Großdemo in Russland Putin-Gegner trotzen General Frost

In Moskau herrschen 20 Grad minus, doch das hält Russlands Opposition nicht davon ab, gegen das System Putin zu protestieren. Zehntausende Menschen haben sich zu einer Großdemo versammelt - darunter Kommunisten und ein Multimilliardär, vereint im Kampf gegen die Ein-Mann-Herrschaft.

DPA

Von , Moskau


Der Kreml hat seit Jahrhunderten einen treuen Verbündeten. General Moros nennen sie ihn in Russland, General Frost auf Deutsch. Er dezimierte Napoleons "Grande Armée" bei ihrem Invasionsversuch in Russland, im Zweiten Weltkrieg stoppte er den Vormarsch der deutschen Wehrmacht auf Moskau.

2012 setzt General Frost Russlands Protestbewegung gegen den Kreml zu: Am Samstagmorgen, bevor sich die Putin-Gegner in Moskau sammeln wollen, melden die Meteorologen unbarmherzige minus 20 Grad. Der Moskwa-Fluss ist fest zugefroren, selbst der Nachrichtenstrom beim Kurznachrichtendienst Twitter scheint vereist: "Was ist los, warum schreibt niemand oder postet Fotos?", beschwert sich da Wladimir Warfolomejew vom Radiosender Echo Moskaus. Russlands Blogger, bislang treibende Kraft der Proteste, sind zwar bereits auf den Straßen. Doch es ist zu kalt für Fotos, Tweets und für iPads, deren Touchscreen mit Handschuhen nicht funktioniert.

Der Kreml hat die Demo-Organisatoren gewähren lassen und Straßen für den Protestmarsch gesperrt. Ein paar Garstigkeiten aber hält die Staatsmacht dennoch bereit: Die Polizei hat das Mitbringen von Thermoskannen mit heißem Tee verboten. Während erste Demonstranten im Pavillon der Metro-Station Oktjabrskaja warten, rufen Polizisten: "Sammelt euch draußen, wem kalt ist, der soll heimfahren."

"Es fühlt sich wärmer an, als es ist"

Doch es fährt niemand heim, Zehntausende trotzen der Kälte und dem Kreml. Die Organisatoren sprechen von 120.000 Teilnehmern, die Polizei zählt immerhin 36.000. Viele tragen Mützen und Mäntel aus Pelz und an den Füßen Walenki, traditionelle russische Filzstiefel. Kleine Eiszapfen zieren die Bärte männlicher Demonstranten. Sie fordern ehrliche Wahlen, den Rücktritt des Chefs der Putin-hörigen Wahlkommission und mehr politische Freiheiten. Manche skandieren "Russland ohne Putin". Der Internet-TV-Sender Doschd überträgt live, aus einem Studio unter freiem Himmel.

Ob das reicht, um den mächtigsten Mann des Landes aus dem Amt zu jagen? Um seine Wahl zum Präsidenten im Frühjahr zu verhindern? Noch deuten Umfragen auf eine - wenn auch knappe - Mehrheit für Putin hin. Doch ebenso klar ist auch: Unangefochten kann Putin nicht mehr regieren, der regelmäßige Protest Hunderttausender wird irgendeine Wirkung zeigen müssen.

"Das Wetter ist wunderbar", sagt Walerija, 20, eine Studentin. "Fühlt sich wärmer an, als es ist." General Frost mag Deutschen und Franzosen zugesetzt haben, der Kreativität der Putin-Gegner vermag er offenbar wenig anzuhaben, die Kundgebung gerät zum Protest-Karneval. Ein Demonstrant hat sich aus Pappe den Gefechtsturm eines Panzers auf den Kopf geschnallt, andere tragen ein Pappkrokodil durch die Menge. Ein junger Mann stakst auf Stelzen durch die Menge. Er hat sich ein Plakat mit einem Schachbrett um den Hals gehängt. Ein einsamer schwarzer König steht darauf für Putin, umstellt von vielen weißen Bauern. "Wir sind viele", ruft er.

Es ist ein buntgeschecktes Bündnis, das da durch Moskau marschiert - verbunden allein durch die Ablehnung Putins. Hinter den weißen Luftballons der bürgerlichen "Liga der Wähler" flattern die Fahnen von Nationalisten und Neofaschisten. In ihrem Rücken sammeln sich Kommunisten und Stalin-Anhänger, ein paar Meter weiter läuft der Präsidentschaftskandidat Michail Prochorow im weißen Schal und weißer Mütze, mit 18 Milliarden Dollar Russlands drittreichster Mann.

Allerdings darf man auch nicht vergessen: Gleichzeitig mit den Putin-Gegnern sind auch Zehntausende Putin-Unterstützer in Moskau auf die Straße gegangen - für ihren Premierminister. Ihren Protest nennen sie Anti-Orange-Demonstration: Sie wollen eine "orange Revolution" wie in der Ukraine 2004 verhindern.

"Du bist auch nur ein Mann, kein Gott"

Kreativer ist allemal der Anti-Putin-Protest. Ihr Zug stoppt auf Moskaus Bolotnaja-Platz, dem Ort, an dem sich am 10. Dezember Moskaus Unzufriedene zur ersten Großkundgebung getroffen hatten. In Sichtweite liegt der Kreml, Symbol für die fast unbeschränkte Macht von Russlands Führung. "Wir sind keine Opposition", skandiert die Menge. "Wir sind eure Arbeitgeber".

