Haditha Interner Armee-Bericht bestätigt Massaker

Eine interne Untersuchung des US-Militärs kommt zu dem Schluss, dass US-Soldaten in Haditha willkürlich irakische Zivilisten erschossen haben. US-Präsident Bush zeigte sich in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu dem Fall "besorgt".


Berlin - Das "Massaker von Haditha" am 19. November 2005 war offensichtlich ein willkürlicher Angriff von US-Soldaten auf irakische Zivilisten. Zu diesem Schluss komme eine interne Untersuchung der US-Armee, berichtete heute die "New York Times". Zu den Beweisen, die der Sonderermittler Oberst Gregory Watt gefunden hat, zählen die Todesurkunden der 24 irakischen Opfer, die alle Schusswunden in Kopf oder Brust aufwiesen. Watts Bericht ist noch nicht öffentlich.

Überlebende, Opfer des Massakers: "Willkürlicher Angriff"
REUTERS

Überlebende, Opfer des Massakers: "Willkürlicher Angriff"

Der Hinweis auf die Schusswunden stand bereits in dem Artikel des US-Magazins "Time", der den Skandal Anfang des Jahres ins Rollen brachte. Unter der Schlagzeile "Ein Morgen in Haditha" hatte das Magazin den Angriff mit Hilfe von Augenzeugenberichten rekonstruiert. Zunächst war demnach der US-Marineinfanterist Miguel Terrazas in einem fahrenden Militärkonvoi durch eine ferngesteuerte Straßenbombe getötet worden, zwei weitere GIs wurden verletzt. Daraufhin zogen andere Mitglieder des Bataillons durch fünf anliegende Häuser und erschossen zwei Dutzend Zivilisten, darunter Frauen und Kinder.

"Ich glaube, dass sie einfach blind vor Hass waren und die Kontrolle verloren haben", sagte heute einer der beiden Verletzten, Unteroffizier James Crossan, dem Fernsehsender King-TV in Seattle.

Erst die "Time"-Recherchen veranlassten die US-Armee, am 14. Februar eine Untersuchung einzuleiten. Bis dahin hatte die offizielle Version gelautet, die Zivilisten seien bei der Bombenexplosion getötet worden. Gegenüber Sonderermittler Watts verteidigten die US-Soldaten laut "New York Times" ihr Verhalten damit, dass sie aus dem ersten Haus beschossen worden seien und in einem Haus das Ladegeräusch einer AK47-Maschinenpistole gehört zu haben glaubten.

Inzwischen läuft eine strafrechtliche Ermittlung gegen rund ein Dutzend beteiligte Marines, die zu Mordanklagen führen könnte. Gegen Vorgesetzte wird wegen Verdachts auf Vertuschung ermittelt. Das Weiße Haus sagte heute vollständige Aufklärung und eine Veröffentlichung des Berichts zu.

Falls Gesetze gebrochen worden seien, würden die Täter bestraft, sagte US-Präsident Bush in Washington in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu dem Fall. Er sei durch die Presseberichte sehr "besorgt" und dränge auf eine gründliche Untersuchung.

Der demokratische Kongressabgeordnete John Murtha, der bereits mehrfach den Abzug der US-Truppen aus dem Irak gefordert hat, sagte auf CNN, das Massaker von Haditha sei schlimmer als der Folterskandal von Abu Ghureib. Erneut warf er der Armee Vertuschung vor. Als Indiz führte er die Zahlungen von 2500 Dollar an, die an die Familien von 15 Opfern gezahlt wurden.

Der irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki zeigte sich tief besorgt. "Entschuldigungen sind nur begrenzt akzeptabel", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Wir sind besorgt über die Zunahme von 'Fehlern'. Ich sage nicht, dass sie beabsichtigt sind. Aber sie sind Besorgnis erregend." Maliki will nun den Druck auf die US-Armee erhöhen. "Wir werden um Antworten nicht nur auf die Haditha-Frage bitten, sondern für jeden Einsatz, bei dem es zu einer fehlerhaften Tötung kam, und wir werden diejenigen, die dies getan haben, zur Verantwortung ziehen."

Der neue irakische Botschafter in den USA, Samir al-Sumaidaie, schlug einen deutlicheren Ton an. Sein 21-jähriger Cousin sei vor einem Jahr ebenfalls in Haditha im Haus seiner Familie willkürlich von einem Marineinfanteristen erschossen worden, sagte er CNN. "Ich bin überzeugt, er wurde in voller Absicht getötet. Ich bin überzeugt, dass es keinen Grund für die Tötung gab". Anschließende Ermittlungen der US-Armee "schlugen aber eine andere Richtung ein und kamen zu dem Schluss, die Tötung sei nicht gesetzwidrig gewesen". Verwandte und Freunde hätten ihm auch von dem Massaker im November berichtet, ihn jedoch unter Druck gesetzt, es nicht weiter zur Sprache zu bringen.

Im März hatte die irakische Polizei der US-Armee vorgeworfen, willkürlich eine elfköpfige Familie in Ischaki nördlich von Bagdad erschossen zu haben. Vor wenigen Tagen leitete die US-Armee zudem Ermittlungen zum Tod eines weiteren irakischen Zivilisten westlich von Bagdad im April ein.

cvo//rtr/afp/ap



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