Guatemala Obama entschuldigt sich für Syphilis-Versuche

Die Entschuldigung kam mit 60 Jahren Verspätung: US-Wissenschaftler hatten in Guatemala 1500 Menschen ohne deren Wissen mit Syphilis infiziert - um die Wirkung von Penicillin zu erforschen. Jetzt äußerte der US-Präsident sein "tiefstes Bedauern" für die in den vierziger Jahren durchgeführten Versuche.

Barack Obama: "Tiefstes Bedauern" über Menschenversuche in Guatemala
AP

Barack Obama: "Tiefstes Bedauern" über Menschenversuche in Guatemala


Washington - Die USA haben sich bei Hunderten Menschen in Guatemala entschuldigt, die vor mehr als 60 Jahren zu Forschungszwecken mit Geschlechtskrankheiten infiziert wurden. In einer gemeinsamen Erklärung bezeichneten US-Außenministerin Hillary Clinton und US-Gesundheitsministerin Kathleen Sebelius die Studie am Freitag als "unethisch". Präsident Barack Obama entschuldigte sich in einem Telefonat mit Guatemalas Präsident Alvaro Colom ebenfalls für die Versuche.

Obama äußerte nach Angaben des Weißen Hauses in einem Telefonat mit Colom sein "tiefstes Bedauern" und entschuldigte sich bei den Opfern, wie der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, mitteilte. Der guatemaltekische Präsident sprach von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Colom war am Donnerstag von Clinton über die Geschehnisse informiert worden.

Die US-Außenministerin drückte in einem Telefonat mit Colom ihr "persönliches Entsetzen und tiefes Bedauern" darüber aus, "dass so eine verwerfliche Forschung geschehen konnte". Clinton und Gesundheitsministerin Sebelius baten in ihrer gemeinsamen Erklärung bei den Opfern um Entschuldigung und kündigten eine umfassende Untersuchung der Geschehnisse an.

Der Arzt John Cutler hatte in den vierziger Jahren in Guatemala an 1500 Menschen untersucht, ob mit dem damals noch neuen Wirkstoff Penicillin Geschlechtskrankheiten behandelt werden konnten. Für die Studie wählten Cutler und sein Team besonders gefährdete Menschen aus, darunter psychisch Kranke. Die Wissenschaftler hatten damals zwar eine Genehmigung von den Behörden, nicht aber von den Betroffenen eingeholt. Sie klärten die Beteiligten auch nicht über ihr Vorgehen und die möglichen Folgen auf.

Zunächst infizierten die US-Ärzte Prostituierte mit den Geschlechtskrankheiten Tripper oder Syphilis, dann ermunterten sie die Frauen zu ungeschütztem Sex mit Soldaten oder Gefängnisinsassen. Weil sich nur wenige Männer ansteckten, infizierten die Ärzte Soldaten, Gefängnisinsassen sowie psychisch Kranke schließlich direkt mit den Krankheiten. Mindestens einer der Patienten starb während der Studie, unklar ist jedoch, ob der Tod durch das Experiment ausgelöst wurde.

Die Studie wurde vom Panamerikanischen Gesundheitsbüro, das später in Panamerikanische Gesundheitsorganisation umbenannt wurde, vorgenommen. Finanziert wurde die Untersuchung von den Nationalen Gesundheitsinstituten (NIH). Deren heutiger Leiter Francis Collins nannte das Geschehene "zutiefst verstörend" und "ein entsetzliches Beispiel für das dunkle Kapitel in der Geschichte der Medizin". Der Senator Robert Menendez vom hispanischen Ausschuss des US-Kongresses sprach von einem der "dunkelsten Momente" in der Geschichte der USA. "Kein unschuldiger Mitmensch, egal welcher Herkunft, sollte wie eine Laborratte behandelt werden."

Die Menschenversuche waren erst in diesem Jahr bekannt geworden, als die College-Professorin Susan Reverby durch Zufall in einem Archiv Dokumente darüber entdeckte. Die Studie war nie veröffentlicht worden. Der verantwortliche Arzt Cutler war auch an der umstrittenen Tuskegee-Syphilis-Studie an Hunderten Afroamerikanern beteiligt. Für sie wurden zwischen 1932 und 1972 an Syphilis erkrankte schwarze US-Bürger nicht medizinisch behandelt.

Die US-Behörden haben zwei Ermittlungsgruppen eingesetzt, um das damalige Vorgehen aufzuklären und sicherzustellen, dass dergleichen nach heutigen Bestimmungen nicht mehr vorkommen kann.

cai/AFP/apn



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ewspapst 02.10.2010
1. Lug und Trug
Die Menschenversuche waren erst in diesem Jahr bekannt geworden, als die College-Professorin Susan Reverby durch Zufall in einem Archiv Dokumente darüber entdeckte. Die Studie war nie veröffentlicht worden. Der verantwortliche Arzt Cutler war auch an der umstrittenen Tuskegee-Syphilis-Studie an hunderten Afroamerikanern beteiligt. Für sie wurden zwischen 1932 und 1972 an Syphilis erkrankte schwarze US-Bürger nicht medizinisch behandelt. Das ist wieder eine elende Lügerei. Vor mehr als zehn Jahren ist über die Versuche an farbigen US Bürgern hier schon im Rundfunk berichtet worden und nun erzählt man uns wieder, man wusste nichts davon.
Pyr 02.10.2010
2. ...
Auf solche Abscheulichkeiten kann auch wirklich nur das Geschwür Mensch kommen.
Emil Peisker 02.10.2010
3. das "Mengele-Syndrom"
Zitat von sysopDie Entschuldigung kam mit 60 Jahren Verspätung: US-Wissenschaftler hatten in Guatemala 1500 Menschen ohne deren Wissen mit Syphilis infiziert - um die Wirkung von Penicillin zu erforschen. Jetzt äußerte der US-Präsident sein "tiefstes Bedauern" für die in den 40er-Jahren durchgeführten*Versuche. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,720842,00.html
Das "Herrenmenschen-Denken" muss bei Cutler tief gesessen haben, denn wer über eine so lange Zeit gegen unterprivilegierte Menschen solche Forschungsmethoden einsetzt, hat das "Mengele-Syndrom". Todsicher!
MarkusKrawehl, 02.10.2010
4. Nicht konsequent
Naja - besser spät als nie. Aber folgt auch noch die entschuldigung für das MK ULTRA Programm, wo mit Hilfe von ehemaligen KZ-Ärzten (die dann doppelt straffrei ausgingen) auch auf dem Boden Medikamententests mit teils tödlichem Ausgang durchgeführt worden sind? Oder ist man zu beschäftigt die Spuren nach dem Abzug der geheimen Folterlager in Polen zu beseitigen?
ReinerG, 02.10.2010
5. .
Ein amerikanischer Präsident entschuldigt sich für in der Vergangenheit begangene Missetaten? Das kann doch nicht sein! Solche Entschuldigungen gebühren nur Japanern und Deutschen. Damit ist das Schicksal der Demokraten bei den kommenden Wahlen endgültig besiegelt. Entschuldigungen sind un-American.
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