Guatemala Krankes Wasser

Der Atitlánsee ist für Hunderttausende Menschen in Guatemala die einzige Frischwasserquelle - aber er droht wegen Pestiziden und Algen zu kippen. Warum wehrt sich die Bevölkerung gegen Pläne für eine Kläranlage?
Eine Visual Story von Ann Esswein und Felie Zernack

Großmutter See ist krank

Im Südwesten Guate­malas liegt der Atitlán­see: Hinter­grund­bild zahlloser Selfies, als Touris­mus­standort treibt er Gua­te­malas Wirt­schaft an. Fast 400.000 Ein­wohner leben um den See, der in einem Vulkan­krater liegt, er ist für viele die einzige Trink­wasser­quelle. Die Bewohner sind indigene Maya. Groß­mütter­chen nennen sie den See. Für sie hat er einen Vor- und Nach­namen: Cristalina Atitlán.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Sieben Uhr morgens. Gemäch­lich rauscht der See unter­halb von Matías Yaks Lehm­hütte. Heute ist ein guter Tag, der See ist ruhig. Es wird Fisch geben. Das ist nicht immer so. Der Fischer kennt den Blick auf den See, seit er denken kann. Geht es dem See gut, geht es auch dem 33-Jährigen und seiner Familie gut:

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Ann Esswein / Felie Zernack

Zum Jahres­wechsel ist es wieder soweit: Cyano­bakterien treiben wie ver­lo­rene Bart­stop­peln im gesam­ten See. Manche können Haut­ent­zündungen, Durch­fälle oder Er­brechen verur­sachen. Auch wenn es keine Algen sind, nennt man es Algen­blüte, wenn sie sich explo­sions­artig ver­mehren. Es ist die sechste Algen­explo­sion seit 2009. Sie treten in immer kürzeren Ab­stän­den auf. Seit mehr als zehn Jahren führt das Atitlán-For­schungs­zentrum CEA Mes­sungen durch, erklärt Claudia Romero:

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Ann Esswein / Felie Zernack

Wie der Fischer Yak, so kennt auch Eduardo Aguirre den See, seit er denken kann, als Ferien­ort seiner Familie. »Amigos del Lago Atitlán« ist auf sein Polo­hemd gestickt. Er ist Ge­schäfts­führer der Orga­ni­sation. »Die Freunde des Sees« sind Groß­städter und Aka­de­miker aus Guate­mala und der ganzen Welt.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Abwasser: Rund die Hälfte aller Haus­halte sind an Kana­lisa­tionen ange­schlos­sen. Abwäs­ser aus den Haus­halten fließen oft in Rinn­salen neben den Straßen fluss­abwärts in den See.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Marode Kläranlagen: Jeden Tag fallen um den See fast 46.000 Kubik­meter Abwas­ser an, nur 20 Prozent davon können behan­delt werden. Keine der Klär­anlagen um den See funk­tioniere ein­wand­frei, behauptet Eduardo Aguirre von Amigos del Lago Atitlán.

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Pestizide: Dünge­mittel werden ohne Kon­trolle oder Regis­trie­rung verkauft. Sie werden in den See ge­spült und steigern den Gehalt an Phosphat und Nitrat.

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Plastikmüll: Plastik­tüten, Dosen, Flaschen, die man in den See schmeißt, ver­schwin­den nur schein­bar. In Wirk­lich­keit schwimmt der Plastik­abfall über Jahr­zehnte bis Jahr­hunderte im See. Während der Regen­zeit wird der Müll von den Straßen in den See gespült. In der Ge­mein­de San Pedro La Lagu­na gibt es seit über zwei Jahren ein Ver­bot für Einweg-Plastik­produkte.

Der Megacolector

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Ann Esswein / Felie Zernack

Die Amigos del Lago Atitlán nennen die Lösung »Colector«. In einem gefliesten Groß­raum­büro in Guate­mala-Stadt planen sie Mit­tel­ameri­kas größ­tes Abwas­ser­auf­berei­tungs­projekt. Es soll in den See gebaut wer­den. Über ein netz­förmi­ges, schwim­mendes Rohr­system wer­den Abwässer an den tiefsten Punkt fließen.

