Grüner Europaparlament-Neuling Giegold Schneller, als Straßburg erlaubt

Als außerparlamentarischer Oppositioneller hat er gern Abgeordnete gepiesackt, jetzt ist Sven Giegold selbst einer: In dieser Woche durfte der Ex-Attac-Wortführer zum ersten Mal im Europaparlament Platz nehmen. Die ersten Tage in Straßburg stellen seine Geduld auf die Probe.

Aus Straßburg berichtet


Straßburg - Punkt zehn sitzt Sven Giegold auf Platz 401. Das weite Halbrund des Straßburger Plenums ist an diesem Morgen noch spärlich besetzt, selbst zur Eröffnung der konstituierenden Sitzung haben es die meisten Europaabgeordneten nicht besonders eilig. Giegolds lederner blauer Sessel steht ziemlich mittig in der neunten Reihe, anders als beispielsweise im Bundestag haben die Parlamentarier hier feste Sitzplätze. 401 sei "eine gute Position", wie Giegold findet. Direkt am Gang, man verliert wenig Zeit.

Sven Giegold, 39, nimmt sein neues Abgeordneten-Leben sehr ernst.

So ernst, wie er zuvor sein Leben als Attac-Wortführer genommen hat. Und davor als Umweltschützer in Niedersachsen. Und zwischendurch als Student und Doktorand. Dass manche Attac-Weggefährten seinen Eintritt bei den Grünen und von der außerparlamentarischen in die parlamentarische Opposition als Verrat sehen, kann er nicht verstehen. "Ich wollte immer meine Arbeitszeit nutzen, um politisch etwas zu bewegen."

Nun also als Politiker.

"Ich habe an Möglichkeiten dazugewonnen, und natürlich sehe ich hier die Ambivalenzen. Aber die sehe ich auch bei den sozialen Bewegungen." Er habe sich für seine neue Rolle nicht verändern müssen, sagt der grüne Europaabgeordnete Giegold.

Äußerlich betrachtet ist dem nicht zu widersprechen. Schon als Vorzeige-Ökonom von Attac trug er Hemd, Sakko und seine ergrauenden Haare ordentlich geschnitten. Genau so sitzt Giegold an seinem zweiten Straßburger Tag in der "Blümchenbar", die so wegen des bunten Teppichs unter den Füßen der Parlamentarier, Mitarbeiter und Journalisten genannt wird, und sagt mit einem Espresso in der Hand: "Ich hab Arbeitsstau." Statt stundenlang im Plenum, würde er am liebsten am Rechner sitzen. Papiere lesen, Papiere schreiben, Mails beantworten. "Die Liste der Dinge, die ich machen muss, ist sehr lang."

Spät dran sein, hinterher sein, das mag er nicht.

Aberwitzig viel Zeit verging am Dienstag bei der Konstituierung des Parlaments. Erst war es feierlich, als die Europahymne gespielt wurde, weshalb Giegold nach den ersten Takten seinen Rucksack unter den Tisch schob. Dann wurde es historisch, weil man den Polen Jerzy Buzek zum Nachfolger des scheidenden deutschen Parlamentspräsidenten Hans-Gerd Pöttering wählte. Buzek ist der erste Osteuropäer auf dieser Position. Der Abgeordnete Giegold blieb dennoch sitzen, obwohl auch viele seiner Parteifreunde stehend für den ehemaligen Solidarnosc-Mann applaudierten. "Ich habe ihn zwar gewählt", sagt Giegold, aber einige Positionen des konservativen Polen würden ihm nicht gefallen. Schließlich wurde es unübersichtlich, weil das im Europaparlament dazugehört - und das kostete Zeit: Die Wahl der 14 Vizepräsidenten zog sich bis in den späten Abend, drei Abstimmungsgänge waren nötig.

"Das war eine fürchterliche Warterei", erzählt Giegold später in seinem Büro im fünften Stock des Parlamentsgebäudes. Nach der Mittagspause konnte er die Wartezeit wenigstens nutzen: Der Mann auf Platz 401 klappte im Plenum - wie der eine oder andere MEP auch - seinen Laptop auf.

Giegolds Straßburger Büro ist ein Raum von der Größe eines unterdurchschnittlichen Jugendzimmers, auch ungefähr so eingerichtet. Darin steht ein hölzerner Schreibtisch, an dem Giegolds Mitarbeiter Michael Schmitt arbeitet. Der Abgeordnete selbst sitzt an einem aus dem Schrank herauszuklappenden Holzbrett. Rechts von ihm gibt es noch eine Pritsche, "für Teambesprechungen", wie Schmitt meint. Einleuchtender erscheint die Erklärung, wonach dieses Möbelstück Parlamentariern aus osteuropäischen EU-Staaten, die bisher deutlich weniger Diäten bekamen als beispielsweise ihre deutschen Kollegen, als Schlafgelegenheit diente.

