Britischer Wahlkampf Die Corbyn-Armee

Die Momentum-Bewegung könnte die Wahlen in Großbritannien entscheiden: Tausende linke Aktivisten wollen Labour-Chef Jeremy Corbyn zum Sieg verhelfen. Sie haben es schon einmal fast geschafft.

Corbyn-Anhänger bei einer Kundgebung von Momentum 2016: Einflussreiche Truppe
Jeff J. Mitchell/Getty Images

Corbyn-Anhänger bei einer Kundgebung von Momentum 2016: Einflussreiche Truppe

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Wahlkampf in Großbritannien - das ist längst auch ein knallharter Video-Wettbewerb. Eines der Filmchen, das die unterschiedlichen Seiten derzeit über die sozialen Netzwerke abfeuern, geht so: Ein geschniegelter Anzugträger und eine Frau im Blazer berichten fröhlich, warum die Menschen lieber nicht zur Wahl gehen sollten. Eine hohe Beteiligung schade nämlichen den Tories. "Wir in der Konservativen Partei wollen Ihre Stimme nicht", sagt die Frau. Mehr als 1,2 Millionen Mal wurde das Video auf Facebook angeklickt.

Natürlich sind darin keine echten Tories zu sehen. Es ist vielmehr eine ironische Verballhornung der Regierungspartei von Premier Boris Johnson. Witzige Aufnahmen mit ernster Botschaft sind offenbar besonders erfolgreich. Und die Großmeister darin sind in Großbritanniens Politik längst eine der mächtigsten Gruppen außerhalb des Parlaments: Momentum.

Die linke Graswurzelbewegung hat ihren Sitz in einem Büro im nördlichen London. Von dort aus arbeiten inzwischen mehr als 50 Festangestellte an ihrem großen Ziel, das sie 2017 nur knapp verfehlten: Sie wollen Jeremy Corbyn zum neuen Premierminister machen.

Labourchef Jeremy Corbyn mit Anhängern im nordenglischen Renishaw
Oli Scarff/AFP

Labourchef Jeremy Corbyn mit Anhängern im nordenglischen Renishaw

Dabei stecken sie mehr Energie denn je in eine Digitaloffensive. Videos und Anzeigen in den sozialen Netzwerken sind nur ein Baustein davon. Momentum hat neue Webseiten gestartet, die Studenten fern der Heimat zeigen, in welchen Wahlkreisen ihre Stimmen am dringendsten gebraucht werden. Und über andere Portale koordinieren sie ihre Unterstützer vor Ort. Denn Momentum ist vor allem eines: eine Massenbewegung.

2015 von Corbyn-Unterstützern gegründet

Über 40.000 Mitglieder zählt die Organisation inzwischen - und das, obwohl sie zwar eng mit Labour verwoben ist, jedoch keine eigene Partei ist. Und obwohl es Momentum erst seit gut vier Jahren gibt.

Eine Gruppe Altlinker und Aktivisten hatte dem früheren Hinterbänkler Jeremy Corbyn 2015 überraschend an die Labour-Spitze getragen. Anschließend suchten sie nach einer Gelegenheit, ihre Kräfte nachhaltig zu institutionalisieren - Corbyns Macht zu sichern und Labour nach Jahren wirtschaftsnaher Politik der Mitte wieder auf einen strammen Linkskurs zu führen. Sie gründeten Momentum.

Chef der Gruppe ist bis heute Jon Lansman, einer der einflussreichsten Strippenzieher in der britischen Politik. Anfang der Achtzigerjahre hatte Lansman den Labour-Linken Tony Benn unterstützt. Später verlor der linke Flügel an Bedeutung - und mit ihm auch Lansman. Mit Corbyn sah er seine neue Chance gekommen - und nutzte sie.

Linksaußen-Aktivist Jon Lansman
Daniel Leal-Olivas/ AFP

Linksaußen-Aktivist Jon Lansman

Lansman sitzt heute im Parteivorstand. Über Momentum war er in den vergangenen Jahren für eine regelrechte Beitrittswelle junger Linker in die Labour-Partei verantwortlich. Seine Macht demonstrierte er erst kürzlich auf dem Labour-Parteitag in Brighton. Dort startete er einen Versuch, den moderaten Tom Watson von seinem Posten als Vize-Labourchef zu drängen. Lansman kam damit zwar zunächst nicht durch. Watson warf kurz darauf trotzdem hin. Der Druck war zu groß geworden.

Entscheidende Rolle im Wahlkampf

Es sind Leute wie Lansman die Momentum den Ruf eingebracht haben, eine Truppe Linksextremer zu sein, die Labour unterwandert hat. Die Bewegung tritt offiziell für eine "radikale Transformation" in Großbritannien ein, für Umverteilung und Verstaatlichung.

Klar ist: Ohne sie wäre ein Labour-Wahlkampf kaum mehr vorstellbar. Bei den Neuwahlen 2017 fluteten die Momentum-Aktivisten regelrecht diverse Wahlkreise, zogen von Haustür zu Haustür, bearbeiteten zweifelnde Wähler. Am Ende gelang Corbyn binnen sechs Wochen eine kaum für möglich gehaltene Aufholjagd. Labour kletterte bis zur Wahl von 27 auf über 40 Prozent der Stimmen.

