Snowden im Video-Interview "Amerika ist ein gutes Land"

Neues Video mit dem Geheimdienst-Enthüller: Im Interview mit dem britischen "Guardian" erklärt Edward Snowden seine Wandlung vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum Whistleblower. Der NSA wirft er Lüge vor.

REUTERS/ The Guardian

Von , Washington


Dieser Bildausschnitt ist weltbekannt, Millionen Menschen haben ihn gesehen: Das blasse Gesicht des Enthüllers Edward Snowden, Halbrandbrille, Dreitagebart, Spiegel im Hintergrund. Es war dieses Anfang Juni vom britischen "Guardian" veröffentlichte, in einem Hongkonger Hotelzimmer aufgenommene Video, das dem eben noch anonymen NSA-Whistleblower ein Gesicht gab. Auf dessen eigenen Wunsch, wohlgemerkt.

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Heft 28/2013
Edward Snowden über die grenzenlose Macht des US-Geheimdienstes NSA

Nun legt der "Guardian" nach, veröffentlicht einen zweiten Teil des Video-Interviews. Wieder Snowden in diesem Hotelzimmer. Die Aufnahme datiert vom 6. Juni, gut vier Wochen liegt das jetzt zurück. Snowden ist längst nicht mehr in Hongkong, sondern sitzt wohl im Transitbereich des Moskauer Flughafens fest. Gejagt von den USA. Nun wurde bekannt, dass er in Venezuela Asyl beantragt hat.

"Sie werden behaupten, dass ich unseren Feinden geholfen habe"

Dass es nicht leicht werden würde für ihn, das wusste er schon damals in Hongkong. "Ich denke, sie werden sagen, dass ich gravierende Straftaten begangen habe, dass ich das Spionage-Gesetz verletzt habe", so Snowden mit Blick auf die US-Regierung in dem Video-Interview mit "Guardian"-Journalist Glenn Greenwald: "Sie werden behaupten, dass ich unsere Feinde unterstützt habe", indem er sie auf die Schnüffelsysteme von NSA und britischem GCHQ aufmerksam gemacht habe. Aber, so Snowden, dieser Vorwurf könne jedem gemacht werden, der allumfassende Überwachungssysteme enthülle.

Tatsächlich machen die USA weltweit Druck auf Verbündete, um Snowden zu fassen; erneut versicherte der Sprecher von US-Präsident Barack Obama am Montag, man sei mit allen Ländern in Kontakt, in die der Gesuchte flüchten oder die er auf seiner Flucht überfliegen könnte. Allerdings wirft ihm die Regierung - bisher - nicht Unterstützung des Feindes vor, sondern neben dem Diebstahl von Regierungseigentum noch zwei Verstöße gegen das Spionage-Gesetz. Insgesamt würden Snowden so maximal 30 Jahre Haft in den USA drohen. Natürlich gilt: Die Vorwürfe könnten jederzeit ausgeweitet werden.

Im Video-Interview mit dem "Guardian" spricht Snowden über seine Motivation, über seine Wandlung vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum Whistleblower: "Ich war sehr jung, als ich zum Geheimdienst ging." Er habe sich nach Beginn des Irak-Feldzugs zum Militärdienst gemeldet und sei davon überzeugt gewesen, "wir tun das Richtige, ich glaubte an unsere noblen Ansichten, unterdrückte Völker zu befreien". Aber im Laufe seiner Karriere habe er "wahre Informationen" erhalten. "Ich habe gewartet und beobachtet und versucht, meinen Job zu tun." Mit der Zeit sei ihm aber immer klarer geworden, dass niemand etwas unternehme, um die Auswüchse der Kontrolle durch die Regierung zu stoppen.

"Überwacht, gesammelt oder analysiert"

In ruhigem Tonfall erklärt der mittlerweile 30-Jährige seine Zuneigung zu den USA und klagt die Regierung an: "Amerika ist ein grundsätzlich gutes Land. Wir haben gute Menschen mit guten Werten, die das Richtige tun wollen." Doch würden die gegenwärtigen Machtstrukturen auf Kosten der Freiheit des Volkes immer weiter expandieren.

