Guantanamo Pentagon bestätigt sexuelle Demütigungen von Häftlingen

In dem US-Gefangenenlager Guantanamo Bay sind Gefangene bei Verhören durch weibliche Ermittler sexuell gedemütigt worden. Das Pentagon bestätigte heute entsprechende Vorwürfe von Gefangenen. Gegenüber SPIEGEL ONLINE schildert der Verteidiger eines Häftlings die Erfahrungen seines Mandanten.


Guantanamo Bay: Gefangener mit weiblichen Bewachern
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Guantanamo Bay: Gefangener mit weiblichen Bewachern

Washington/Hamburg - Laut internen Untersuchungen der US-Armee haben weibliche Vernehmungsbeamte bei Verhören von muslimischen Terrorverdächtigen in dem US-Gefangenenlager in Guantanamo Bay auf Kuba wiederholt sexuelle Taktiken eingesetzt. Ziel dieser Maßnahme: Die Erniedrigung der Gefangenen und der Erhalt von Informationen, die sie durch "übliche" Verhörtechniken nicht bekommen hätten, berichtet heute die "Washington Post".

Die Zeitung beruft sich auf eine interne Untersuchung der US-Militärs unter Vizeadmiral Albert T. Church, die noch nicht veröffentlicht wurde und neue Anschuldigungen von acht Häftlingen enthält. Bereits Ende Januar gab es erste Berichte über Verhörmethoden, die zielgerichtet muslimische Tabus verletzen würden. So sollen die Soldatinnen ihren Körper an den Häftlingen gerieben, ihre Uniform ausgezogen und knappe Bekleidung vor ihnen getragen sowie eindeutige sexuelle Bemerkungen gemacht haben. Zudem sollen die Häftlinge nach Angaben ihrer Anwälte "provokativ" berührt worden sein.

Die internen Pentagon-Untersuchungen gingen auch Vorwürfen nach, dass die Frauen die Gefangenen mit rot gefärbter Flüssigkeit bespritzt und ihnen vorgetäuscht hätten, sie würden mit Menstruationsblut beschmutzt. Drei Gefangene hatten zudem davon berichtet, dass sie von den Frauen mit Blut beschmiert worden seien. Laut anonymen Aussagen von Beamten des US-Verteidigungsministeriums soll diese Technik vor allem dann angewendet worden sein, wenn sich die Muslime auf ihr Gebet vorbereitet hätten, bei dem absolute Sauberkeit vorgeschrieben ist. Als besonders ehrverletzend gilt es unter gläubigen Muslimen, wenn sie von anderen Frauen berührt werden als ihren Ehefrauen.

"Sexuelle Stimulation in Spitzen-Höschen"

Guantanamo-Häftling Kurnaz: "Sexuelle Demütigung und Schläge"
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Guantanamo-Häftling Kurnaz: "Sexuelle Demütigung und Schläge"

Der Bremer Rechtsanwalt Bernhard Docke bestätigte gegenüber SPIEGEL ONLINE einen Fall von sexueller Demütigung. Auch sein Mandant, der deutsch-türkische Guantanamo-Gefangene Murat Kurnaz, habe - neben anderen Foltervorwürfen - davon berichtet, dass er von "drei Frauen in Spitzen-BHs und -Höschen in einer hilflosen Position sexuell stimuliert" worden sei.

Kurnaz sei "von den leicht bekleideten Frauen angekettet und angemacht" worden. Sie sollen ihm weiter erzählt haben wie "attraktiv er sei und ihm vorgemacht haben, sie könnten nun gemeinsam Spaß haben". Als Kurnaz sich abgewendet habe, soll sich eine der Frauen auf seinen Schoß gesetzt, eine andere soll ihre Brüste an ihm gerieben und die Dritte soll sich seinem Schritt genähert haben. Als er eine der Frauen trotz seiner Fesseln habe abschütteln können, sei eine "spezielle Schlägertruppe" in seine Zelle gestürmt und habe den "renitenten" Gefangenen geschlagen.

US-Lager Guantanamo: "Moralischer Abgrund"
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US-Lager Guantanamo: "Moralischer Abgrund"

"Wie verstörend alles das auf jemanden wirkt, der seit drei Jahren in absoluter Isolation gehalten werde, kann man sich leicht vorstellen", sagte Docke weiter. Zudem müsse man bedenken, dass sein Mandant mit seiner streng religiösen Einstellung in dieser Situation "besondere Verletzlichkeit" gezeigt habe. Docke bezeichnete die Schilderungen seines Mandanten als einen "moralischen Abgrund", der sich in dem US-Gefängnis aufgetan habe. Docke verwies auf den moralischen Aufstand in den USA, als die Sängerin Janet Jackson in der Öffentlichkeit lediglich ein paar Sekunden eine Brustwarze entblößt habe.

Laut "Washington Post" sollen zwei US-Ermittlerinnen mittlerweile eine Rüge für die Anwendungen sexueller Demütigungen kassiert haben. Unklar ist laut dem Zeitungsbericht, ob die Frauen Berufsoldatinnen, Angestellte des Militärs oder einer privaten Sicherheitsfirma sind, die in Guantanamo ebenfalls eingesetzt werden. Eine offizielle Stellungnahme des US-Verteidigungsministeriums gibt es bislang nicht. Ein Sprecher des US-Militärs sagte, es sei verfrüht, die Glaubwürdigkeit der Gefangenenberichte zu beurteilen solange die Ermittlungen nicht abgeschlossen seien.

US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hatte die Vorwürfe lange zurückgewiesen. Er behauptete, die Gefangenen würden in Guantanamo "human" behandelt. Zudem seien Terroristen dafür trainiert worden, die Ermittlungen durch "ungerechtfertigte" Foltervorwürfe zu behindern. US-Anwälte erinnern die Vorfälle in Guantanamo mittlerweile jedoch eher an "Horror- oder John-Waters-Filme" - dem cineastischen Meister des schlechten Geschmacks.

Lars Langenau



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