In einer Klär­an­lage, zwanzig Kilo­meter vom Ufer entfernt, soll das Wasser geklärt wer­den, Turbi­nen produ­zieren mit dem Klär­wasser Elek­trizi­tät. Und auch für die Fest­stoffe im Abwas­ser gibt es einen Plan: Sie sollen ge­siebt und ge­trock­net orga­nischer Dünger wer­den, der an die Agro­indus­trie ver­kauft wer­den soll. Das Projekt ver­spricht Nach­haltigkeit.

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Der Geschäfts­führer von Amigos del Lago Atitlán steht unter Druck: Es ist Wahl­jahr in Guate­mala. Er hofft, dass das Kabi­nett bis zu den Ge­samt­wahlen ab Mitte Juni dem 200-Mil­lionen-Dollar-Projekt zu­stimmt. Aber was, wenn nicht?

Streit ums Wasser

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Im Januar geht eine Face­book-Nach­richt um den See: "Achtung! Wir rufen alle Men­schen auf, sich für den Atitlán­see ein­zu­setzen. Am mor­gigen Tag wird Vize­präsi­dent Jafeth Cabrera in Santiago an­kom­men, um die Um­setzung des be­rühmten ›Megacolectors‹ anzu­kündigen."

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Der Vize­präsi­dent Jafeth Cabrera stellt in einer Schule in der Gemeinde Chukmuk den Mega­colec­tor vor. Mehr als den Heli­kopter sehen die Demons­trieren­den nicht. Militär patrouil­liert um das Gelände. Davor ver­sammeln sich die Bewoh­ner. Sie sind wütend, weil sie nie zum Mega­colector befragt wurden.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Die Bewohner sind indi­gene Maya. Der See bedeu­tet für sie ihre Lebens­grund­lage und ist ein heili­ger Ort. Dass Außen­ste­hende ein über 60 Kilo­meter langes Rohr in den See legen wollen, und das in einer Erd­beben­zone am Fuße von drei Vulka­nen, ist für sie nicht nur falsch. Es macht ihnen Angst. Der Mega­colec­tor zerstöre ihr Öko­system, sagen sie, und er pumpe das Wasser aus dem See. Einen Plan, das Wasser nach der Klärung wieder zu­rück­zu­führen, gäbe es nicht.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Maggie García steht am Rande. Auch mit Pres­se­ausweis darf sie nicht in die Schule, um den Vize­präsi­denten zu hören. Draußen wird der Protest immer lauter, aber sie muss gehen. Ihr wenige Monate alter Sohn wartet zu Hause. Weil sie sich um seine Ge­sund­heit sorgt, kämpft sie für einen sau­beren See.

Aber der Mega­colec­tor ist für sie nicht die Lösung, son­dern ein wei­teres Problem und ein als Ent­wick­lungs­projekt maskier­tes weiteres Beispiel für Pri­va­ti­sie­rung. Um das in ihrem Hei­mat­ort deut­lich zu machen, organi­siert sie Pres­se­konfe­renzen und öffent­liche Treffen.

Wir sind nicht gegen Ent­wick­lung, steht auf einem Flyer, der wäh­rend der Pres­se­kon­fe­renz ausge­teilt wird. Was die Akti­visten fordern, ist nur ein Mit­sprache­recht. Eine vorherige Kon­sul­tation steht ihnen nach Uno-Recht zu. So steht es im Über­ein­kommen über ein­ge­borene und in Stämmen lebende Völker in unab­hängi­gen Ländern, das die Inter­natio­nale Organi­sation für Arbeit für die Mit­glieds­staaten geschlos­sen hat.

