Rassismus in China "Manchmal halten sich Frauen die Nase zu, wenn Afrikaner vorbeigehen"

In der südchinesischen Stadt Guangzhou lebt die größte afrikanische Community der Volksrepublik. Der ugandische Geschäftsmann Arnold Masembe erzählt von seinem Alltag in einem Land, das an Zuwanderung nicht gewöhnt ist.
Von Georg Fahrion, Guangzhou
Straßenszene in Guangzhou, China

Straßenszene in Guangzhou, China

Foto: Betsy Joles/ Getty Images

Eigentlich gilt China als klassisches Auswanderungsland - doch der wirtschaftliche Aufstieg des Landes hat auch eine Bewegung in die Gegenrichtung ausgelöst. In Guangzhou, Hauptstadt der stark industrialisierten Provinz Guangdong, leben heute laut offiziellen Angaben 15.000 Afrikaner.

Tatsächlich dürfte ihre Zahl deutlich höher sein. Fest steht: Keine chinesische Stadt hat eine größere afrikanische Community. Viele der Zuwanderer verdienen ihr Geld mit dem Export chinesischer Konsumgüter.

So hat auch der Geschäftsmann Arnold Masembe angefangen. Um Jeans für seine Heimat Uganda zu kaufen, kam er ab 2008 regelmäßig in die Stadt. Drei Jahre später gründete er hier seine eigene Logistikfirma, die er seither führt.

Seine Landsleute in Guangzhou haben den 41-Jährigen zum Vorsitzenden der Vereinigung "Uganda Community in China" gewählt, die in Not geratene Ugander unterstützt und als Brücke zu den chinesischen Behörden fungiert. Das ist nötig, denn auch in China haben viele Migranten mit einer komplizierten Bürokratie, Geldsorgen oder Rassismus zu kämpfen.

Arnold Masembe, Vorsitzender der "Uganda Community in China"

Arnold Masembe, Vorsitzender der "Uganda Community in China"

Foto: Georg Fahrion/ DER SPIEGEL

Auf dem Schreibtisch in seinem schlichten Büro im 14. Stock eines Hochhauses steht ein Ständer mit Wimpeln beider Länder. Masembe sagt, es gehe ihm gut in China, er verdiene hier anständiges Geld. Alt werden will er hier trotzdem nicht.

Hier berichtet Arnold Masembe von seinen Erfahrungen:

"In Guangzhou gibt es im Grunde drei Kategorien von Afrikanern: Leute wie mich, die hier Unternehmen gegründet haben und rechtlich abgesichert sind. Dann die Händler, die mit einem Business-Visum in China sind und alle 30 Tage über die Grenze müssen, um es zu erneuern. Und schließlich die, die ihr Visum überzogen haben und untergetaucht sind.

In diesem Jahr hat die chinesische Regierung angekündigt, mit der Situation aufzuräumen. Das hat sie auch vorher schon versucht, aber es heißt, diesmal werde es richtig ernst. Derzeit läuft eine viermonatige Amnestie: Wer sein Visum überzogen hat, soll sich melden und freiwillig zurückgehen; wer sich darauf einlässt, muss nicht ins Gefängnis.

Normalerweise bedeutet es 90 Tage Haft und bis zu 10.000 Yuan (rund 1280 Euro) Geldstrafe, wenn die Behörden jemanden aufgreifen, der illegal hier ist oder ohne Erlaubnis arbeitet. Beamte vom Büro für öffentliche Sicherheit patrouillieren die Straßen und verlangen, dass Passanten sich ausweisen. Sobald die Amnestie ausläuft, werden sie ihre Kontrollen wohl verschärfen.

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Guangzhou: In Chinas "Little Africa"

Foto: ROMAN PILIPEY/ EPA-EFE

Mindestens fünf Ugander haben sich in den vergangenen Monaten bei mir gemeldet. Teilweise waren ihre Visa schon seit fünf, sechs Jahren überzogen. Einige hatten hier sogar Familien gegründet. Aber ohne legalen Status ist das kein Leben. Dann lebst du in ständiger Angst. Egal wie viel Geld du gespart hast, am Ende könntest du alles verlieren.

Und abgesehen von der Unsicherheit ist da auf der anderen Seite natürlich die Heimat. Hier kann es niemals so sein wie zu Hause. Mehr als einer hat zu mir gesagt: 'Schau, ich bin hier fertig. Es ist Zeit, nach Hause zu gehen.'

Ich habe in China noch kein Poster gesehen, auf dem auf Chinesisch 'Nein zu Rassismus' stand. So was findest du hier nicht. Es kann passieren, dass in der U-Bahn einer aufsteht und geht, wenn du dich neben ihn setzt. Es kommt auch vor, dass Frauen sich die Nase zuhalten, wenn du vorbeigehst. Ich habe auch schon Kinder gesehen, die das tun. Das verstört mich am meisten. Irgendjemand hat denen das ja beigebracht. Klar tut mir das weh. Ich halte mich dann aber zurück, anstatt die Leute zu konfrontieren.

Grundsätzlich würde ich trotzdem sagen, dass der Rassismus in Guangzhou über die Jahre weniger geworden ist. Sicherlich vor allem deshalb, weil wir Afrikaner Geschäfte machen und Geld in die Stadt bringen. Manche von uns haben Chinesinnen geheiratet. Dass wir hier sind, wird allmählich als Realität akzeptiert. Trotzdem: 80 Prozent meiner Freunde und Bekannten hier sind Afrikaner oder andere Ausländer.

Ich will in China einfach nur arbeiten und Geld verdienen. Auch wenn das Geschäft im vergangenen Jahr keine großen Sprünge gemacht hat, läuft es okay: Ich habe kürzlich in einem Vorort von Kampala, der ugandischen Hauptstadt, ein neues Haus gekauft. Aber ich vermisse meine Familie. Meine Frau, meine zwei Töchter und mein Sohn sind in Uganda; die Schulen und auch Wohnen ist dort günstiger. Ich sehe sie daher nur, wenn ich jedes halbe Jahr für ein paar Wochen nach Hause fliege.

Es gibt so viel, was ich meinem Sohn beibringen will. Übers Telefon geht das nicht. Allein deshalb schon will ich irgendwann nach Uganda zurück. Vorher möchte ich in China einfach nur so viel verdienen, dass ich Maschinen kaufen und zu Hause eine Produktion aufbauen kann, ich denke über eine Getränkeabfüllung nach. Die chinesische Staatsbürgerschaft strebe ich gar nicht an."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

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