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15. März 2012, 12:23 Uhr

Private E-Mails der Assad-Familie

Tyrannen-Gattin im Shoppingwahn

Möbel für 10.000 Pfund, Pumps mit Kristallbesatz: Die privaten E-Mails des Assad-Clans, über die der "Guardian" berichtet, liefern einen Einblick in den Alltag der Diktatoren-Familie - Shopping-Liste der First Lady inklusive. Der Präsident vergnügt sich demnach lieber im iTunes-Store.

Damaskus/London - Der 4. Februar 2012 war einer der düstersten Tage während der blutigen Belagerung der Stadt Homs durch die syrische Armee. Stundenlang feuerten Truppen des Assad-Regimes Granaten auf die Rebellenhochburg, Hunderte Zivilisten sollen bei dem Beschuss gestorben sein. Einen Tag später soll Diktator Baschar al-Assad eine E-Mail an seine Ehefrau Asma geschickt haben - und widmete ihr ein Lied des US-Country-Stars Blake Shelton. So berichtet es zumindest die britische Zeitung "Guardian".

"Ich bin wandelnder Herzschmerz/Ich hab es ganz schön verbockt/Der Mensch, der ich jetzt bin/Ist nicht der, der ich sein will", heißt es in der Ballade "God Gave Me You". Den Link zum Download in Apples iTunes-Musikbibliothek hatte der syrische Herrscher demnach gleich beigefügt.

Diese bizarre Episode ist nur einer der Einblicke in die private Kommunikation der Assad-Familie, die die rund 3000 E-Mails liefern, die dem "Guardian" zugespielt wurden. In ungekannter Detailfülle dokumentieren die Dateien, wie die Herrscher-Sippe abgeschottet vom Leid im Land weiter ein Leben im Luxus genießt.

Der "Guardian" hat die Dokumente nach eigenen Angaben aus Kreisen der Opposition erhalten - und Informationen sowie Kontaktdaten so gut es geht überprüft. Zudem wurden zahlreiche im Mail-Verkehr benannte oder sogar dirket involvierte Personen von dem Blatt konfrontiert. Die Authentizität lässt sich trotzdem nicht zweifelsfrei belegen.

Während das Volk im Land immer stärker unter den internationalen Sanktionen leidet - und die Armee mit unverminderter Härte gegen die Opposition vorgeht - sorgte sich Asma al-Assad laut den "Guardian"-Informationen im Januar 2012 eher um den Zustand zweier luxuriöser Nachttische. Diese waren bei einem Möbelbauer in London bestellt worden. "Die haben unterschiedliche Lackierungen - und verschiedenfarbige Schubladen", heißt es in einer Beschwerde-E-Mail unter dem Pseudonym "Alia". Immer wieder taucht diese "Alia" in Bestellungen bei Geschäften in Paris und London auf. Dahinter soll sich Asma al-Assad verbergen.

Ming-Vase, kristallbesetzte Pumps - und Country-Musik aus den USA

Trotz aller Handelsbeschränkungen schaffte es die Assad-Familie offenbar problemlos, sich Lifestyle-Produkte aus dem Westen zu besorgen. "Zehn Wochen Lieferzeit" heißt es lapidar in der Nachricht eines Mittelsmanns in London, der im Edelkaufhaus Harrods die Shoppings-Liste aus Damaskus abarbeitete.

Auch Geldsorgen scheinen der schwerreichen Sippe weiter fremd: 10.000 britische Pfund für Kerzen und Kronleuchter im Juli 2011; eine Blumenvase für 2650 Pfund im Monat davor; 3800 Pfund für kristallbesetzte Damenschuhe im Februar 2012 - der "Guardian" führt die Liste ausführlich fort.

Während sich die Gattin über das Internet mit Luxusgütern versorgt, scheint der syrische Diktator selbst besonderen Gefallen am Online-Shopping bei iTunes gefunden zu haben. Über einen Account, bei dem ein Name und eine Anschrift in New York hinterlegt sind, stöberte Assad laut "Guardian" regelmäßig im Apple-Store. Ob County-Musik, das Pop-Duo Right Said Fred oder die Hip-Hopper Chris Brown und Busta Rhymes - alles fand den Weg in den Warenkorb des Machthabers.

Bezahlt wurden die Audio-Dateien offenbar über ein American-Express-Kreditkartenkonto. Auf welchen Namen dieses Konto gemeldet ist, ist bislang unklar.

Trotz Shoppingrausch und iTunes-Faszination: Ganz ignorieren kann offenbar selbst Asma al-Assad die dramatische Lage im Land nicht. Kurz vor dem Jahreswechsel schickte die syrische First Lady einen Link an ihren Gatten. Dieser führt auf eine Internetseite für kugelsichere Herrenjackets.

jok/fab

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