Korruptionsverdacht Guatemalas zurückgetretener Präsident Pérez in U-Haft

Gerade noch im Präsidentenpalast, jetzt im Militärgefängnis: Guatemalas Ex-Präsident Otto Pérez sitzt in Untersuchungshaft. Der 64-Jährige soll an der Spitze des Korruptionsringes La Línea gestanden haben.

Limousine mit dem Ex-Präsidenten an Bord: Otto Pérez auf dem Weg in die U-Haft
REUTERS

Limousine mit dem Ex-Präsidenten an Bord: Otto Pérez auf dem Weg in die U-Haft


Tiefer Fall eines Staatsmannes: Guatemalas Ex-Präsident Otto Pérez ist in Untersuchungshaft genommen worden. Es bestehe Fluchtgefahr, entschied Richter Miguel Ángel Gálvez am Donnerstag (Ortszeit). Pérez befindet sich nun in der Militärkaserne Matamoros im Zentrum von Guatemala-Stadt.

Guatemala Oberster Gerichtshof befragt den gefallenen Staatsmann am Donnerstag stundenlang. Die Staatsanwaltschaft spielte einige der rund 89.000 mitgeschnittenen Telefonate vor, die ein Korruptionsnetzwerk beim guatemaltekischen Zoll und Pérez' maßgebliche Beteiligung daran beweisen sollen. Der 64-jährige Ex-General soll von Mai 2014 bis April 2015 umgerechnet rund 3,3 Millionen Euro an Bestechungsgeldern eingestrichen haben.

Vorab hatte der konservative Ex-Präsident seine Unschuld beteuert. "Ich bin ruhig und ich werde der Situation mutig begegnen, weil ich nichts Falsches getan habe", sagte er in einem Radiointerview. Das Gericht nahm ihm das offenbar nicht ab.

Pérez' Anwalt Cesar Calderón hatte vergeblich argumentiert, dass sein Mandant vor seinem Rücktritt so mächtig gewesen sei, dass er angesichts der Korruptionsermittlungen problemlos hätte außer Landes fliehen können. Auch Pérez' frühere Stellvertreterin Roxana Baldetti sitzt wegen der Korruptionsaffäre in U-Haft.

Rund um die Kaserne Matamoros und an anderen Plätzen der Hauptstadt feierten hunderte Menschen Pérez' Rücktritt. Den hatte er erst nach monatelangen Demonstrationen und unter dem Druck eines Haftbefehls in der Nacht zum Donnerstag eingereicht. Das Parlament nahm den Rücktritt einstimmig an. Der bisherige Vize-Präsident Alejandro Maldonado wurde als Übergangs-Staatschef vereidigt.

Ein Komiker dominiert die Umfragen

Staatsanwaltschaft und Uno-Ermittler beschuldigen Pérez, ein führender Kopf eines Korruptionsnetzwerks zu sein. Dieses soll Importfirmen gegen Schmiergelder Einfuhrzölle in Millionenhöhe erlassen haben. Bekannt wurden die Machenschaften unter dem Namen "La Linea", der auf die mutmaßliche Telefonverbindung anspielt, über die korrupte Behördenvertreter gezielt kontaktiert werden konnten.

Am Sonntag findet in Guatemala turnusmäßig die erste Runde der Präsidentschaftswahlen statt. Der Wahlsieger tritt sein Amt allerdings erst Mitte Januar an. Bis dahin soll Maldonado die Amtsgeschäfte übernehmen. Nach seinem Amtseid sagte der 79-jährige Jurist, in diesen Zeiten des Umbruchs müsse die neue Regierung das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen. Dazu sollten "reife und erfahrene Leute, aber auch junge professionelle Menschen und soziale Aktivisten" in den öffentlichen Dienst des zentralamerikanischen Landes geholt werden.

Von den 15 Millionen Einwohnern Guatemalas leben fast 54 Prozent in Armut. Das Land leidet immer noch an den Folgen eines 1996 beendeten jahrzehntelangen Bürgerkriegs.

In einer am Donnerstag veröffentlichten Umfrage zur Präsidentenwahl lag der Fernseh-Komiker Jimmy Morales in Führung. In der Befragung im Auftrag der Zeitung "Prensa Libre" kam der 46-jährige Politik-Neuling auf 25 Prozent vor dem Konservativen Manuel Baldizón mit 22,9 Prozent und der sozialdemokratischen Ex-First Lady Sandra Torres mit 18,4 Prozent. Bei den Wählern gilt Morales als Alternative zu den etablierten Politikern. Pérez hätte sich aus verfassungsrechtlichen Gründen ohnehin nicht zur Wiederwahl stellen dürfen.

ler/AFP



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demophon 04.09.2015
1. Korruption Hauptgrund für Armut und Gewalt
Diese Art der Korruption, die bis in die höchste Ebene reicht, gibt es in Guatemala und den meisten anderen Ländern Lateinamerikas schon seit Jahrzehnten. Es stellt sich die Frage, warum die Justiz erst jetzt dagegen vorgeht. Sie ist doch selbst durch und durch korrupt. Die Korruption ist auch der Hauptgrund für die Armut und hohe Gewalt im Land, nicht der vor fast 20 Jahren beendete Bürgerkrieg.
raber 04.09.2015
2. Erstaunliche gewaltlose Entwicklung in Guatemala
Turnusbedingt wird alle paar Jahre eine Mafia durch eine neue ersetzt. So ist es nicht nur in Guatemala sondern in vielen Ländern. Falls diese Länder korruptionslos funktionieren sollten, würde es keine Minister und Abgeordneten geben. Trotzdem ist es erstaunlcih wie es dieses Mal in Guatemala abgelaufen ist. Ohne Barrikaden, Verletzte oder sonstwelche Gewalttaten.
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