Guantanamo US-Armee verhört Drahtzieher des 11. September 2001

Im US-Lager Guantanamo entscheidet ein Militärtribunal darüber, ob mehrere Top-Gefangene als feindliche Kämpfer eingestuft werden - unter ihnen der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge des 11. September 2001. Damit macht die US-Armee den ersten Schritt zur Anklage vor den umstrittenen Militärtribunalen.


Washington - Die Jagd hat Jahre gedauert und die ganze Welt umspannt. Nun präsentieren die Terror-Ermittler der USA ihre Trophäen: Im US-Gefangenenlager Guantanamo werden heute die Weichen zur Aburteilung all jener Häftlinge gestellt, welche die Behörden der Elite des internationalen Terrorismus zurechnen.

"Verdächtige von hohem Wert", heißen im Bürokraten-Jargon des Pentagon die 14 Ausländer, die sich dabei erstmals in Anhörungen der Militärjustiz stellen müssen. Unter ihnen sind mehrere mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. Die Verdächtigen seien "einzigartig wegen ihrer Rolle, die sie in Terroroperationen gespielt haben", sagte Pentagon-Sprecher Bryan Whitman. Alle 14 Terrorverdächtigten waren erst im September von geheimen CIA-Auslandsgefängnissen in das US-Lager auf Kuba verlegt worden.

Die Anhörungen im Hochsicherheitstrakt des Lagers sind der erste Schritt zur Anklage vor den umstrittenen Militärtribunalen, die eigens für die Guantanamo-Insassen eingerichtet wurden. Und sie folgen ihren eigenen Regeln: Die Anhörungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Beobachter sind nicht zugelassen; den Verdächtigen wird kein Anwalt zur Seite gestellt, sondern nur ein US-Offizier, der sie "repräsentiert"; ein Gremium aus drei Offizieren muss entscheiden, ob es sich bei den Verdächtigen tatsächlich um "feindliche Kämpfer" handelt, die dann vor einem Tribunal abgeurteilt werden können.

Das "Who is Who?" aus Guantanamo vorm Militärtribunal

Die Liste der Verdächtigen liest sich wie ein "Who's Who?" des Terrorismus. Der Pakistaner Khalid Scheich Mohammed ist der größte Fang, der den USA bislang ins Netz ging. In Pentagon-Unterlagen wird er als "einer der berüchtigsten Terroristen der Geschichte" bezeichnet, der "treibende Kraft hinter den Terroranschlägen vom 11. September" war. Er galt als Nummer drei im Terrornetzwerk al-Qaida - hinter Osama bin Laden und Aiman al-Sawahiri. Nach US-Erkenntnissen hat nicht Bin Laden, sondern Mohammed den Plan für die Flugzeuganschläge ausgeheckt. Sein technisches Wissen eignete sich Mohammed ausgerechnet als Maschinenbaustudent in den USA an. Er wurde im März 2003 in Pakistan festgenommen.

Mit Ramzi Binalshibh muss sich ein Mitglied der berüchtigten "Hamburger Zelle" in Guantanamo verantworten. Mit den Flugzeugattentätern um den Todespiloten Mohammed Atta soll der in Hamburg studierende Jemenit die Anschläge vom 11. September geplant haben. Weil ihm die US-Behörden kein Einreisevisum ausstellten, konnte er sich nicht selbst an den Anschlägen beteiligen. Den US-Behörden zufolge spielte er als wichtigstes Bindeglied zwischen den Flugzeugattentätern in den USA und der al-Qaida-Führung in Afghanistan eine "Schlüsselrolle" bei den Anschlägen. Er wurde 2002 in Pakistan festgenommen.

Auch gegen den Indonesier Riduan bin Isomuddin alias Hambali soll in Guantanamo ein Verfahren beginnen. Er soll die Bombenanschläge auf Bali im Jahr 2002 organisiert haben, bei denen mehr als 200 Menschen auf der indonesischen Touristeninsel starben; der Anschlag wird seiner Gruppe Jemaah Islamiah zugeschrieben, die als südostasiatischer Ableger der al-Qaida gilt. Seit dem Terroranschlag zählte Hambali zu den am meisten gesuchten Terroristen der Welt. Er soll enge Kontakte zu Khalid Scheich Mohammed gepflegt haben.

Dies gilt auch für den Saudiaraber Mustafa Ahmad al-Hawsawi, der als einer der Finanzchefs der Anschläge vom 11. September in Guantanamo festgehalten wird. Mohammeds Neffe Ali Abd al Asis ist ebenfalls unter den 14 Hauptverdächtigen; auch er soll die Flugzeugattentäter mit Geld versorgt haben.

Bei den restlichen der 14 "feindlichen Kämpfer" handelt es sich nach US-Angaben um einen Tansanier, zwei Malaysier, einen weiteren Pakistaner, einen Libyer, einen weiteren Saudiaraber, einen Palästinenser, einen weiteren Jemeniten und einen Somalier. Sie alle werden al-Qaida zugerechnet. Ihnen werden unter anderem die Terroranschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 vorgeworfen, außerdem Anschläge in Saudi-Arabien, die Attacke auf das US-Kriegsschiff "USS Cole" vor der jemenitischen Küste im Jahr 2000 und weitere Attentate. Einige der Verdächtigen seien bereit, sich bei der Anhörung zu äußern, andere verweigerten jede Aussage, heißt es im Pentagon.

Vorwürfe: Rechtswidriges Verfahren und zensierte Protokolle

Die nun anlaufenden Anhörungen sind von Menschenrechtlern heftig kritisiert worden. Das Vorgehen sei rechtswidrig und US-Behörden hätten Aussagen unter Folter erzwungen. Ein weiterer Vorwurf: Das US-Militär habe Scheintribunale eingerichtet, die die erzwungenen Aussagen sogar heranziehen dürften.

Außerdem werde den Häftlingen bei der Anhörung nicht einmal ein Rechtsbeistand zugestanden. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums rechtfertigte die Einschränkungen mit dem außerordentlichen Sonderstatus der Häftlinge: "Ich denke, es sollte jedem einleuchten, dass diese Einzelpersonen eine Sonderrolle bei Terror-Operationen und bei der Bekämpfung von US-Truppen eingenommen haben."

Hinzu kommt: Die Protokolle der Anhörungen werden nur zensiert veröffentlicht aus Gründen der "nationalen Sicherheit", wie das US-Verteidigungsministerium mitteilte. Wenn die Gefangenen dem dreiköpfigen Armeetribunal vorgeführt und angehört wurden, wird das Protokoll nachträglich bearbeitetet. Dieses soll anschließend mit einer Zusammenfassung des Falls veröffentlicht werden.

fba/AFP/Reuters



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