Großer Ansturm Iran lässt Wahllokale länger offen

Die Iraner wählen einen neuen Präsidenten - und strömen in Massen in die Wahllokale. Wegen des großen Interesses bleiben diese zwei Stunden länger geöffnet. Nach einem Wahlboykott der Reformer sieht es demnach nicht aus.

Wahllokal in Teheran: Viele Bürger geben ihre Stimme ab
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Wahllokal in Teheran: Viele Bürger geben ihre Stimme ab


Teheran/Berlin - Es ist ein Urnengang, der auch im Westen mit größtem Interesse verfolgt wird: Mitten in einer schweren Wirtschaftskrise und des Atomstreits mit dem Westen sind am Freitag rund 50 Millionen Wähler in Iran aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Wegen des unerwartet großen Andrangs blieben die Wahllokale zwei Stunden länger geöffnet. Zur Auswahl standen sechs Kandidaten. Nur vier von ihnen werden jedoch echte Chancen auf das Präsidentenamt eingeräumt.

Das Endergebnis steht erst am Samstagvormittag fest. Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad konnte aus Verfassungsgründen nach zwei Amtszeiten nicht wieder antreten. Die Wahl wird im Westen und insbesondere in Israel mit Spannung verfolgt.

Eine höhere Wahlbeteiligung könnte darauf hindeuten, dass Anhänger des Reformlagers auf einen Wahlboykott verzichteten und stattdessen ihrem Kandidaten Hassan Ruhani die Stimme gaben. Der ehemalige Chefunterhändler in den Atomgesprächen mit dem Westen gilt als weniger konfrontativ als Ahmadinedschad.

Gute Chancen rechneten sich auch die beiden Konservativen - Ali Akbar Welajati und Mohammed-Bagher Ghalibaf sowie der Hardliner Said Dschalili aus. Dschalili hatte im Wahlkampf angekündigt, keine Kompromisse in den Gesprächen mit dem Westen machen zu wollen. Beobachter rechnen damit, dass der amtierende Chefunterhändler in den Atomgesprächen im Falle seines Wahlsieges den Konfrontationskurs von Ahmadinedschad fortsetzen könnte.

Der Westen verdächtigt Iran, unter dem Deckmantel der zivilen Nutzung der Atomenergie an Nuklearwaffen zu arbeiten. Teheran bestreitet das. Israel betrachtet Iran als derzeit größte Bedrohung seiner Existenz. Israelische Politiker haben deshalb indirekt mit Angriffen auf Atomanlagen in Iran gedroht.

Nach der Wahl 2009 hatte es heftige Proteste von Reformkräften gegen angebliche Wahlfälschungen gegeben. Die Proteste wurden gewaltsam unterdrückt. Das hatte die Erwartung aufkommen lassen, dass viele Wähler diesmal zu Hause bleiben könnten.

jok/dpa



insgesamt 6 Beiträge
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Percy P.Percival 14.06.2013
1. Qual mit der Wahl
Wenn einer wie Hassan Ruhani der gemäßigste der Kandidaten ist, sag ich nur: "Prost Mahlzeit!" Ruhani ist ein Funktionär des Regimes, der seit Jahrzehnten in führenden Positionen aktiv ist. Die Iraner können einem Leid tun!
thinkrice 14.06.2013
2.
Zitat von Percy P.PercivalWenn einer wie Hassan Ruhani der gemäßigste der Kandidaten ist, sag ich nur: "Prost Mahlzeit!" Ruhani ist ein Funktionär des Regimes, der seit Jahrzehnten in führenden Positionen aktiv ist. Die Iraner können einem Leid tun!
Es geht den Iranern doch nicht anders als uns. Die Iraner haben die Wahl zwischen sechs systemkonformen Kandidaten und wir wählen halt zwischen 5 gleichgeschalteten Parteien. Einen großen Unterschied macht es nun wirklich nicht. Eine Demokratie oder eine wirkliche Wahl zwischen Alternativen hat doch keine der beiden Bevölkerungen.
Percy P.Percival 14.06.2013
3. Iran = Deutschland?
Zitat von thinkriceEs geht den Iranern doch nicht anders als uns. Die Iraner haben die Wahl zwischen sechs systemkonformen Kandidaten und wir wählen halt zwischen 5 gleichgeschalteten Parteien. Einen großen Unterschied macht es nun wirklich nicht. Eine Demokratie oder eine wirkliche Wahl zwischen Alternativen hat doch keine der beiden Bevölkerungen.
Der Iran ist eine religiöse Diktatur mit einer totalitären Tradition. Die Iraner haben nicht die Möglichkeit ihr System mit Wahlen zu verändern. Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat mit funktionierender Gewaltenteilung. Wenn sich bei uns der zugegeben bescheidene Status Quo nicht ändert, dann weil das Volk es so will bzw. es toleriert. Ach ja, noch ein kleiner Unterschied: Wir hängen keine Leute auf, weil sie mit lieber mit Mitgliedern ihres eigenen Geschlechts poppen und Angriffskriege zum Zwecke der Vernichtung anderer Länder und Völker will hier seit 1945 keiner mehr führen.
aber_nicht_doch 14.06.2013
4.
Zitat von Percy P.PercivalDer Iran ist eine religiöse Diktatur mit einer totalitären Tradition. Die Iraner haben nicht die Möglichkeit ihr System mit Wahlen zu verändern. Deutschland ist ein demokratischer Rechtsstaat mit funktionierender Gewaltenteilung. Wenn sich bei uns der zugegeben bescheidene Status Quo nicht ändert, dann weil das Volk es so will bzw. es toleriert. Ach ja, noch ein kleiner Unterschied: Wir hängen keine Leute auf, weil sie mit lieber mit Mitgliedern ihres eigenen Geschlechts poppen und Angriffskriege zum Zwecke der Vernichtung anderer Länder und Völker will hier seit 1945 keiner mehr führen.
Das ist doch Quatsch... Die iranische Rigirung ist zwar religiös aber keine Diktatur. Eine Gewaltenteilung gibt es auch. Vielleciht sollte man sich mal die iranische Verfassung anschauen... Die ist inzwischen auch auf deutsch zu finden. Sicher geht es dort in manchen belangen strenger zu als hier - aber "totalitäre Diktatur?" Ich würde mal eine Reise in das Land empfehlen. Vielleicht schauen sie sich mal die Urteile an, die zur Erhängung geführt haben. Hier heisst es "weil sie homosexuell sind". Im Iran wurden, zumindest die mir bekannten Urteile, z.B, wegen (homosexueller) Vergewaltigung Minderjähriger gehängt. Todesstrafe ist sicher nicht gut - Aber man sollte auch mal die Nachrichten der "Gegenseite" anschauen. Meist liegt wohl Wahrheit in der Mitte. Und einen Angriffskrieg zur Vernichtung???? Nicht nur, dass Iran seit weit über 100 Jahre keinen Krieg geführt hat - Irans Armee ist, wie auch in der Verfassung vorgesehen, defensiv ausgelegt. Angriffskriege wären mit sicherheit nicht im Sinne des Irans.
sebastianlindner 15.06.2013
5. Warum wohl der große Ansturm?
"Eine höhere Wahlbeteiligung könnte darauf hindeuten, dass.... " die Iraner die Wahlen als fair und demokratisch sehen und es kaum Chancen für "Manipulationen" gibt. Dazu sei dringend (!) der Artikel "Wie demokratisch ist die kommende Wahl" in Iran zu empfehlen
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