Spartanisch ist kein übertriebenes Wort für diese Art Büro, aber damit scheint der MEP Giegold kein Problem zu haben. Vielmehr nerven ihn die technischen Defizite: Der Internet-Anschluss hängt, das Netzwerk zwischen den Büros in Straßburg und Brüssel steht noch nicht. "Geht bei euch das Telefon?". Die Grünen-Kollegin Ska Keller, ebenfalls eine neue Parlamentarierin und Giegolds Büronachbarin, hat offenbar noch elementarere Probleme.

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Seite 1
SaT 17.07.2009
1.
Zitat von sysopDie Arbeit im Europa-Parlament ist für viele Abgeordnete anstrengend, und doch wird sie in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Sollte das Europa-Parlament mehr Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen?
Die Enthaltsamkeit in diesem Forum sagt doch schon alles. Die Europaer (nicht nur die Deutschen) denken national. Die Europawahl ist nur eine Abrechnung mit der nationalen Regierung. Beim Wahlkampf standen deshalb auch nur nationale Themen im Vordergrung. Die SPD warb gar mit Kanzlerkandidat Steinmeier obwohl dieser gar nicht zu Wahl stand. Wie kann man dann vom Buerger mehr Interesse am Europa-Parlament erwarten?
icabaru 18.07.2009
2. Anstrengend?
Zitat von sysopDie Arbeit im Europa-Parlament ist für viele Abgeordnete anstrengend, und doch wird sie in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Sollte das Europa-Parlament mehr Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen?
Es ist wirklich sehr anstrengend Hochverrat (Lissabonvertraqg) an denen zu begehen die sie gewaehlt haben! Ein europaeischer Staatenbund aus Nationalstaaten ist sicher erstrebenswert, aber ein Europa indem alle Nationalitaeten und ihre historisch gewachsenen Eigenheiten systematisch unterdrueckt werden ist abzulehnen. Aber genau daran arbeiten sowohl die Abgeordneten als auch die Bruesseler Buerokratie mit Hochdruck im Verein mit den Politverraetern in unserer Regierung! Deshalb verdienen sie weder Aufmerksamkeit noch Respekt und Vertrauen. Wir sind Deutsche und wollen Deutsche bleiben, sind aber mehrheitlich bereit uns in einen friedlichen Staaten- bzw. Wirtschaftsverbund zu integrieren. Solange Abgeordnete und Politbuerokraten sich bemuehen uns den Turbokapitalismus nach angelsaechischen Vorbild ueberzustuelpen, muessen sie eben mit Widerstand und Misstrauen unsererseits leben. Wir wollen eine sozial gerechte Marktwirtschaft in der die erarbeiteten Werte auch leistungsgerecht(!!) verteilt werden, anstatt sie Finanzverbrechern zu verschenken!
stanis laus 18.07.2009
3. Gehgold
Damals lästerte er noch über die Opas der EU, die ja ein Bestandteil der Globalisierung ist. Heute kassiert er mit. Unabhängigkeit und Integrität läßt sich mit Pöstchen kaufen. Hier vermarktet einer sein öffentliches Image genauso wie die Herrschaften, deren Machenschaften er bisher anprangerte. Wir erleben den moralischen Bankrott eines Mannes.
BardinoNino 18.07.2009
4. Und die CDU...
Zitat von SaTDie Enthaltsamkeit in diesem Forum sagt doch schon alles. Die Europaer (nicht nur die Deutschen) denken national. Die Europawahl ist nur eine Abrechnung mit der nationalen Regierung. Beim Wahlkampf standen deshalb auch nur nationale Themen im Vordergrung. Die SPD warb gar mit Kanzlerkandidat Steinmeier obwohl dieser gar nicht zu Wahl stand. Wie kann man dann vom Buerger mehr Interesse am Europa-Parlament erwarten?
...mit der Kandesbunzlerin Merkel - soviel Zeit muss sein!
Hubert Rudnick, 18.07.2009
5. EU Palament, was ist das denn noch mal?
Zitat von sysopDie Arbeit im Europa-Parlament ist für viele Abgeordnete anstrengend, und doch wird sie in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Sollte das Europa-Parlament mehr Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen?
--------------------------------------------------------- Es macht einfach keinen Sinn sich über das Scheinpalament zu unterhalten. Zum Beispiel: hat man denn nicht gerade eine der unfähigsten und faulsten Abgeordneten zu einem der Stellvertreter des Palaments gemacht, dass sagt dann doch auch aus, was man von so einem Scheinpalament zu halten hat? Nur eine Geldverschwendung, denn mit diesem Palament möchte man eine Scheindemokratie vortäuschen, mehr kommt da nicht heraus. Hubert Rudnick
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