Guantanamo Angehörige toter Häftlinge erheben schwere Vorwürfe

Die Angehörigen der beiden im US-Gefangenenlager Guantanamo gestorbenen saudi-arabischen Häftlinge haben abermals schwere Vorwürfe gegen die USA erhoben. Ihren Angaben zufolge wiesen die Leichen ihrer Verwandten Spuren von Schlägen auf.


Riad/Kairo - Talal al-Sahrani, der Vater von Jassir al-Sahrani, sagte der saudi-arabischen Zeitung "al-Watan", er habe die Leiche seines Sohnes vor Beginn der Autopsie in Riad gesehen und Hämatome am Kopf entdeckt. Die Schläge könnten zu seinem Tod geführt haben. Nicht nur die Angehörigen der beiden saudi-arabischen Toten zweifeln die Angaben der US-Armee an. Diese hatte erklärte, die beiden Häftlinge aus Saudi-Arabien sowie ein weiterer aus dem Jemen hätten sich am 10. Juni in dem Gefangenenlager auf Kuba erhängt.

Auch der Vater des Jemeniten äußerte inzwischen Zweifel. Der jemenitische Ex-Gesundheitsminister Naguib Ghanem von der islamistischen Islah-Partei erklärte nach Angaben der Zeitung "al-Sharq al-Awsat", die inzwischen in die Heimat übergeführte Leiche des Jemeniten sei nach der Obduktion in den USA nicht mehr vollständig, so dass es schwer sein werde, die Todesursache durch eine Autopsie zu bestimmen. Al-Sahrani sagte, das Obduktionsergebnis der Amerikaner könne er schon aus Prinzip nicht akzeptieren, da ein Beschuldigter keine unabhängige Untersuchung durchführen könne. Sein Sohn war im Alter von 17 Jahren nach Guantanamo gebracht worden.

In dem Gefangenenlager der US-Armee werden rund 460 Männer unter dem Verdacht fest, Kontakte zu der Extremistenorganisation al-Qaida oder zur afghanischen Taliban gehabt zu haben. Bislang wurde aber nur gegen zehn der Insassen formell Anklage erhoben.

Der Kommandeur des Lagers, Konteradmiral Harry Harris, hatte die drei Toten als "gerissen und kreativ" bezeichnet. "Sie haben keine Achtung vor dem Leben, weder vor unserem noch vor ihrem eigenen. Ich glaube, das war kein Akt der Verzweiflung, sondern ein Akt (...) der Kriegsführung gegen uns." Die Staatssekretärin im US-Außenministerium, Colleen Graffy, hatte gesagt, die Selbstmorde seien "ein guter PR-Gag, um Aufmerksamkeit zu erregen". Die kaltschnäuzigen Äußerungen hatten auch in den USA und in der Bush-Regierung zu Kritik geführt. Selbstmord verstößt jedoch gegen die Prinzipien des Islam, was für die Angehörigen ein Grund ist, am Freitod ihrer Söhne zu zweifeln.

lan/dpa/Reuters



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