Hackerangriffe auf China Staatsagentur brandmarkt USA als "größten Schurken unserer Zeit"

Die NSA soll Millionen chinesischer SMS und Datenleitungen der Tsinghua-Universität in Peking angezapft haben. Das berichtet jetzt Ex-Geheimdienstmann Edward Snowden. In Peking wächst die Wut. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua geht mit den USA hart ins Gericht.
Videoleinwand in Hongkong: Snowden "An sicherem Ort"

Videoleinwand in Hongkong: Snowden "An sicherem Ort"

Foto: Kin Cheung/ AP/dpa

Hongkong - Die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua übt heftige Kritik an den Spähprogrammen US-amerikanischer Geheimdienste. Die jüngsten Enthüllungen zeigten, dass sich die USA, die sich lange als unschuldiges Opfer von Cyber-Attacken dargestellt hätten, als "größter Schurke unserer Zeit" entpuppt hätten, heißt es in einem Kommentar von Xinhua.

Zudem war von "beunruhigenden Zeichen" die Rede, die eine Auslieferung des US-Whistleblowers Edward Snowden von Hongkong an die USA verkomplizieren könnten. In dem Kommentar wird betont, dass die Vereinigten Staaten formell die Auslieferung Snowdens beantragt hätten. "Washington muss zunächst reinen Tisch machen. Es schuldet China und anderen Ländern, die es ausspioniert haben soll, eine Erklärung", heißt es dann jedoch. Die USA müssten mit der Welt "die Reichweite, das Ausmaß und die Absicht seiner geheimen Hackprogramme teilen".

Angesichts jahrelanger Vorwürfe der USA, chinesische Hacker würden in Netzwerke und Computer in den USA eindringen, hatte die Regierung in Peking zuletzt beteuert, dass China selbst Opfer von Computerspionage sei. Die Enthüllungen Snowdens stützten die chinesische Argumentation, hieß es aus Diplomatenkreisen in Peking.

Snowden nennt Spähangriffe umfassend und intensiv

Die Hongkonger "South China Morning Post"  hat nun unter Berufung auf Snowden berichtet, die NSA zapfe auch chinesische Mobilfunkanbieter an und habe schon Daten von Millionen SMS gesammelt. Die Daten zeigten, dass 2012 in China 900 Milliarden Textbotschaften verschickt worden seien, berichtet die "South China Morning Post".

Der US-Geheimdienst "macht alle möglichen Sachen, zum Beispiel chinesische Mobilfunkanbieter anzuzapfen, um all deine SMS-Daten zu klauen", zitierte die Zeitung Snowden. US-Spione seien überdies ins System der renommierten Tsinghua-Universität in Peking eingedrungen, über das ein Großteil der chinesischen Internetkommunikation läuft.

Die Angriffe galten laut Snowden auch Cernet, einem der sechs großen Netzwerke des Landes, das an der Universität angesiedelt ist. Beim jüngsten Angriff im Januar seien allein an einem Tag mindestens 63 Computer und Server der Universität gehackt worden, berichtete Snowden. Er beschrieb die Angriffe als umfassend und intensiv.

Auch Pacnet, einer der größten asiatisch-pazifischen Glaskabelnetzbetreiber, sei gehackt worden. Das Unternehmen wickelt auch Internetverkehr mit den USA ab. Snowden hatte die Vorwürfe bereits vor einigen Tagen in der "South China Morning Post" angedeutet und nun konkretisiert.

Deutsche Politiker fordern Aufklärung

Wegen der Hinweise des Whistleblowers waren in der "Washington Post" und im "Guardian" bereits zwei Spähprogramme bekannt geworden: Das Projekt Prism des US-Geheimdienstes National Security Acency (NSA) und Tempora, ein nahezu grenzenloses Schnüffelprogramm der britischen Government Communications Headquarters (GCHQ), das systematisch Telefon- und Internetnutzer in aller Welt überwacht.

Die USA haben Snowden, der früher für die NSA arbeitete, wegen Spionage angeklagt und fordern seine Festnahme in Hongkong sowie seine Auslieferung. Die US-Behörden haben laut einem CNN-Bericht bereits Kontakt mit den Behörden in Hongkong aufgenommen.

Wie die "South China Morning Post" berichtete, ist Snowden nicht festgenommen oder in Polizeigewahrsam, sondern an einem "sicheren Ort". Es scheint aber nur eine Frage der Zeit, wann die Hongkonger Polizei angesichts der Anklage in den USA vor Gericht eine vorübergehende Festnahme beantragt, was auch eine Ausreise unmöglich machen würde. Allerdings kann Snowden gerichtlich dagegen vorgehen oder politisches Asyl beantragen und Berufungsinstanzen durchlaufen, was ihm weitere Zeit geben könnte.

In seltener Einhelligkeit fordern in Deutschland Regierung und Opposition Aufklärung über die US-amerikanischen und britischen Spähprogramme. "Wenn das berichtete Ausmaß der Datenüberwachung so stimmt, wäre dies nicht akzeptabel", sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder der "Welt am Sonntag". Zwar seien zur Abwehr terroristischer Gefahren große Anstrengungen notwendig. "Auf der anderen Seite müssen die Rechte der Bürger gewahrt werden."

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagte, der Kampf gegen den internationalen Terrorismus rechtfertige keine "systematische und flächendeckende Überwachung unser aller Kommunikation durch Geheimdienste, egal ob amerikanische oder britische".

"Die Vorwürfe klingen so, als ob der Überwachungsstaat von George Orwell in Großbritannien Wirklichkeit geworden ist. Das ist unerträglich", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". "Die Bundesregierung muss diese Vorwürfe aufklären und gegen eine Totalüberwachung von deutschen Bürgern vorgehen."

ulz/dpa/AFP
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