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Ann Esswein / Felie Zernack

In der Ver­gangen­heit sorgten Groß­pro­jekte immer wieder dafür, dass Seen kon­ta­mi­niert wurden und Flüsse aus­trock­neten. Der Zweifel ist his­torisch. Und dass auch der Colec­tor den Zucker­rohr­plantagen und der Produk­tion von Winter­gemüse für die USA zugute kommt und nicht den Gemein­den, ist ein weit­ver­brei­teter Gene­ral­ver­dacht. Der Organi­sation Amigos del Lago Atitlán werfen die Anwoh­ner vor, bewusst falsche Infor­matio­nen zu ihrem See zu ver­breiten, um ihre Inte­ressen durch­zusetzen.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Ist die Klär­anlage die Rettung? Oder ein Geschäft auf Kosten der Indi­genen? Was stimmt? Der See ist ein Medium in zwei ver­schie­denen Welten in diesem Land, sagt Juan Skinner. Manche sehen ihn nur als Frei­zeit­objekt. Für die Bevöl­kerung ist es ein Ort, an und von dem sie leben, seit vielen Generationen.

Skinner erforscht den Atitlán­see seit über 20 Jahren. Er ist hier auf­ge­wachsen und spricht die Sprachen der Indi­genen, aber hat auch in den USA stu­diert, viele Seen auf der ganzen Welt ge­sehen und spricht auf inter­natio­nalen Konfe­renzen. Skinner weiß, es geht nicht nur um die Ver­schmut­zung, sondern auch um den öko­logi­schen Rassis­mus, der bis in die poli­tischen Insti­tutionen ver­ankert ist.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Eigentlich ist Wasser in Guatemala All­gemein­gut, so steht es in der Ver­fas­sung. Anders aber als in Deutsch­land steht nir­gend­wo ge­schrie­ben, wer über einen See ver­fügen kann und wie. Seit Jahren fordern Initia­tiven ein Wasser­ge­setz. Gibt es Regeln, die zum Bei­spiel den Ein­tritt von Abwäs­sern ver­hindern sollen, wer­den sie nicht ein­ge­halten. Sie seien nicht aus­reichend, sagt Skinner und plädiert: Die Bewohner selbst müssen und sollten über ihren See ent­schei­den dürfen.

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Ann Esswein / Felie Zernack

Feliciana Mendoza wickelt Kerzen in Zei­tung und packt Blumen und Kräu­ter in einen Korb. Eine spi­ri­tuelle Führe­rin nennen sie die Leute in San Juan La Lagu­na. Sie trägt die Opfer­ga­ben an den See, um für ihn zu beten. Groß­mütter­chen See ist krank, und es ist die Auf­gabe derer, die schon immer um den See lebten, sich um sie zu kümmern.

Und die Politik? Ende Februar kommt es wäh­rend einer An­hörung im gua­temal­te­kischen Kongress zu einem Streit. Vize­präsi­dent Jafeth Cabrera kündigt seit vier Mona­ten den Mega­colec­tor an. Doch sein Privat­sekretär und Ver­treter ver­schiede­ner Minis­terien streiten plötz­lich ab, dass das Projekt jemals geneh­migt wurde. Ein Miss­ver­ständnis, heißt es.

Nun warten alle auf die Ent­schei­dung der Re­gierung, noch vor den Wahlen im Sommer. Stimmt sie für das Groß­pro­jekt? Oder dage­gen? Längst geht es dabei gar nicht mehr um das kranke Wasser und den See, so scheint es. Sondern um einen ganz ande­ren Konflikt: um Macht und Mitsprache.

Impressum

Autoren, Produktion Ann Esswein, Felie Zernack

Drohne Remington Wilcox

Grafik Cornelia Pfauter

Gestaltung, Programmierung Lorenz Kiefer

Dokumentation Marc Theodor, Nina Ulrich

Schlussredaktion Ursula Junger, Katrin Zabel

Redaktion Olaf Heuser, Jens Radü

Diese Recherche wurde gefördert und unterstützt von Netzwerk Recherche, der Olin-Stiftung und Brot für die Welt.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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