Eine ähnliche Dynamik will Momentum nun wieder entwickeln. Und das wäre für Labour auch bitter nötig. In den Umfragen steht die Partei derzeit bei gut 30 Prozent - weit hinter Johnsons Tories, die sich über der 40-Prozent-Marke halten.

Mitglieder strömen in umkämpfte Wahlkreise

Damit die Wende gelingt, will Momentum diesmal noch professioneller vorgehen. Die Organisation, die sich nach eigenen Angaben hauptsächlich über ihre Mitglieder finanziert, hat einen "Plan fürs Gewinnen" formuliert. Die Wochen bis zur Wahl seien "die wichtigsten unseres Lebens", heißt es. Entweder bekomme man "Sozialismus mit Jeremy Corbyn oder Desaster-Kapitalismus mit Boris Johnson".

Die Gruppe ruft mit Nachdruck ihre Anhänger dazu auf, sich im Wahlkampf mehrere Tage Urlaub zu nehmen, um in den Wahlkreisen zu helfen. "Labour legends" heißt das Programm. Über tausend Menschen haben das zugesagt. Sie werden zentral gesteuert auf jene Gegenden verteilt, in denen es besonders knapp zugeht. 2017 wurden allein elf Wahlkreise mit weniger als hundert Stimmen Unterschied gewonnen.

Unterstützung erhalten die Linken aus den USA. Anhänger von Bernie Sanders, der für die Demokraten gegen Donald Trump antreten will, geben den Momentum-Aktivisten in Telefonkursen Tipps für schwierige Haustürgespräche - und damit für den Großangriff auf den bisherigen Wahlfavoriten: auf Boris Johnson.



insgesamt 12 Beiträge
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mostly_harmless 03.12.2019
1. Tststststs ....
Tausende Bürger Großbrittanniens setzen sich also ehrenamtlich, friedlich und engagiert dafür ein, dass der Politiker die Wahlen gewinnt, der nach Ansicht dieser Leute die Wahl gewinnen sollte. Das ist ja schrecklich!.Grauenhaft! Man möchte fast (aber nur fast) sagen: Das ist Terror! Spannend auch Verwendung der Begriffe "Armee", "Altlinker", die Bezeichnung von Corbyn als Hinterbänkler, Verwendung des Terms "fluteten", Vertreter des rechten Flügel von Labour werden - man konnte es vermuten - als "moderat" bezeichnet und nicht als rechts (wie ganz allgemein der rechte Flügel linker Parteien nie rechter Flügel genannt wird). etc. pp. Sehr spassig!
Outdated 03.12.2019
2. corbyn weigert sich seit Jahren
Stellung zum Brexit zu beziehen, auch weil er dem selber wohl positiv sieht, dementsprechend verweigert er sich dem zentralen Wahlkampfthema. Aufgehen kann die Rechnung trotzdem weil der Wahlkampf in GB mit jeder weiteren Partei mehr zu einem Glückspiel wird. Es ist aber auch sehr gut Möglich das er für einen totalen Sieg der tories sorgt.
fahrgast07 03.12.2019
3. Wahlwerbung im Spiegel?
Verzweifelt versucht die deutsche Presse, linke Politik herbeizuschreiben. Dumm nur, dass die Mehrheit genau das nicht will. Und so wird Corbyn genauso scheitern wie die Demokraten in den USA. Nicht dass ich Johnson oder Trump irgendwie ausstehen könnte - aber solange die Opposition nur Linksaußen aufstellt, hat die andere Seite die Siege sicher.
emoratio 03.12.2019
4. Ob Links oder Rechts
bei der Wahl in England gewinnen sollen, mag jeder gerne nach seinen Vorlieben entscheiden. Doch diese Vorliebe für eine politische Richtung ist dann zu überdenken, wenn eine Partei ihren Wahlkampf mit drastisch vielen Lügen aufbaut. Boris Johnson sagt nun mal nachweisbar häufiger die Unwahrheit (z. B. zum Brexit) als die Vertreter seiner politischen Gegner. Sollte da nicht besser mal ein dickes Ausrufezeichen für politische Kultur durch den Wähler gesetzt werden? Wählt nicht nach eurer politischen Meinung, gebt der demokratischen Politik ein Zeichen, dass Aufrichtigkeit ein so hoher Wert ist, dass er entscheidend für die Bildung einer Regierung ist. Werte, die allgemein anerkannt sind, machen uns stolz auf unsere Kultur.
chewbakka 03.12.2019
5. Unverständlich
Wieso sich immer wieder stramm Linke finden, die das tote linke Pferd reiten wollen. Sind doch in über 100 Jhren Geschichte - egal wo und von wem - ALLE Versuche, ein linkes System erfolgreich zu etablieren im besten Fall krachend gescheitert - in schlechteren Fall kam sowas wie Stalin, Mao, Pol-Pot dabei heraus.Fest steht jedenfalls, daß diese Anhänger einer erwiesenermaßen nicht umsetzbaren Idee immer wieder von der Hoffnung, es könnte ja doch funktionieren leiten lassen - entgegen aller Erfahrungen. Ist ja auch nicht sooo verwunderlich - die ganze Idee und der Ideologische Unterbau wurde von einem ansonsten erfolglosem deutschen Theoretiker geschaffen, der sich zeit Lebens, um ein Dach über dem Kopf und Butter aufs Brot zu haben, von einem Vertreter der 'Klasse' hat aushalten lassen, die er eigentlich mit seiner Ideologie bekämpfte.
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