat von KnosaGenau dies belegt, warum eine Neuwahl das Brexit Problem nicht lösen wird. Was niemand weiß, entscheidet sich der Tory Wähler, der pro Europa ist, weiterhin für die Tories und schluckt die Brexit Kröte. Oder ist ihm Remain so wichtig, dass er sich für 5 Jahre mit der Politik von LibDem oder Labour anfreunden kann? Einzig ein weiteres Referendum mit entsprechenden Wahlmöglichkeiten und sachlicher Aufklärung könnte das Brexit Problem lösen.
Wie wäre die Fragestellung für so ein Referendum? Das momentane Parlament wäre nicht einmal in der Lage, sich auf eine Fragestellung zu einigen. Das Referendum kann nur unverbindlich sein, so hat der Supreme Court entschieden. Am Ende entscheiden die Parlamentarier, und die haben die selben Optionen, wie auch heute. Brexit ohne Vertrag, Johnson EU Vertragsentwurf, May-Abkommen, Rücknahme des Artikel 50, Fristverlängerung. Der einzig sichere Effekt wäre, mindestens ein zusätzliches halbes Jahr ohne Entscheidung.
Gluehweintrinker 08.11.2019
5. Die Hoffnung ist immer grün
Wie man an den USA und auch an Großbritannien sieht, neigen Zweiparteiensysteme zu gegenseitiger Zerfleischung und Aushebung unüberbrückbarer Gräben. Man stelle sich nur "Grokos" in diesen Ländern vor - das kann man sich nicht vorstellen. Wie wir gerade erfahren, profitiert die Grüne Partei des UK vom Zwist zwischen Tories und Labour und vielleicht sogar die Liberaldemokraten. Das politische Spektrum ist eben größer als es nur zwei Erzfeinde abbilden können, auch in den USA und es wird höchste Zeit, dass diese Stimmen gehört werden. Ja, Regierungsbildung wird schwierig unter aktuell zu beobachtenden Umständen wie in Thüringen, aber es besteht immerhin die Chance, dass sich ein komplexer Meinugngsbildungsprozess herausbildet. Das dürfte eher zu befürworten sein als die ewigen Schlammschlachten wie wir sie seit Jahren erleben. Und: Politik wird interessanter unter diesen Bedingungen und kann sogar Nichtwähler mobilisieren - auch wenn deren bevorzugte Partei keine Lösungen zu bieten hat.
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