Sieben Minuten und sieben Sekunden verteidigt Snowden seine Enthüllungen: "Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage, alles was ich mache, der Name jedes Gesprächspartners, jeder Ausdruck von Kreativität, Liebe oder Freundschaft aufgezeichnet wird", sagt er. Entschieden weist Snowden die Versicherungen von NSA und US-Regierung zurück, die Schnüffelaktionen würden vornehmlich allein Ausländer treffen: "Die NSA beschränkt sich nicht nur aufs Ausland." Sie sammele jegliche Kommunikation in den USA. Es gebe keinen amerikanischen Knotenpunkt, an dem ankommende oder hinausgehende Informationen nicht "überwacht, gesammelt oder analysiert" würden. Die NSA habe etwa den Kongress über die Existenz des Programms "Boundless Informant" belogen.

Mit diesem Programm kann die NSA Telefon- und Internetverbindungsdaten aus Ländern rund um den Globus auswerten; in Europa ist Deutschland das Land, in dem die NSA besonders viele Datensätze erfasst - nach SPIEGEL-Informationen bis zu 500 Millionen pro Monat. In einem Interview, das der SPIEGEL in seiner neuen Ausgabe veröffentlicht hat, erklärt Snowden zudem, die NSA-Leute steckten "unter einer Decke mit den Deutschen". Nach Angaben des Geheimdienst-Enthüllers gebe es in der US-Lauschbehörde NSA das "Foreign Affairs Directorate", das zuständig für Kooperationen mit anderen Ländern sei.

Die Zusammenarbeit werde so organisiert, dass Behörden anderer Länder "ihr politisches Führungspersonal vor dem 'Backlash' schützen" können, falls herauskommen sollte, wie "massiv die Privatsphäre von Menschen missachtet wird", sagt der US-Amerikaner. Und weiter: Telekommunikationsfirmen würden mit der NSA kooperieren, Personen würden normalerweise "aufgrund etwa des Facebook-Profils oder der eigenen E-Mails als Zielobjekt markiert".

insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
reifenexperte 09.07.2013
1. Aber die Regierungen und Parlamente
glauben immer noch, die Macht auszuüben.
ratxi 09.07.2013
2. Er tat, was er tun musste.
Zitat von sysopDPANeues Video mit dem Geheimdienst-Enthüller: Im Interview mit dem britischen "Guardian" erklärt Edward Snowden seine Wandlung vom loyalen Regierungsmitarbeiter zum Whistleblower. Der NSA wirft er Lüge vor. http://www.spiegel.de/politik/ausland/guardian-neues-snowden-video-veroeffentlicht-a-910108.html
Er tat, was er tun musste. Und es war richtig so.
jetlag chinaski 09.07.2013
3. gauck-behörde für nsa opfer...
bin gespannt wann es die ersten anträge auf einsicht in die eigenen nsa-akten gibt. die akten an sich werden ziemlich langweilig sein, man hat die meisten ja selber auf dem rechner- die kommentare der nsa-angestellten sind wahrscheinlich interessanter. eins interessiert mich noch, wird spam auch gesammelt, oder arbeiten die grossen email-provider schon in sachen spamfilter mit der nsa zusammen?
Querkopf_9 09.07.2013
4. Schön und gut
das ihr darüber berichtet aber was tut ihr sonst noch? Wenn jeder überwacht wird dann wohl auch der Spiegel mit seinen Redakteuren...... und was macht ihr? Nur berichten? Früher, also ganz viel früher, da konnten solche Blätter wie der Spiegel noch Druck auf die Regierung ausüben...und heute? Wes Brot ich ess,des Lied ich sing.Pfui
wuffulus 09.07.2013
5. Jetzt ist mir auch klar, warum der BND mehr Geld kriegen soll
Die NSA wird gesagt haben: Ihr müsst ein bisschen mehr überwachen, damit wir alles auf Euch schieben können, wenn rauskommt, dass auch die US Bürger überwacht werden.
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