Politiker, Schriftsteller und Journalisten treten ans Mikrofon. Und fünf entschlossen blickende Männer: Michail Wistizkij, ein stämmiger Mann mit Drachentattoo auf dem Oberarm, und seine Musikband. Sie sind Veteranen der russischen Luftlandetruppen. Bei den letzten Demonstrationen hat Wistizkij mit Veteranen-Kameraden die Bühne bewacht. Jetzt steht er selbst darauf. Er singt für die Menge und für Putin.

"Du bist auch nur wie ich, ein Mann und kein Gott.

Ich bin auch so wie du, ein Mann und kein Trottel.

Wir lassen nicht länger zu, dass gestohlen wird und gelogen."

Wenn die Veteranen-Combo probt, zieht Wistizkij gern sein Barett und das für Russlands Soldaten typische blaugestreifte Unterhemd über. Darunter aber trägt er dunkle Anzughosen aus feinem Zwirn und dunkel glänzende Lederschuhe. Wistizkij diente in den achtziger Jahren in der ehemaligen DDR, in Moskau ist er nun ein erfolgreicher Unternehmer. Er gehört zu den Gewinnern des neuen Russland, zur neuen, wohlhabenden Mittelschicht. Trotzdem hat er das Protestlied gegen Putin geschrieben. Eine einfache Melodie, ein stampfender Rhythmus. Mehr als eine Million Menschen haben das Lied bereits auf YouTube gesehen.

"Du bist ein gewöhnlicher Staatsbediensteter", singt Wistizkij gegen den Frost an, "kein Zar und kein Gott."

Er hofft, dass sein Lied zur Hymne der Bewegung wird und hilft, Putin und mit ihm Russlands autokratische Tradition aus dem Kreml zu vertreiben.



insgesamt 51 Beiträge
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sagmalwasdazu 04.02.2012
1. Mutige Russen !
Dieser Wiederstand und Proteste sind sehr sehr mutig ! Wenn Putin so könnte, wie er wollte, gäbe es ein Blutbad nach dem anderen. Das sollte allen Völkern Mut zum Protest geben, um auf die Strassen zu gehen und gegen Unterdrückung Ausbeutung und Vorteilsnahme der Regenten zu kämpfen! Kaum zu glauben !!!
barzussek 04.02.2012
2. Was kommt danach
Zitat von sysopIn Moskau herrschen 20 Grad minus, doch das hält Russlands Opposition nicht davon ab, gegen das System Putin zu protestieren. Mehr als 100.000 Menschen*haben sich*zu einer Großdemo versammelt - darunter Kommunisten und ein Multimilliardär, vereint im Kampf gegen die Ein-Mann-Herrschaft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813373,00.html
Die Proteste gegen Putin sind schön und gut aber was kommt nach Putin Anarchie oder die Herrschaft der Oligarchen die sich Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR schon teilweise unter den Nagel gerissen haben.Da wird sicher keine Demokratie westlichen Musters entstehen
tauroggen1812 04.02.2012
3. Ging die "Blumenrevolution" schief...
Zitat von sysopIn Moskau herrschen 20 Grad minus, doch das hält Russlands Opposition nicht davon ab, gegen das System Putin zu protestieren. Mehr als 100.000 Menschen*haben sich*zu einer Großdemo versammelt - darunter Kommunisten und ein Multimilliardär, vereint im Kampf gegen die Ein-Mann-Herrschaft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813373,00.html
denn Wladimir Putin hat sich überracht gezeigt, dass so viele Menschen (sollen über 130 000 Tausend gewesen sein), welche FÜR ihn auf die Strasse gingen... Also, Blumen, Orangen usw. wieder einpacken und zurück an die Ostküste schicken...?
cato. 04.02.2012
4. ...
Zitat von barzussekDie Proteste gegen Putin sind schön und gut aber was kommt nach Putin Anarchie oder die Herrschaft der Oligarchen die sich Russland nach dem Zusammenbruch der UdSSR schon teilweise unter den Nagel gerissen haben.Da wird sicher keine Demokratie westlichen Musters entstehen
Putin ist einer dieser Oligarchen ... und diese werden mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom Geheimdienst kontrolliert.
savanne 04.02.2012
5. Beachtlich einseitig
Zitat von sysopIn Moskau herrschen 20 Grad minus, doch das hält Russlands Opposition nicht davon ab, gegen das System Putin zu protestieren. Mehr als 100.000 Menschen*haben sich*zu einer Großdemo versammelt - darunter Kommunisten und ein Multimilliardär, vereint im Kampf gegen die Ein-Mann-Herrschaft. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813373,00.html
ist diese Art der Berichterstattung Aber immerhin hat der Spiegel noch einen Satz über die andere Seite gebracht. Allerdings darf man auch nicht vergessen: Gleichzeitig mit den Putin-Gegnern sind auch Zehntausende Putin-Unterstützer in Moskau auf die Straße gegangen - für ihren Premierminister. Im übrigen werde ich höchst mißtrauisch wenn ein 18-facher Milliardär plötzlich für die Demokratie auf die Strasse geht. Aber Hochachtung vor den Demonstranten - gehört schon Mut dazu
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